Deutsch lernen mit Jesus

Eine konservative evangelische Freikirche bietet in Bern kostenlose Deutschkurse für Migranten an. Zum Programm gehören neben Kaffee, Kuchen und einem Kinderhort auch freiwillige Bibelstunden.

Die Verbreitung des christlichen Glaubens unter Andersgläubigen ist für die Berner Gemeinde für Christus nichts Stossendes.

Die Verbreitung des christlichen Glaubens unter Andersgläubigen ist für die Berner Gemeinde für Christus nichts Stossendes. Bild: AP Thomas Kienzle (Symbolbild)

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Es ist eine multikulturelle Gruppe, die in einem Gebetsraum unweit des Berner Hauptbahnhofs zusammengefunden hat. Man rezitiert Bibelverse, die auf eine Leinwand projiziert werden: «Und so viele (…) ihn anrührten, wurden geheilt». Unter den Menschen, die Jesus‘ Heilkräfte preisen, ist auch eine Muslimin mit Kopftuch. Sie ist – wie alle Anwesenden – ein Flüchtling. Jeden Donnerstagmorgen besucht sie hier im Kirchgemeindehaus der «Gemeinde für Christus» (GfC) einen Deutschkurs für Migranten.

Seit sieben Jahren bietet die GfC, eine konservative evangelische Freikirche, Deutschkurse für Immigranten an. Aktuell nehmen alleine am Standort Bern rund 120 Migranten an der wöchentlichen Doppellektion teil. Obwohl das Angebot nur über Mund-zu-Mund-Propaganda beworben wird, sei die Nachfrage gross, sagt Bernhard Luginbühl, pensionierter Berufschullehrer und Leiter der Sprachkurse: Man führe eine Warteliste. Sollten aufgrund der Kürzungen im Bernisches Asylwesen die Deutschkurse in den Durchgangszentren wegfallen, dürfte die Nachfrage noch grösser werden.

Das Evangelium zeigt den Weg

Die Teilnahme, die Menschen im Asylverfahren sowie vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen offensteht, ist kostenlos; der Schulbetrieb scheint professionell organisiert zu sein. Die acht Klassen arbeiten mit modernen Lehrmitteln, werden auf mehreren Sprachniveaus und von ausgebildeten oder angelernten Lehrpersonen unterrichtet. Die eingangs geschilderte Bibelstunde ist nicht Teil des Deutschunterrichts, findet aber direkt im Anschluss statt. Diese sogenannte «Bibellese» erfreue sich grosser Beliebtheit, sagt deren Organisator Ulrich Kunz, der auch als Mitglied der Gemeindeleitung sowie als Hauswart des Gemeindehauses amtet: «Hier können die Teilnehmer ihre Deutschkenntnisse in der Praxis anwenden.»

Am vergangenen Donnerstag nahmen rund 20 Migrantinnen und Migranten daran teil – an anderen Tagen sollen es mehr sein. Im Anschluss führt Kunz nach eigener Angabe Gespräche mit den Teilnehmenden über deren Probleme und Ängste. Als Beispiel nennt er Schuldgefühle von Frauen, die abgetrieben haben oder Menschen, die in ihrem Herkunftsland unter Macht- und Missbrauchsverhältnissen gelitten hätten. Ihnen allen könne das Evangelium den Weg zeigen, sagt Kunz.


«Sehr problematischer Sprachkurs»

«Ich erachte diesen Sprachkurs als sehr problematisch», sagt Regina Spiess, Psychologin bei Infosekta, einer von der öffentlichen Hand mitfinanzierte Beratungsstelle zum Thema Freikirchen und Sekten. Sie erkenne hinter den Angeboten eine klare missionarische Absicht. Solche ziele stets auf Menschen «in verletzlichen Lebenssituationen», so Spiess. Zudem würden gerade Immigranten aufgrund ihres diesbezüglich fehlenden Vorwissens das Missionieren nur schwer als solches erkennen.

«Das Vermitteln von Deutschkenntnissen steht bei uns klar an erster Stelle», sagt Bernhard Luginbühl, «doch wenn wir Menschen für den Glauben an Jesus gewinnen können, erfüllt uns das natürlich mit grosser Freude.» Man wolle den Menschen, die sich in einer fremden Welt zurechtfinden müssen, Orientierung und ein Weltbild bieten. Auch Ulrich Kunz kann nichts Stossendes an der Verbreitung des christlichen Glaubens unter Andersgläubigen erkennen. «Ihr im deutschsprachigen Raum – der eindeutig christlich geprägt ist – habt ein gestörtes Verhältnis zur Christlichen Religion», findet er.

«Wir in der Gemeinschaft und ihr, die restliche Welt: Die GfC ist eine abgeschlossene und äusserst konservative Gruppierung , beispielsweise was die Stellung der Frau betrifft», sagt Spiess von Infosekta. Die Gemeinschaft, vormals als Evangelischer Brüderverein bekannt, sorgte in der Vergangenheit unter anderem mit Erziehungskursen und Erziehungsratgeber für Aufsehen.

In dem aus dem Englischen übersetzten Buch von Anne-Mary und Gary Ezzo, das von der GfC gedruckt und bis im vergangenen Jahr verlegten wurde, wird von Kindern ein negatives Grundbild gezeichnet: Sie seien faul und würden ihre Eltern manipulieren und terrorisieren. Zudem wird im Ratgeber die systematische Züchtigung von Kindern empfohlen. Zur Wahl der idealen Schlagrute empfiehlt der Führer etwa: «Verspürt das Kind keinen Schmerz, ist das Instrument wahrscheinlich zu leicht oder zu weich. Bleiben Verletzungen zurück, war der Gegenstand zu hart oder wurde unsachgemäss verwendet».

Der Kinderhort voller Spielzeug

Im ersten Stock des Gemeindezentrum ist für die Kinder der erwachsenen Sprachschüler ein Kinderhort eingerichtet. Im mit Spielzeug vollgepackten Raum scheinen sich die Kinder sichtlich zu amüsieren. Und auch für das leibliche Wohl ihrer Eltern ist gesorgt. Allwöchentlich bereiten rund zwanzig Kirchenmitglieder ein nahrhaftes Znüni für die Pause zwischen den Deutschlektionen vor. Das Zusammensitzen und der Austausch bei Züpfe, Kaffee und Kuchen sei das wichtigste am ganzen Vormittag, erklärt ein Lehrer. Und sollte ein Teilnehmer private Probleme haben, sei man auch sonst jederzeit erreichbar: «Alle Schüler meiner Klasse haben meine Telefonnummer». (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.03.2014, 11:01 Uhr

Die Sicht der Stadt Bern

Ursula Heitz, Leiterin des Kompetenzzentrum Integration der Stadt Bern, findet das Angebot der Gemeinde für Christus (GfC) grundsätzlich gut. Sie betont, dass eine Teilnahme freiwillig sei. Sie verweist zudem auf die durch das Kompetenzzentrum vermittelten offiziellen Deutschkurse für anerkannte und vorläufig aufgenommene Flüchtlinge sowie die Sprachkurse in den Asyldurchgangszentren.

Problematisch fände Heitz die Kurse dann, wenn ein Konfessionsübertritt die Grundlage für den Kursbesuch wäre oder wenn in den Kursen systematisch missioniert würde. Die Ausgestaltung des Kurses der Gemeinde für Christus sei ihr aber nicht detailliert genug bekannt, um abschliessend über das Angebot zu urteilen. Man habe keinen Kontakt zur GfC, vermittle auch keine Migranten dorthin.

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