Der autonomistische Amtsträger

Der autonome Sozialist Jean-Pierre Aellen ist der amtsälteste Berner Grossrat: Anfang Juni beginnt er sein 21. Amtsjahr im Parlament eines Kantons, den er gerne verlassen würde.

«Ich habe die Zeit nicht vergehen sehen»: PSA-Grossrat Jean-Pierre Aellen (Tavannes). (Adrian Moser)

«Ich habe die Zeit nicht vergehen sehen»: PSA-Grossrat Jean-Pierre Aellen (Tavannes). (Adrian Moser)

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Wenn der Berner Grosse Rat demnächst seine neue Legislatur eröffnet, dann beginnt für Jean-Pierre Aellen vom Parti socialiste autonome (PSA) das 21. Amtsjahr. Der 64-jährige pensionierte Primarlehrer aus Tavannes ist bei weitem der amtsälteste Parlamentarier – und es ist ja nicht ganz ohne Ironie, dass der Doyen des Parlaments den Kanton Bern lieber heute als morgen verlassen möchte. Wenn er dem Berner Grossen Rat angehöre, sagt Aellen, dann tue er dies als Autonomist «mit einem klaren Ziel»: Er wolle die Interessen seiner Region vertreten, die er über alles liebe – und für deren Zukunft er die jurassische Vereinigung wünscht.

Im Grossen Rat ist Jean-Pierre Aellen kein Politiker der ersten Reihe. Weder als Separatist noch als Sozialist prägt er die Szenerie, doch Aellen ist auch kein Hinterbänkler, regelmässig steht er am Rednerpult – er gilt als ruhiger, unspektakulärer, vielleicht nicht sonderlich dynamischer Politiker. Lobende Worte finden Grossräte der linken Ratsseite: Die abtretende Grossratspräsidentin Chantal Bornoz von der berntreuen SP des Berner Jura würdigt Aellens «sozialistische Überzeugungen». Bei Themen wie Bildung, Gesundheit und Arbeit sei man einer Meinung, Aellen sei zudem, obwohl Autonomist, durchaus kompromissfähig. Aellen sei «in sozialen Themen sehr zuverlässig», sagt auch Grünen-Präsident Blaise Kropf, der ihn als umgänglichen, wenn auch wenig auffälligen Parlamentarier beschreibt. Zurückhaltender reagieren bürgerliche Politiker. Aellen halte sich in seiner französischsprachigen Welt auf, er wirke etwas isoliert, sagt BDP-Fraktionschef Dieter Widmer. Und der bernjurassische Freisinnige Sylvain Astier schimpft, Aellen kenne nur ein Ziel: die jurassische Vereinigung; der Kanton Bern sei ihm egal.

Auf die lange Amtsdauer angesprochen, sagt Aellen, das sei keineswegs so geplant gewesen, es habe sich so ergeben: «Ich habe die Zeit nicht vergehen sehen.» Die Arbeit des Parlamentariers gefalle ihm, sagt er, das Klima im Grossen Rat beschreibt er als gut – auch wenn er sich als Sozialist und Autonomist in einer zweifachen Minderheit befinde, die es schwer habe, ihre politischen Ideen durchzubringen. Bei der letzten Legislaturschlussfeier beschrieb Aellen seine Situation als Amtsältester mit viel Gelassenheit: «Ich stelle fest, dass ich das letzte Überbleibsel der Wahlen von 1990 bin. Ich frage mich gar nicht erst, ob diese Situation erfreulich ist oder nicht. Es ist eben, wie es ist.»

Aufgewachsen ist Jean-Pierre Aellen in St-Imier, als junger Lehrer kam er Anfang der 1970er-Jahre nach Tavannes. Hier spielte er als Fussballer im Dorfclub, trat in die SP ein. Aellen sagt: Um die Anliegen der kleinen Leute zu verteidigen, sei er in die Politik eingestiegen, und aus diesem Grund sei er auch dabeigeblieben. In der SP Tavannes wurde Aellen erst Sekretär und schon bald Interimspräsident. Die 1970er-Jahre waren die Jahre der Plebiszite, der heftigen innerjurassischen Auseinandersetzungen, das Politklima war vergiftet. Die SP spaltete sich in den berntreuen Parti socialiste du Jura bernois und in den separatistischen Parti socialiste autonome. Aellen ging zum PSA, wurde 1977 der erste PSA-Gemeinderat im Berner Jura.

Aellen ist aber nicht nur der dezidierte Autonomist, er hat auch immer gerne Ämter und Funktionen ausgeübt. So sass er mehrere Jahre in der Interjurassischen Versammlung, er gehört seit seiner Gründung dem Bernjurassischen Rat an, den er 2008/2009 präsidierte. Aellen war in den vergangenen zwei Jahren Fraktionschef der CVP/PSA-Fraktion im Grossen Rat. Er ist der Präsident des PSA – wobei im Berner Jura allen klar ist, dass in dieser Partei Vizepräsident Maxime Zuber der starke Mann ist, der Stadtpräsident von Moutier, Grossrat und eigentliche Vordenker der südjurassischen Autonomisten. Eine Überraschung war es, als der Separatist Aellen 2001 zum Gemeindepräsidenten im antiseparatistischen Tavannes gewählt wurde. Ein Dämpfer war es für Aellen dann aber doch, als er im November 2009 nach acht Jahren abgewählt wurde und die SVP die Mairie zurückeroberte.

Er wolle nicht auf die Rolle des Autonomisten reduziert werden, sagt Aellen und betont sein Engagement für soziale Themen, seinen Kampf gegen die Sparpläne der Rechten. Die jurassische Frage aber bleibt Aellens Hauptthema. Nach der Studie der Interjurassischen Versammlung, so sagt er, hätten sich die Berner Regierung und der Grosse Rat voreilig auf die Piste «Status Quo +» festgelegt und dem Modell eines neuen Kantons aus Jura und Berner Jura eine Absage erteilt. Nur die jurassische Einigung aber, so Aellen, werde die jurassische Frage lösen. Er habe nichts gegen die Berner, betont er, mit Heimatort Saanen habe er selber bernische Wurzeln. Aber: Man müsse den Jurassiern ermöglichen zusammenzuleben.

Er werde, sagt Jean-Pierre Aellen, nun noch eine Weile im bernischen Kantonsparlament bleiben, und «schauen, wie sich die Dinge entwickeln». Im gegebenen Moment werde er dann seinen Platz räumen. Vorläufig aber hat Aellen noch keineswegs genug von der Politik: Im Bernjurassischen Rat hat er sich kürzlich wieder zum ersten Beisitzer des Büros wählen lassen, ein Amt, das den Weg zur erneuten Ratspräsidentschaft ebnet. «Er ist definitiv unermüdlich», notierte das «Journal du Jura». (Der Bund)

Erstellt: 27.05.2010, 09:05 Uhr

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