Die Nachhaltigkeitsforscher 2.0

Es ist eine junge Wissenschaft: An der Universität Bern widmen sich die Wirtschaftsinformatiker
 dem digitalen Wissen. Sie untersuchen, wie es in Zukunft verfügbar sein soll.

Matthias Stürmer informiert an der Nacht der Forschung über digitale Nachhaltigkeit.

Matthias Stürmer informiert an der Nacht der Forschung über digitale Nachhaltigkeit. Bild: Manu Friederich

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Matthias Stürmer hat noch nicht fertig ausgepackt. Im Gespräch fischt er ab und zu eine Studie aus einem der Umzugskartons in seinem Büro. Ein Standardwerk über digitale Nachhaltigkeit sucht man aber vergeblich. «Es ist eine junge Wissenschaft», sagt Stürmer über sein Forschungsgebiet am Institut für Wirtschaftsinformatik (IWI) an der Engehaldenstrasse. Der 34-Jährige ist Berner Stadtrat (EVP), Geschäftsführer der parlamentarischen Gruppe für digitale Nachhaltigkeit und engagiert in Open-Source- und Open-Data-Vereinen. Open Source bezeichnet lizenzkostenfreie Software mit offenem Quelltext, Open Data frei verfügbare Daten. Im Januar gründete Stürmer die Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit an der Uni Bern.

An der ETH inspiriert

Der Dozent vergleicht die Situation mit den Anfängen der Umweltwissenschaften, die aus den ökologischen Bewegungen der 1970er- und 1980er-Jahre entstanden sind. «Die Wissenschaft begann sich mit der Frage zu beschäftigen, wie natürliche Ressourcen für künftige Generationen erhalten werden können. Im heutigen Internetzeitalter müssen wir uns nun auch mit den nicht materiellen digitalen Ressourcen befassen.» Als Beispiel nennt er das Know-how über die Software eines bestimmten Flugzeugtyps. «Dieses Wissen ist nicht für immer gesichert, wenn es auf eine einzige Firma konzentriert ist.» Er beschreibt die Idee einer Open-Source-Community, in der jeder Ideen einbringen und Produkte weiterentwickeln kann.

Auf das Konzept der digitalen Nachhaltigkeit stiess Stürmer während seines Doktorats an der ETH Zürich. Bei Dozent Marcus Dapp, der seit 2004 eine Vor­lesung über «Digitale Nachhaltigkeit in der Wissensgesellschaft» anbietet. Laut Dapp werden digitale Ressourcen nachhaltig verwendet, wenn heutige und künftige Generationen ihre «digitalen Bedürfnisse» erfüllen können. Das bedinge, dass digitale Ressourcen möglichst vielen Leuten zugänglich und «frei von technischen und rechtlichen Restriktionen wiederverwendbar» seien. Zu den digitalen Ressourcen zählt Dapp Daten, Inhalte, Formate, Softwareprogramme.

Diese Definition von digitaler Nachhaltigkeit spiegelt sich nun in den fünf Forschungsschwerpunkten der Berner Forschungsstelle wider: Open Source, IT-Beschaffung, Netzpolitik, Open Govern­ment und Open Data. Stürmer hat in seiner Doktorarbeit im Bereich Open Source untersucht, wie Firmen mit Anbietern von lizenzkostenfreier Software zusammenarbeiten können. Gemein­sam mit der Abteilung Wirtschaftsgeografie untersucht er dieses Thema weiter.

Bei Open Data ist eine mögliche Forschungsfrage, inwiefern grafisch und inter­aktiv aufbereitete Daten der öffentlichen Verwaltung das Interesse der Bevöl­kerung an politischen Themen fördern. An der Nacht der Forschung der Universität Bern kann man dies gleich selbst ausprobieren: Am Samstag programmieren Studenten aus einer Open-­Data-Vorlesung am IWI, aber auch Profis Applikationen aus frei erhältlichen Daten­sätzen.

Antrag bei «Horizon 2020» hängig

Momentan entwickelt Stürmer im Auftrag des Kantons Bern eine Finanz-App aus Daten des Kantonsbudgets, die der Bevölkerung zugänglich sein soll. Solche Dienstleistungen sind eine Einkommensquelle der Forschungsstelle für digi­tale Nachhaltigkeit. Das Startkapital von 80 000 Franken lieferte der Verein Swiss Open Systems User Group, bei dem Stürmer im Vorstand sitzt. Weiter finanziert sich die Forschungsstelle etwa über Fachtagungen und Forschungsprojekte. Aktuell ist sie an einem länderübergreifenden Projekt zur Partizipation von Bürgern an politischen Budgetprozessen beteiligt. Die Forscher haben nun einen Antrag beim EU-Forschungsprogramm «Horizon 2020» eingereicht. (Der Bund)

Erstellt: 04.09.2014, 15:46 Uhr

Petrus und Pop

An der Nacht der Forschung verlassen Wissenschaftler der Uni Bern ihre Büros und Labors und geben einen Einblick in ihre vielseitige Arbeit. Da reist man in einem Vortrag per Albumcovers durch die Geschichte der Popmusik oder erfährt im interdisziplinären Projekt «Kultur-Transfer», wie etwa das Wort «Tabu» nach Europa kam. Im naturwissenschaftslastigen Programm können die Besucher aber auch selbst experimentieren, etwa OP-Roboter steuern oder bei den Meteorologen Petrus spielen. Auch dem akademischen Nachwuchs wird der Puls gefühlt: Die Studierendenschaft 
der Uni Bern stellt Resultate aus einer Umfrage vor, welche die Effekte der Bologna­-Reform auf die Berner Universitätsstudierenden beleuchtet. Auf der Konzert-Bühne 
gibts Power­point-Karaoke und Musik, unter anderem des Jazz-Orchesters Uni Bern. (lin)

Samstag, 6. September, 16 bis 24 Uhr. Hauptgebäude, UniS und Exakte Wissenschaften.

Fördergelder von der EU?

Nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative legte die EU die Verhandlungen über eine Teilassoziierung der Schweiz am Forschungsprogramm «Horizon 2020» auf Eis. Inzwischen ist zwar bekannt, dass vor allem Projekte aus der Spitzenforschung 
ab Mitte September wieder EU-Fördergelder bekommen könnten. Wie der Bundesrat in einem Brief schreibt, bleibt der Schweiz aber wohl bei den «Horizon 2020»-Forschungsschwerpunkten «Industrie» und «Gesellschaftliche Herausforderungen» der Zugang zu den EU-Fördertöpfen verwehrt.

Die Uni Bern führt derweil die Nacht der Forschung unabhängig von der EU durch. 
Für die Premiere im Jahr 2011 gab es noch finanzielle Unterstützung aus Brüssel. Dass die Berner Ausgabe nun an einem früheren Datum stattfindet, habe allerdings «unpolitische Gründe», sagt die Organisatorin Nicola von Greyerz. Die europäische Forschungsnacht falle jeweils auf die Herbstschulferien. Dies sei «suboptimal», da Familien ein wichtiges Zielpublikum seien. (lin)

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