Der Fahnenmeister der Nation

Fahnen sind Roland Kaufmanns Beruf: Als offizieller Fahnenmanager ist er am Nationalfeiertag für die Beflaggung des Bundeshauses verantwortlich. Insgesamt hat er 3000 Fahnen in seiner Obhut, die er – wenn nötig – auch bügelt.

Roland Kaufmann besorgt das Flaggenmanagement des Bundes – auch im Kleinen mit den Tischfähnchen.

Roland Kaufmann besorgt das Flaggenmanagement des Bundes – auch im Kleinen mit den Tischfähnchen. Bild: Manu Friederich

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Seit mehr als fünf Jahren zeigt Roland Kaufmann Flagge. Er, der ursprünglich in der Kaffeebranche tätig war, ist oberster Fahnenmeister der Schweiz. Als offizieller Fahnenmanager der Eidgenossenschaft ist Kaufmann für die Beflaggung der Parlamentsgebäude und Bundesbauten zuständig. Ob bei Staatsempfängen, militärischen Ehren, Besuchen aus dem Ausland, Vertragsunterzeichnungen oder Pressekonferenzen: Kaufmann stellt das richtige Drapeau.

Rund 3000 Hoheitszeichen aus 193 Ländern lagern in Schränken und Schubladen an der Berner Schwarzenburgstrasse. Wenn am Vortag des Nationalfeiertags Herr und Frau Schweizer im Garten voller Stolz die Landesfahne hissen, steigt Kaufmann auf das Dach der Nation: Die Kuppel des Bundeshauses. Ein Privileg, wie er findet. «Diese Aufgabe ist für mich etwas vom Schönsten.»

80-seitiges Fahnenreglement

Der Nationalfeiertag ist im Arbeitsjahr des 61-Jährigen ein wichtiger Tag. Rund drei Dutzend Schweizer und Kantonalfahnen ziehen Kaufmann und sein Stellvertreter Daniel May eigenhändig zum 1. August auf dem Bundeshaus und den angrenzenden Gebäuden auf. Zuletzt kamen die Kantonsfahnen am 11. Januar dieses Jahres beim Neujahrsempfang zum Einsatz, als Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf die Vertreter des diplomatischen Corps im Bundeshaus begrüsste. «Die hier gelagerten Fahnen haben eine sehr lange Lebensdauer, da sie nur für bestimmte Anlässe gehisst und dann wieder eingezogen werden», sagt Kaufmann. Trotzdem müssen sie regelmässig auf Schäden und Schmutz kontrolliert, für bestimmte Anlässe von Hand gebügelt, feinsäuberlich zusammengefaltet und verpackt werden.

Wenn der Bär die Seite wechselt

Welche Anlässe das sind, ist streng reglementiert. Ebenso die Platzierung und Rangfolge des Fahnenschmucks. Als wichtigste Arbeitsgrundlage dienen dem Fahnenmanager die Weisungen des Bundesrats über die Beflaggung der Gebäude des Bundes und das 80 Seiten starke Fahnenreglement der Schweizer Armee. «Da steht an sich alles drin, was wichtig ist», sagt Kaufmann. Und das ist nicht wenig: Die Vorschriftenliste gibt etwa das vorgeschriebene Verhältnis der Fahnenstangenhöhe zur Höhe der Fahne vor und erklärt, wann der Berner Bär sogar von links nach rechts marschieren darf. Dann nämlich, wenn es die Höflichkeit gebietet und der Mutz die rechts von ihm platzierte Schweizer Fahne zu grüssen hat. Alles andere wäre ein schwerer Fauxpas.

Noch komplizierter wird es, wenn die Fahnen der Kantone Luzern, Schwyz und Tessin nicht am Mast gehisst, sondern an die Wand gehängt werden. Dann müssen sie nicht nur gespiegelt, sondern noch gedreht werden: Das Luzerner Wappen – sonst waagrecht in Weiss und Blau geteilt – ist dann ungewöhnlich, aber richtigerweise senkrecht geteilt. «Es ist eine Wissenschaft für sich», sagt Kaufmann. Eine, bei der das Nichtbeachten der Regeln besonders bei Staatsempfängen leicht zur delikaten Angelegenheit werden kann. Immerhin ist die Landesfahne nicht irgendein Stück Stoff, sondern Hoheitszeichen eines Staates. «Ich bin immer froh, wenn bei solchen Anlässen alles glatt über die Bühne geht.»

«Ich habe einen Traumjob»

Obwohl er privat keinen Fahnenmast im Garten stehen hat, hat er doch das eine oder andere Fahnen-Exemplar zu Hause. Wenn er Gäste empfange, platziere er gerne kleine Tischfähnchen zu Dekorationszwecken. Und spielt die portugiesische Elf, hängt die entsprechende Nationalflagge am Fenster. Als schweizerisch-portugiesischer Doppelbürger schlägt Kaufmanns Herz für die Seleção. Auf die Frage, für welche der 3000 an der Schwarzenburgstrasse gelagerten Fahnen sein Herz denn besonders schlägt, antwortet Kaufmann indes diplomatisch. Lieblingsfahne habe er keine. Hauptsache «schöne Farben» und «kreative Formen».

Kaufmann hat bereits an vielen Grossanlässen das Fahnenmanagement übernommen: etwa beim Staatsbesuch des spanischen Königs Juan Carlos im letzten Jahr oder beim Empfang des russischen Präsidenten Medwedew 2009 – einer der Höhepunkte, wie er sagt. Aber nicht nur bei politischen, auch bei sportlichen Ereignissen zeichnete er schon für das Fahnenwesen verantwortlich. An der Eiskunstlauf-EM 2011 in Bern stellte der Bund ebenso die Fahnen zur Verfügung wie bei der Eröffnung der Eishockey-WM 2009 oder beim Empfang des Bundesrates zur Eröffnung der Fussball-EM 2008.

Der wohl grösste Organisationsakt stellte im letzten Oktober die 125. Versammlung der Interparlamentarischen Union in Bern dar mit 157 Mitgliedstaaten: Im Kongresszentrum auf dem Areal der Bern Expo baute Kaufmann ein regelrechtes Fahnenmeer auf. Dagegen ist der heutige Fahnenhimmel an der Nordseite des Bundeshauses geradezu bescheiden. Und doch: «Ich geniesse es jeweils, auf dem Balkon des Parlamentsgebäudes zu stehen und meine Arbeit zu verrichten. Ich habe einen Traumjob.» (Der Bund)

Erstellt: 01.08.2012, 06:02 Uhr

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