Der Nachlässige

Der Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) hat bewiesen, was er kann. Das Rampenlicht liebt er noch immer, doch der Verschleiss nagt an ihm.

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Noch zwei Jahre lang sitzt der «König von Bern» auf seinem Thron, ehe er das aristokratische Stadtpalais zu räumen gedenkt. Als Alexander Tschäppät vor zwei Jahren mit fast 70 Prozent der Stimmen seine Wiederwahl als Stadtpräsident schaffte, fürchtete man, der Erfolg steige ihm in den Kopf. Dank der vielen Apéros habe er stets zehn Kilo zu viel auf den Rippen, den Boden unter den Füssen verliere er nicht so leicht, konterte dieser.

Tschäppät, der brillante Redner. Tschäppät, der seine politischen Gegner mit Offenheit entwaffnet, versteht es, seine Schwächen zu seinen Stärken zu machen. Wie kein anderer Berner Politiker hat er sich einen Namen geschaffen, der längst zur Marke geworden ist. Er hat der Bundesstadt ein Profil verliehen. Beweisen muss er das nicht mehr.

Geliebte Mammutprojekte

So wird ihn auch kaum jemand auf seine Legislaturziele von 2012 behaften. Der Vorschlag, an der Hodlerstrasse einen Jugendtreff einzurichten und die Drogenanlaufstelle zu verschieben, stiess auf Unverständnis. Verlockend klang es, mit einem Hochhaus auf der Schützenmatte nach Zürich und Basel auch Bern einen «Tower» zu verpassen. Doch mehr als eine vage Idee war das nicht.

Ob Bern zum Etappenort der Tour de France wird, steht ebenfalls noch in den Sternen, und um die Abrechnung für das gescheiterte Bern-Logo mit der stilisierten Bärentatze mochte er sich nicht kümmern. Dafür wird Bern nächstes Jahr vermutlich über einen neuen Stadtteil im Viererfeld abstimmen können – ein Herzensanliegen von Tschäppät. Der 62-Jährige denkt eben in grossen Dimensionen, in Mammutprojekten, da bleibt das Kleine zuweilen liegen, gehen die Vorortsgemeinden vergessen, wenn er von der Hauptstadtregion spricht.

Unseriosität als Konzept

Nun, am Ende seiner politischen Karriere, ist es ruhiger geworden um den Stapi. Wenn er im Stadtrat sitzt, versunken in seinen Sessel und in Gedanken, wirkt er zuweilen müde, desinteressiert, gar abgelöscht. Auch als Nationalrat macht er kaum von sich reden. Es scheint, als nage nach zehn Jahren an der Macht der Verschleiss an ihm. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass der YB- und SCB-Fan, der auch gerne mal mit dem Volk bechert, den grossen Auftritt nach wie vor liebt.

Vor einem Jahr riss er bei einem Comedy-­Auftritt in «Das Zelt» Witze über die Faulheit der Italiener. «Tschäppu – presque un nom de clown», schrieb «La Liberté» damals. Doch einmal mehr scheinen ihm die Berner die saloppen Sprüche verziehen zu haben. Tschäppät, authentisch, unterhaltsam. Etwas Un­seriosität gehört seit jeher zum Konzept – auch im Umgang mit Frauen.

Bevor er in zwei Jahren sein Amt an Ursula Wyss weitergibt, möchte Tschäppät sich noch ein Denkmal setzen. Und dann? Als Sozialdemokrat werde er weiterhin für eine gerechtere Welt kämpfen, liess er einmal verlauten. Vielleicht belässt er es auch damit, als politischer Kabarettist aufzutreten. Sicher ist: Das Rampenlicht verlassen wird er so schnell nicht.

DerBund.ch/Newsnet

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