Der «Integratör» will die Welt verbessern

Der Berner Musiker und Komödiant Semih Yavsaner hat für sein Alter Ego Müslüm den Berner Förderpreis für Integration bekommen. Er erklärt, warum der freche Türke mehr als nur eine Klamauk-Figur ist.

Der «Integratör»: Semih Yavsanher alias Müslüm.

Der «Integratör»: Semih Yavsanher alias Müslüm.

(Bild: zvg)

Christian Zellweger@@chzellweger

«Integration, das ist wie Muttertag, man fühlt sich zu etwas gezwungen.» Semih Yavsaner, der Mann, der Müslüm ist, sitzt im Keller des Café Kairo. Für einmal tritt er nicht im pinken Anzug, mit schriller Sonnenbrille und zusammengewachsenen Augenbrauen auf. Dafür mit Dreitagebart und schwarzer Strickkappe, unter der die Locken hervorlugen.

Am Montag hat Yavsaner für seine Kult-Kunstfigur Müslüm den «Förderpreis für die Integration der Migrationsbevölkerung der Stadt Bern 2013» erhalten. Er würde Integrations- und Migrationsthemen «aus einer unkonventionellen Perspektive» beleuchten, sagte Gemeinderätin Franziska Teuscher an der Verleihung des Integrationspreises.

Es freue ihn sehr, für seine Arbeit endlich auch mal Anerkennung aus dem «akademischen Milieu» zu erhalten, sagt Yavsaner. Denn viele sehen in Müslüm, dem schrillen Einwanderer aus Südanatolien, immer noch ausschliesslich die reine Klamaukfigur, die Klischees über Ausländer zementiert und flachen Humor mit Üs und Ös schmückt.

Mehr als Klamauk

Doch für Yavsaner ist Müslüm weit mehr als nur der Ausländer mit dem lustigen Akzent und den unverschämten Sprüchen. Und auch mehr als eine reine Bühnenfigur, mit der sich der Lebensunterhalt mittlerweile ganz gut bestreiten lässt.

Geboren wurde der «Integratör» Müslüm in einer Sendung Yavsaners für das Berner Alternativradio Rabe – die Hälfte des Preisgeldes will Yavsaner denn auch dem Radio spenden. Dort war er «der Mann mit dem Telefonscherz». Später war Müslüm auch auf einem Zürcher Lokalsender zu hören. Der Song «Erich, warum bisch du nid ehrlich» für die Berner Reitschule und gegen den SVP-Mann Erich Hess brachte ihm 2010 den Durchbruch, die Single «Süpervitamin» erreichte 2012 Goldstatus, das gleichnahmige Album ist nicht mehr weit davon entfernt.

Nicht auf dem vorgespurten Weg

Wie aber soll nun ein klischierter Türke mit frechen Sprüchen, bunten Klamotten, übersteigertem Liebesbedürfnis und «Immigranten-Pop» der «Integration der Migrationsbevölkerung» zuträglich sein?

«Mit Müslüm will ich zeigen, dass auch Kinder von Gastarbeitern aus der vermeintlich vorgespurten Bahn ausbrechen können, ohne dabei ihre Herkunft verleugnen zu müssen», sagt Yavsaner. Denn dass einer wie er Künstler werden würde, war nicht vorhersehbar. Der 33-jährige kommt aus einer Arbeiterfamilie, in der es vorkam, dass ihm die Mutter bei Liebesszenen im Fernsehen die Hand vor die Augen hielt, «sogar noch, als ich schon 15 war.» Viele Kinder von Migranten würden sich in dieser traditionellen Welt ihrer Eltern einrichten.

Und wenn etwa Kinder mit Eltern aus dem Balkan das ihnen zugeschriebenen Klischee reproduzierten und sich als rasende Gangsta-Rapper gäben, die sich über die braven Schweizer lustig machten, «dann sind sie unter ihren Freunden Helden. Diese Haltung verstehe ich einfach nicht.» Er selber habe die Dinge früh hinterfragt, sei immer lieber bei Freunden als zu Hause gewesen und habe gegen die Traditionen rebelliert. Immerhin: Den Eltern zuliebe hat er nach einer schwierigen Schulzeit doch noch das Bürofachdiplom gemacht.

Humor als Nahrung

Doch mit Schulwissen und Politikersprache wie «Integration» erreiche man die Jungen mit dem Redbull in der Hand und den Kopfhörern in den Ohren nicht. Humor hingegen öffne die Herzen, sagt Yavsaner: «Ein hungriges Kind will nichts lernen. Aber wenn man ihm während dem Essen was beibringt, hört es zu.» Humor als Nahrung lautet das Rezept von Müslüm.

Und während alle lachen, wenn er den Tele-Züri Moderator Markus Gilli während der Talk-Sendung auf die Glatze küsst oder in seinem Testosteron-Überschuss auch bei Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf einen Eroberungsversuch wagt, äussert die Kunstfigur auf einmal Dinge, die man nicht aus ihrem Mund erwarten würde: Statements gegen Entfremdung und Kommerzialisierung, für mehr Liebe, Unabhängigkeit, Toleranz und Solidarität: «Wir sind alle aus der gleichen Materie.»

Nicht käuflich

Neben dem Humor ist Müslüms grösstes Kapital seine Glaubwürdigkeit. «Ich habe mit Müslüm immer nur das gemacht, was ich wollte», sagt Yavsaner. Geplant habe er nichts. «Ich habe meine Vision verfolgt, der Erfolg ist dann einfach gekommen». Und er will sich auch in Zukunft nicht für Kampagnen und Initiativen vereinnahmen lassen.

Und schon gar nicht will er seine Figur für Geld verkaufen. Als das Lokalradio aus Zürich Müslüm exklusiv für sich beanspruchen wollte, kam es zum Bruch. Und gerade kürzlich habe er ein sehr gutes Angebot eines TV-Senders ausgeschlagen. Auch mit einem neuen Müslüm-Album lasse er sich soviel Zeit, wie er brauche und höre nicht auf Marketingstrategen, die ihm dazu raten würden, nach seinem ersten Erfolg bald nachzulegen.

Wie es mit Müslüm weitergeht, kann und will Yavsaner nicht sagen. Obwohl er sich jeden Schritt gut überlegt, will er nicht zu weit voraus planen und zu viel ankündigen. Und doch wird er sich Gedanken über die Zukunft machen müssen, denn mit der gestiegenen Popularität hat sich einiges geändert: «Müslüm hat auf einmal eine Vorbildfunktion. Ein Vorbild hat aber auch Verantwortung.»

DerBund.ch/Newsnet

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