Die Aussicht stimmt

Serie

Die neunte «Quartierspaziergang»-Folge handelt von Bethlehem. Rushit Hajzer ist hier aufgewachsen – seine Verbundenheit mit dem Quartier geht so weit, dass er sich die Postleitzahl auf die Fingerknöchel tätowieren liess.

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Hanna Jordi

«Ouesh ouesh», begrüsst sich die arabische Jugend in den französischen Banlieues. «Oui oui», steht an der Lärmschutzwand in Bethlehem, die den Block A der Hochhaussiedlung Gäbelbach gegen den Verkehrslärm der Murtenstrasse abschirmt. Es ist zehn Uhr morgens, Rushit Hajzer dreht den Schirm des Baseballcaps in den Nacken, damit man auf dem Foto sein Gesicht sieht. Ein Auto fährt vorbei, der Fahrer hupt, gibt Rushit ein Zeichen zum Gruss.

Der 21-Jährige sagte sofort zu, als er gefragt wurde, ob er sein Quartier bei einem Spaziergang vorstellen möchte. Rushit wuchs im ersten Stock von Block B an der Gäbelbachstrasse auf, «wo die Ausländer wohnen». Block A wurde 2010 aufwändig renoviert. Die Mieten wurden höher, 42 Prozent der Mieter zogen aus, jetzt ist hier eine Vierzimmerwohnung für knapp 1500 Franken zu haben. «Nicht korrekt», findet Rushit die Aufwertungsbemühungen der Verwaltung. «Viele Leute hier haben das Geld nicht. Wohin sollen die gehen?»

«Rock On» in Brünnen

Mit dem gleichen Argwohn blickt Rushit Richtung Brünnen, wo rund um den 2008 eröffneten Einkaufs- und Erlebnistempel Westside reihenweise Wohnungen für 2600 anspruchsvolle Vorstadtpioniere entstehen. Die Blöcke tragen Namen wie «Rock On» oder «Come West» und sind neben der Tramlinie 8 das sichtbarste Symptom des städtebaulichen Entwicklungsschwerpunkts Brünnen.

Es ist nicht das erste Mal, das Rushit Hajzer als Gewährsmann für Bethlehem amtet: Im Dokumentarfilm «Moi c’est moi» (2011) stiess der damals 15-Jährige als charismatisch-abgeklärter Nachwuchsrapper G-Shit ins Bewusstsein der Restschweiz vor. Sechs Jahre nach den Aufnahmen für den Film hat sich an seinem Zukunftsentwurf wenig geändert. Zwar heisst seine Crew nicht mehr «Blockjunge», sondern «Make Money», doch Rushit will es nach wie vor als Rapper schaffen. «Wenn ich es gescheit mache, wird es gehen»: Diesen Glaubenssatz wiederholt Rushit oft, auch vor seiner Mutter, die es lieber sähe, wenn er einer regelmässigen Arbeit nachginge anstatt bloss Gelegenheitsjobs. Demnächst bringt er ein Mixtape heraus, das erste Video ist schon abgedreht.

Bethlehem ist nicht Clichy-sous-Bois

«Bethlehem ist für uns eine Stadt. Hier finden wir alles, was wir zum Leben brauchen», sagt Rushit, während er durch die Unterführung des Center Gäbelbachs geht. Rushit spricht oft in Mehrzahl, selbst wenn er alleine ist. Wohl, weil er sich meist in einer Gruppe bewegt. Er und seine Freunde bestreiten ihre Tage gemeinsam: Dann treffen sie sich im Center Gäbelbach auf der Treppe, an der Holenackerstation oder im Westside, hören Musik, reden, spielen Fussball auf dem Beton.

