Der beharrliche Fantast mit dem Deckel für die Autobahn

Autobahnen überdecken ist gut, findet der Maler und Querdenker Ronald Kocher. Noch besser sei aber, zugleich alles CO2 der überdeckten Autobahn einzufangen.

Maler Roland Kocher in seiner grünen Modellwelt des überdeckten Autobahnzubringers Bern-Neufeld.

Maler Roland Kocher in seiner grünen Modellwelt des überdeckten Autobahnzubringers Bern-Neufeld. Bild: Valérie Chételat

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Der Maler Ronald Kocher malt sich gerne die Zukunft aus. Seine Lieblingsfarbe ist dabei Grün: Statt im Grünen «Boden schlechtmachen» möchte er im Grauen «Boden gutmachen». Konkret: Seit Jahren wirbt der im Spiegel lebende 85-jährige Maler und Querdenker für seine Idee, unwirtliche Autobahnabschnitte zu überdecken und darauf Wohnraum und Grünflächen zu schaffen. Wiederholt hat er in raumplanerischen Verfahren mitgewirkt und dabei seine Vision präsentiert – oft unverstanden.

Am meisten Herzblut steckt in seinem Vorschlag, die Autobahnzufahrt Bern-Neufeld samt einem Teilstück der Autobahn gewissermassen im Boden verschwinden zu lassen und so Raum für ein 176'000 m2 grosses stadtnahes Quartier mit Alpensicht zu schaffen. Kocher versteht seine Idee als waldflächenschonenden Gegenentwurf zur umstrittenen Vision Waldstadt Bremer. Von Burgergemeindepräsident Rolf Dähler erntete Kocher vor zwei Jahren für seine Idee das Urteil «bestechend». Dähler liess ihn damals wissen: «Wir ermuntern Sie, sich dem Thema weiterhin anzunehmen.»

Wer Kochers Beharrlichkeit kennt, weiss, wie überflüssig die Ermunterung war. Kocher blieb dran – und jetzt erlebt er Sonderbares: Seine angejahrte Idee beginnt plötzlich neu zu funkeln. Nach den Jahren, in denen er primär belächelt und vertröstet wurde, begutachten jetzt Fachleute seinen Vorschlag mit anderen Augen. Den Ausschlag gab Kocher selbst: Ihm leuchtete ein, dass «Deckel drauf» nicht die ausreichend geniale Idee ist, und er begann sich auszumalen, was unter dem Deckel passieren müsste. Seine Erkenntnis: Rechtfertigen lässt sich der Deckel dann, wenn unter dem Deckel die vom Verkehr erzeugten Unmengen an CO2 gefasst und «irgendwie abgeschieden» werden. Nach seinen Berechnungen stösst der Verkehr im fraglichen Teilstück die «ungeheuerliche» Menge von 11'000 Tonnen CO2 pro Jahr aus.

ETH-Spin-off liefert die Antwort

Fürs «irgendwie abscheiden» gibt es jetzt eine Antwort. Climeworks, das Anfang Monat am Swiss Energy und Climate Summit in Bern mit Interesse zur Kenntnis genommene Spin-off-Unternehmen der ETH Zürich, liess Kocher wissen, es sei sehr wohl in der Lage, das Anliegen technisch zu lösen: Mit seinen industriellen CO2-Ausscheidungsanlagen könne aus der Abluft des Autobahndeckels hochreines CO2 abgeschieden werden. Und brauchen lasse sich dieses CO2 zur Düngung von Gemüse in Treibhäusern – oder als Ausgangsstoff für die Erzeugung von Fahrzeugtreibstoffen. Heute werden in der Schweiz jährlich bereits 60'000 Tonnen CO2 für solche Zwecke gehandelt.

Würde das Klimagas unter Kochers Autobahnglocke herausgefiltert, kämen besagte 11'000 Tonnen dazu. Climework-Geschäftsleiter Dominique Kronenberg: «Damit könnte der Bedarf eines Gewächshauses mit einer Grundfläche von 40 Hektaren gedeckt werden.»

Nur: Die von Climeworks entwickelten CO2-Kollektoren würden Investitionen von 8,8 Millionen Franken bedingen. Dazu kämen jährliche Betriebs- und Energiekosten im mittleren sechsstelligen Frankenbereich. Allerdings stünde dem ein Erlös von rund zwei Millionen Franken aus dem Verkauf des hochreinen CO2 gegenüber.

«Zu utopisch und unrealistisch»

Kocher freuts, aber er erahnt die Reaktion des Publikums: «zu utopisch, zu teuer, zu unrealistisch». Muss er sich also damit abfinden, weiterhin als Fantast zu gelten? Er kontert dezidiert: «Phantasten sind jene, die meinen, alles könne so weitergehen wie bisher.» Die stolzen Kosten seien «Anfangsschwierigkeiten, bis jemand merkt, dass sich so auch Geld verdienen lässt – und dass sich hier vielleicht eine Möglichkeit eröffnet, die beachtlichen Summen zu investieren, die für Projekte zur Reduktion von CO2-Emmissionen geäufnet werden.»

Kocher ist vor allem gelassen, weil er den Wandel vom Fantasten zum Realisten schon einmal erlebt hat. Als er vor gut 30 Jahren als Erster im Quartier 58 m2 Solarkollektoren auf seine Liegenschaft im Spiegel montierte, schimpfte man ihn einen Spinner. Heute würde er sich damit im Mainstream bewegen. Apropos Mainstream: Gar nicht ruhig bleibt Kocher angesichts des Umstandes, «wie viele sich aus Bequemlichkeit in der grossen Masse verstecken – weil sie sich nicht bewegen wollen». Solches wolle er sich selber nicht nachsagen lassen, betont der 85-Jährige in einem Anflug von jugendlichem Eifer: «Schnöden und selber nichts tun ist keine Haltung.» (Der Bund)

Erstellt: 18.09.2014, 13:17 Uhr

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