Der oberste Gurlitt-Forscher ist ein Kunstmuseum-Insider

Oskar Bätschmann, emeritierter Professer für Kunstgeschichte, wird untersuchen, wem die zahlreichen Bilder in der umstrittenen Gurlitt-Sammlung gehört haben. Beginnen kann er damit vorläufig aber nicht.

Bis im Kunstmuseum die Sonderausstellung zu Gurlitt zu sehen ist, werden noch einige Jahre vergehen.

Bis im Kunstmuseum die Sonderausstellung zu Gurlitt zu sehen ist, werden noch einige Jahre vergehen. Bild: Keystone

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Noch ist völlig offen, ab wann das Kunstmuseum Bern die rund 1500 Werke der umstrittenen Gurlitt-Sammlung untersuchen, erforschen und ausstellen kann (siehe Text unten). Klar ist hingegen, wer für diese Provenienzforschung zuständig sein wird: Oskar Bätschmann – «ein Glücksfall», wie Christoph Schäublin, Präsident des Kunstmuseums-Stiftungsrats, sagte.

Bätschmann ist für das Kunstmuseum kein Unbekannter. Der 71-jährige emeritierte Professor und gebürtige Luzerner ist quasi ein Insider. Bätschmann ist seit langem eng mit Bern und dem Kunstmuseum verbunden. Von 1991 bis 2009 war er Professor für Kunstgeschichte der Neuzeit und der Moderne an der Universität Bern. Er war von 1999 bis 2007 Mitglied des Stiftungsrats der Stiftung Zentrum Paul Klee. Er war Mitglied der Museumskommission des Kunstmuseums Bern. Zusammen mit Schäublin, damals noch Rektor der Uni Bern, legte er 2000 ein umfangreiches Werk über den Renaissance-Gelehrten Leon Battista Alberti vor. Bätschmanns Frau Marie Therese ist zudem Vorstandsmitglied des Vereins der Freunde Kunstmuseum Bern.

Keine Entscheidungskompetenz

Wohl um mit dieser starken Verbandelung nicht Argwohn in der Kunstszene auszulösen, betont das Museum explizit, dass Bätschmanns Forschungsstelle keinerlei Entscheidungsbefugnisse hat. Definitiv über den Verbleib der Bilder entscheiden wird – basierend auf Bätschmanns Forschung – die deutsche Gurlitt-Taskforce Schwabinger Kunstfund.

Bätschmann, der in Bern wohnt, hat sich mit wissenschaftlichen Werken zu Ferdinand Hodler, Hans Holbein dem Jüngeren, Giovanni Bellini oder Nicolas Poussin international einen Namen geschaffen. Er ist Projektleiter im Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft in Zürich für Ferdinand Hodler.

In der Szene wird insbesondere seine fachliche Qualifikation als Kunsthistoriker betont. Norberto Gramaccini, der geschäftsführende Direktor des Instituts für Kunstgeschichte der Universität Bern, hat während vieler Jahre mit Bätschmann zusammengearbeitet. Er hält dessen Wahl für «positiv und begrüssenswert». Bätschmann sei ein sehr renommierter Kunsthistoriker mit grossen Verdiensten.

Dass die Forschungsstelle von Bätschmann geleitet wird, kann demnach als Entscheid für eine bewährte und anerkannte Vertrauensperson gewertet werden. Betrachtet man sein Curriculum, so wird aber auch deutlich, dass Raubkunst und Provenienzforschung nicht zu seinem Stammgebiet gehören. Publiziert hat Bätschmann aber auch über Künstler wie Paul Klee, Pablo Picasso oder Wassily Kandinsky – Maler also, deren Werke vom NS-Regime verfemt und als «entartet» bezeichnet wurden. Als Experte in Provenienzforschung wird er gleichwohl nicht wahrgenommen. «Bätschmann ist ein hervorragender Kunsthistoriker», sagt der Raubkunstexperte und Historiker Thomas Buomberger. «Ich hätte es jedoch begrüsst, wenn die Leitungsperson der Forschungsstelle grössere Erfahrung auf dem Gebiet der Provenienzforschung aufweisen würde.»

Es handle sich um ein «komplexes Geflecht von Akteuren». Man müsse die Händler und die betroffenen jüdischen Familien sowie die Abläufe und Netzwerke kennen. Buomberger nimmt an, dass die weiteren drei, noch zu bestimmenden Mitglieder der Forschungsstelle dieses spezifische Know-how aufweisen werden. Andere angefragte Experten äussern sich ähnlich zur Person Bätschmann, wollen sich aber nicht namentlich zitieren lassen. Bätschmann selber war gestern nicht erreichbar.

Nicht gänzlich unabhängig

«Ein erster wichtiger Schritt ist gemacht», sagt Andrea Raschèr, Experte für Raubkunst, zur Forschungsstelle, die für eine Dauer von sechs Jahren eingerichtet werden soll. Bätschmann sei «sehr gut vernetzt und ein grosser Fachmann». Eine abschliessende Meinung könne er sich aber erst bilden, wenn auch die anderen Mitglieder der Forschungsstelle gefunden seien. Das Kunstmuseum sucht dafür auf internationaler Ebene nach Profis, wie Museumsdirektor Matthias Frehner sagt. Die Experten müssten sich mit der Materie auskennen. Noch unklar ist, ob und wie die Universität Bern in die Forschung integriert wird.

«Es ist wichtig, dass an der Spitze jemand steht, der die Forschungsstelle fachgerecht und unabhängig managen kann», sagt Raschèr. Das Kunstmuseum schreibt dazu, eine spätere Verselbstständigung sei nicht ausgeschlossen. Vorerst ist die Stelle jedoch dem Stiftungsrat unterstellt. Loslegen wird die vierköpfige Gruppe erst, wenn der Erbstreit mit Gurlitts Cousine geklärt ist. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.02.2015, 06:52 Uhr

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Gurlitt: Raubkunst-Bilder Gurlitt-Bilder, die laut der Staatsanwaltschaft unter Raubkunst-Verdacht stehen.

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