Der jung gebliebene Betonkopf

Schöpfer eines vielgestaltigen Werks – der Architekt Edwin Rausser ist 90 Jahre alt geworden.

Sinn für die Anforderungen der Topografie, des Ortes und des Bestandes: Das Zentrum des Fleckviehzuchtverbandes in Zollikofen, entstanden 1968-70.

Sinn für die Anforderungen der Topografie, des Ortes und des Bestandes: Das Zentrum des Fleckviehzuchtverbandes in Zollikofen, entstanden 1968-70. Bild: zvg

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Wer sich im Bauinventar der Denkmalpflege den jüngeren Baubestand ansieht, stösst unweigerlich auf seinen Namen. Edwin Rausser kam vor 90 Jahren, am 13. Februar 1925, zur Welt. Er studierte an der ETH Zürich Architektur, arbeitete dann bei Maurice Billeter in Neuenburg, einem Schüler von Auguste Perret.1954 eröffnete er sein eigenes Büro in Bern. In seinem Werkverzeichnis figurieren Kirchen in Bichelsee (TG) und Urtenen, die Neugestaltung der Klosterschule in Einsiedeln, die Tibeterbibliothek in Rikon, Bauten an der Expo 1964, Schulhäuser in Urtenen und im Tscharnergut, kleinere und grössere Wohnbauten, Entwürfe für die UNO zum modularen Weiterbauen der alten Architektur in Saana (Jemen).

Nach dem Eintritt des Büropartners Pierre Clémençon 1973 folgten die Neukonzeption des Massnahmen­zentrums St. Johannsen/Gals, die Schlösser Bümpliz und Sumiswald und viele weitere Aufgaben: insgesamt ein sehr vielgestaltiges Werk. Wenn wir nach Gemeinsamkeiten suchen, so fällt die Sorgfalt im Ganzen wie im Detail auf, der Sinn für die Anforderungen der Topografie, des Ortes und des Bestandes. Da ist Fantasie am Werk, fern von jeglichem Schematismus. Augenfällig ist auch seine Fähigkeit Raum, Baukörper und Bauglieder zu formen.

Was war gefragt?

Heute betrachten wir einen der eigenwilligsten Bauten Raussers: das Zentrum des Fleckviehzuchtverbandes, heute Swissherdbook, an der Schützenstrasse in Zollikofen, entstanden 1968–70. Der Verband vertritt die Interessen von 11 000 Viehzüchtern in der Schweiz und bietet zahlreiche Dienstleistungen an. Wer meint, dafür sei ein ländlicher Holzbau das Richtige, der irrt. Holz, so überzeugte Rausser seine ­Bauherrschaft, lebt hier in Form der ­Schalungsabdrücke des Sichtbetons – und dieser ist Ausdruck der Fortschrittlichkeit.

Was war gefragt? Um frei disponible Grundrisse zu erzielen, wählte Rausser ein Stützensystem von 4 auf 6 Raum­feldern. Der Auftraggeber beschaffte sich eine der frühen IBM-Maschinen, für deren Lochkarten der Raum zu klimatisieren war. Konsequent wurde daher die Tragstruktur der Fassade nach aussen gelegt und die klimatrennende Haut nach innen. Das Skelett der Fassade wird von schlanken Betonpfeilern und -balken gebildet; diese tragen die geschrägten Brüstungsplatten. Die Balken ruhen auf Konsolen, die den Pfeiler­köpfen einen Kapitellcharakter verleihen. Verstärkt wird dies durch ein zweites Konsolenpaar, das die Pfeiler­seiten diagonal einfasst und schlanke Betonplatten trägt, fassadenbegleitende Laufstege zum Unterhalt der Fenster.

Ein kräftiges Kranzgesims bildet fürs Auge den Dachersatz. Der Fuss der oberen Konsolen durchdringt, sorgfältig gedämmt, die Glashaut und trägt die Betondecken der Stockwerke. Die Vertikalerschliessung ist ausgelagert in einen seitlichen Turm, der die Qualität einer Plastik hat.

Was ist das Spezielle?

Was ist das Spezielle? Unverkennbar hat das Prinzip der klassischen Architektur – Stützen und Lasten – hier eine neuzeitliche Interpretation erfahren. Auch für den Laien ist ablesbar, wie die Lasten getragen werden – und das in einem menschlichen Massstab. Nicht Steinhauer­arbeit bestimmt die Feinheit und das Angemessene der Bauteile, sondern sorgfältige Schalungsschreinerei und virtuoser Betonguss. Das Prinzip des äusseren Laufgangs erinnert an die Galerien mittelalterlicher Kirchenbauten, die neben anderen Funktionen auch die Zugänglichkeit der Fenster ermöglichen. Plastische Gliederung und klassische Proportionsregeln sichern die einnehmende Gesamtwirkung.

Architektur heisst hier aber nicht nur guter Entwurf, sondern auch qualitativ hochstehende Ausführung und Team­bildung mit dem Bauingenieur Heinz Studer, der für die Gestaltung Mitverantwortung trägt. Edwin Rausser suchte den geeigneten Polier, der das anspruchsvolle Betonbauwerk ausführen konnte: Die lastenden Elemente wurden auf der Baustelle als Vorfabrikate gegossen und ohne Fassadengerüst versetzt. Der moderne Werkstoff in sorgfältiger Gliederung und klassische Gesetzmässigkeiten liessen ein gültiges Werk entstehen, das samt der Verglasung seit bald 50 Jahren ohne jeden Schaden seinem Zweck dient.

Der Kunsthistoriker Jürg Schweizer lebt in Bern. 1990 bis 2009 war er Denkmal­pfleger des Kantons Bern. Er ist Mitglied des «Baustelle»-Kolumnistenteams. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.02.2015, 13:16 Uhr

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