Deutsche Fernbusse drängen nach Bern

Mit ihren Tiefstpreis-Angeboten haben sie bereits Zürich aufgemischt. Nun planen Discount-Carunternehmen ab Frühling 2015 die Bundesstadt anzusteuern. Als Bremsklotz erweist sich das Car-Terminal Neufeld. Wann der dringende Ausbau erfolgt, ist weiter ungewiss.

Gratis-WLAN inklusive: Flixbus will ab Frühling 2015 Bern ansteuern.

Gratis-WLAN inklusive: Flixbus will ab Frühling 2015 Bern ansteuern.

(Bild: zvg)

Adrian Müller@mueller_adrian

Bern–München ab 13 Euro: Der deutsche Fernbusanbieter Flixbus plant, ab Frühjahr 2015 von der Bundesstadt aus Richtung Deutschland zu verkehren. In den nächsten Wochen werde man eine entsprechende Konzession beantragen. «Es ist möglich, dass wir ab Bern gleich mit mehreren Linien starten», sagt Bettina Engert, Mediensprecherin von Flixbus. Welche Destinationen das Unternehmen anpeilt, will Engert noch nicht verraten. Warum will der Fernbus-Discounter Bern in sein Streckennetz aufnehmen? «Bern ist ein beliebter Studienort. Und es sind meistens Studenten, die unsere neuen Linien als Erstes nutzen.»

Zehnmal pro Tag nach München

Die Fernbusse boomen nicht nur wegen reisefreudiger Studenten: 2013 verlor die Deutsche Bahn DB das Monopol für den Fernverkehr in Deutschland. Seither kämpfen Fernbusunternehmen mit Tiefstpreisen und Gratis-WLAN um Anteile im rasant wachsenden Markt und drängen immer stärker in die Schweiz. Der Marktführer Mein Fernbus baut das Angebot ab Zürich stetig aus. Vom Busparkplatz Sihlquai beim Hauptbahnhof starten Busse bis zu zehn Mal täglich Richtung München. Weiter werden Frankfurt, Berlin, Stuttgart und neu auch Mailand bedient.

Gut möglich, dass schon bald Cars von Mein Fernbus in der Bundesstadt haltmachen. Nicht zuletzt, weil ein Schweizer beim Unternehmen die Angebotsplanung leitet: «Bern ist für uns durchaus interessant», sagt Tomislav Kokot, der an der Hochschule Luzern studiert hat und nun in Berlin arbeitet. Er will sich aber «aus Konkurrenzgründen» noch nicht in die Karten blicken lassen. «Wir werden 2015 in der Schweiz auf jeden Fall neue Linien eröffnen. Wann und ob auch Bern in unser Netz aufgenommen wird, ist noch nicht klar.»

Terminal Neufeld als Bremsklotz

Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis der erste Discount-Bus in Bern hält. Konzessionierte Linienbusse müssen zwingend den Car-Parkplatz hinter dem Park & Ride Neufeld anfahren, wo Reisende ungeschützt vor Wind und Wetter auf einem Kiesplatz aussteigen müssen. Ein Augenschein zeigte gestern Mittag trotz strahlendem Sonnenschein eine triste Situation: Sowohl die Imbissbude wie auch die Ticket-Häuschen waren geschlossen. Einzelne Reisende standen verloren auf dem Parkplatz umher und warteten auf ihren Bus Richtung Balkan. Laut Stefan Huwyler, Geschäftsführer des Car-Terminals Neufeld, verkehren ab dem Terminal derzeit im Durchschnitt täglich 25 Busse. Linienverbindungen bestehen Richtung Osteuropa, aber auch nach Deutschland und Portugal. Wegen des «minimalen Ausbaustandards» des Terminals hegt Huwyler gar Zweifel, ob die deutschen Anbieter Fahrten von hier anbieten wollen. Flixbus sagt dazu, am wichtigsten sei der Wetterschutz wie auch eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Zumindest der letzte Punkt ist im Neufeld gegeben.

Huwyler freut der Boom im Fernbus-Markt: «Busreisen werden so wieder breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht, und der Druck auf die Behörden steigt, endlich eine zweckmässige Infrastruktur zur Verfügung zu stellen.»

Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) ist mit der Situation im Neufeld nicht zufrieden. «Der Car-Terminal ist für Bern keine Visitenkarte, eine Sanierung ist dringend nötig.» Die grosse Frage sei, wer den «mehrere Millionen» teuren Ausbau finanziere. «Für die Stadt wäre es günstiger, wenn die Kosten für den Terminal durch eine Tankstelle und einen Quartiershop quersubventioniert werden könnten.» Bislang hätten sich jedoch keine Interessenten gemeldet. Laut Karl Vogel, Leiter Verkehrsplanung der Stadt Bern, soll bis Anfang 2015 eine Studie zum Ausbau des Car-Terminals vorliegen. Federführend ist die Autoeinstellhalle Waisenhausplatz AG Awag, an der die Stadt mit 62 Prozent beteiligt ist.

Deutschland steigt um

Der Car-Boom schafft auch Verlierer: In Deutschland haben die Busunternehmen der Bahn bereits viele Kunden abgejagt. Laut «NZZ am Sonntag» rechnet die Deutsche Bahn mit Einnahmeausfällen von 50 Millionen Euro.

Ab Bern gibt es ICE-Direktverbindungen nach Frankfurt und Berlin. «Wir stellen uns auf die Konkurrenz durch Fernbusse ein», sagt SBB-Sprecher Christian Ginsig. Geplant sei etwa, Aktionsangebote der Bahn im Internet deutlicher hervorzuheben. In der Schweiz dürfen Fernbusse Passagiere nur über die Grenze, aber nicht innerhalb der Schweiz von einem Ort zum anderen transportieren. Sollte Flixbus künftig von Bern via Zürich nach München fahren, dürften Passagiere in der Limmatstadt nicht aussteigen.

Der Bund

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