Der Einzelkämpfer hat noch viel vor

Kaum einer hat so viel Erfahrung mit Oppositionspolitik wie Luzius Theiler.

Oppositionspolitiker seit eh und je: Stadtrat Luzius Theiler (GPB-DA).

Oppositionspolitiker seit eh und je: Stadtrat Luzius Theiler (GPB-DA). Bild: Manu Friederich

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Diesmal ist er mit seiner Beschwerde abgeblitzt. Vergeblich hatte Stadtrat Luzius Theiler verlangt, dass das Berner Stimmvolk darüber befinden kann, ob die Stadtregierung neue Computer und Laptops anschaffen dürfe. Theilers Beschwerde kam zu spät. Jetzt sitzt der 73-Jährige im Restaurant Rathauskeller und rührt seelenruhig mit dem Löffel in seinem Kaffee. Die Beschwerde sei wegen einer Formfrage abgewiesen worden. «Dennoch habe ich damit eine Diskussion angestossen», sagt er.

Theiler, der Querulant

Kaum einer hat so viel Erfahrung mit Oppositionspolitik wie Luzius Theiler. Bereits zum dritten Mal und seit insgesamt 27 Jahren sitzt er im Berner Stadtrat, für die Grüne Partei Bern (GPB-DA), die er einst unter dem Namen Demokratische Alternative gegründet hatte. Dazwischen war er 14 Jahre lang im Grossen Rat, davon 4 Jahre für den LdU. Mit unzähligen Beschwerden, kritischen Vorstössen und ausführlichen Voten hat er sich den Ruf eines Verhinderers erworben. Theiler, der Querulant; Theiler, das «Enfant terrible»; Theiler, der «Felsblock unter den Wendehälsen», der beharrlich an seinen Überzeugungen festhält: So wurde er in der Presse beschrieben.

Theiler kämpfte gegen das Projekt Waldstadt Bremer, gegen den Seilpark im Dählhölzliwald, gegen die Kunstrasenfelder auf der grossen Allmend. Unermüdlich setzt er sich dafür ein, dass «das Land nicht verschwendet wird». Auf den Plan gerufen wird er auch immer dann, wenn er die Grundrechte in Gefahr sieht – etwa, wenn es um Verbote im öffentlichen Raum geht. Dabei gehe es oftmals auch nur darum, die «Achse der Diskussionen etwas zu verschieben». Dies gelinge umso besser, «wenn man die Dinge mit einer gewissen Radikalität angeht», sagt er. Theiler nimmt seine Lesebrille von der Nase und schmunzelt.

Sein letzter Erfolg liegt nur wenige Wochen zurück. Theiler hatte gegen die städtisch subventionierten, aber teuren Wohnungen am Centralweg opponiert. Seine Motion, die den Kreditbeschluss des Stadtrats für den «Prestige-Bau» aufheben soll, wurde gutgeheissen. Manchmal seien leider Skandale nötig, damit Fortschritte möglich seien, sagt er. So etwa, als das Bundesgericht auf sein Betreiben hin feststellte, dass der Kanton Bern dreissig Jahre lang eine verfassungswidrige Finanzierungspraxis für den Strassenbau betrieben hatte. Das war 1979. Theiler bezeichnet dies als seinen grössten politischen Erfolg.

Der Lehrer war Naturschützer

Theiler, der in Kaliningrad geboren wurde und als Vierjähriger mit seiner Familie in die Schweiz zurückkehrte, ist als Primarschüler politisiert worden. «Mein Lehrer war Naturschützer.» Für die Rheinau-Initiative, die den Schutz der Flusslandschaft Rheinau zum Ziel hatte, sammelte er erstmals Unterschriften. Kinderbücher interessierten ihn nicht. Lieber las er die Hefte, die sein Vater für einen Fünfliber von verschiedenen Organisationen erhielt – am liebsten die Zeitschrift der Internationale der Kriegsdienstgegner. Als 16-Jähriger sass er im Jugendparlament. Seine erste Stelle beim Eidgenössischen Statistischen Amt verlor er, weil er bei der «Junkere 37» aktiv war, einem nonkonformistischen Diskussionszirkel.

Mit allen zusammenarbeiten

Theiler sagt, er habe grosse Achtung vor Menschen , die sich beharrlich für etwas einsetzten. «Leute, die so laut reden, dass man sie hört, auch wenn ihnen das Mikrofonkabel durchschnitten wird.» Er nennt den Bieler SP-Nationalrat und Kriegsdienstverweigerer Arthur Villard. Oder den Umweltschützer Franz Weber, als dessen Sekretär er einst arbeitete. Nicht zuletzt habe sein verstorbener Parteikollege Daniele Jenni grossen Einfluss auf ihn gehabt. «Von ihm lernte ich, mit juristischen Mitteln etwas zu verändern.» Schliesslich komme er sich nicht wie ein Aussenseiter vor. «Ich bin in einer wahnsinnig privilegierten Position im Stadtrat. Ich gehöre keiner Fraktion an und kann mit allen zusammenarbeiten», sagt der studierte Soziologe. Die Kehrseite davon: Ihm standen nicht alle Türen offen. «Nationalrat wäre ich gerne geworden. Und fast hätte es für den Gemeinderat gereicht.»

Höflich, angenehm und verbissen

Ist er mit den Jahren kompromissbereiter geworden? «Vielleicht arbeite ich heute besser mit anderen zusammen.» Als höflich und angenehm wird er zumindest von Stadtratskollege und FDP-Fraktionspräsident Bernhard Eicher bezeichnet. «In der Sache aber ist er hartnäckig und verbissen», sagt Eicher. Zuweilen bringe er ihn und seine Parteikollegen aber zum Schmunzeln: «Oft stellen wir fest, dass er mit seinen formalen Einwänden recht hat.»

GFL-Stadtrat Manuel C. Widmer, der selbst einmal in Theilers Partei war und mit dessen EU-kritischer Haltung nicht einverstanden war, sagt: «Ich bewundere ihn für seine Ausdauer und schätze seine intellektuellen Akrobatikstücke im Stadtrat», sagt Widmer. «Theiler hat einen gesunden Fundamentalismus, der von links bis rechts immer wieder auf Zustimmung stösst.» Natalie Imboden, Präsidentin Grünes Bündnis Bern und ehemalige Stadtratskollegin von Theiler, nimmt diesen als Einzelkämpfer wahr. «Die Frage, ob er in unserer Partei politisiert, hat sich nie gestellt.» Vor allem in der Wohnbaupolitik beständen Differenzen. «Theiler vertritt eine bewahrende Linie, während wir uns für nachhaltiges Bauen einsetzen», sagt sie. Theiler setzt seine Lesebrille wieder auf. Ans Aufhören habe er auch schon gedacht. «Ich sitze gerne am Meer.» Doch momentan habe er noch genug zu tun in Bern. (Der Bund)

Erstellt: 03.10.2013, 11:51 Uhr

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