Bethlehem, schon nur die Erwähnung des Quartiers löst bei Rushit Glücksgefühle aus, so stark ist die Identifikation mit dem Viertel. 2004 fabrizierte Sido die Hymne der Hochhausjugend, er fasste den Knotenpunkt ihres Lebens so zusammen: «Meine Stadt, mein Bezirk, mein Viertel, meine Gegend, meine Strasse, mein Zuhause, mein Block». Rushit hat sich «27» auf die Fingerknöchel tätowieren lassen, die letzten beiden Ziffern der Postleitzahl Bethlehems. Auch viele seiner Freunde trügen die Zahl am Körper, sagt er.

Natürlich ist Bethlehem nicht die wildeste aller Vorstädte, ist nicht das Märkische Viertel in Berlin oder Clichy-sous-Bois in Paris. Trotzdem sei es hier leicht, in Schwierigkeiten zu geraten, sagt Rushit. Die Kriminalstatistik der Kantonspolizei bescheinigt Bethlehem zwar eine geringere Kriminalitätsrate als der übrigen Stadt. Doch Rushit lässt sich nicht beirren: Im Verborgenen werde hier viel leichtes Geld gemacht, mit Rauschgifthandel, Diebstahl und Raub.

Das Mittel gegen Wohnungsnot

Rushit quert den Pausenbereich der Primarschule Gäbelbach, die auch er besuchte. Von hier aus hat man die Grünflächen der Siedlung im Blick. «Im Gäbelbach aufzuwachsen, war die beste Zeit», sagt Rushit. «In meinem Haus wohnten fünf meiner engsten Freunde, und wenn ich vor die Tür ging, war die Wiese voller spielender Kinder.» Inzwischen lebt er in seiner ersten WG, dem Quartier blieb er treu.

Rushit Hajzer ist halb Schweizer, halb Albaner, viele seiner Freunde haben ausländische Wurzeln. 37,4 Prozent Ausländer leben in Bethlehem, deutlich mehr als im Berner Durchschnitt. Bethlehem ist aber auch sonst Spitze. In einer Studie zu den Grossüberbauungen der Gemeinde Bern (2011) sind neun Hochhaussiedlungen gelistet, vier davon befinden sich in Bethlehem: Gäbelbach, Holenacker, Bethlehemacker und Tscharnergut. Sie prägen das Bild des Quartiers, und was ihnen an augenfälligen Reizen abgeht, machen sie mit ihrer architektonischen Bedeutung wett.

Sie gelten als Pionierprojekte: In den 50ern herrschte akute Wohnungsnot in Bern, erst die Wohnungen im Westen schafften Abhilfe. Es waren die ersten Hochhaussiedlungen der Schweiz, heute stehen manche von ihnen unter Denkmalschutz. «Als Kind fand ich die Einfamilienhäuser im Osten des Quartiers komisch», sagt Rushit, «ich stellte mir das Leben darin langweilig vor».

Im 20. Stock scheint die Sonne

Rushit hat die Jacke geöffnet, es ist ein sonniger, aber eiskalter Tag. Als er den Weg zum Bethlehemacker einschlägt, hat er plötzlich eine Idee. «Da drüben hat es eine Baustelle, vielleicht können wir aufs Dach», sagt er und weist auf ein eingerüstetes Hochhaus. Die Tür ist für die Bauarbeiter geöffnet, es ist eine Operation am wachen Patienten, die Wohnungen sind bewohnt, der Lift funktioniert. Im 20. Stock setzt der Fahrstuhl Rushit ab. Ab dort führt der Weg zwei Stockwerke über Baustellenabschrankungen aufs Dach, ins Freie.

Die Aussicht ist grossartig. Im Rücken reichen 200 Hektaren Wald bis zum Wohlensee, gegen vorne präsentiert sich das Relief von Bethlehem mit den Einfamilienhaussiedlungen und der strengen Silhouette des Tscharnerguts, linkerhand ist das Weyerli erkennbar, rechts das Westside. Bethlehem glänzt in der Sonne. «Verdammt, wir hätten das Video hier drehen sollen», murmelt Rushit.

DerBund.ch/Newsnet

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