Das «neue Gesicht» ist Geschichte

Seit die Stadtberner Bevölkerung den Kredit für die Sanierung des Stadttheaters gutgeheissen hat, sind Teile des Projekts bereits gestrichen worden, so etwa der neue Vorplatz.

Bei der Sanierung des Stadttheaters wird nicht alles gebaut, was Bernerinnen und Bernern einst versprochen war.

Bei der Sanierung des Stadttheaters wird nicht alles gebaut, was Bernerinnen und Bernern einst versprochen war.

(Bild: Valérie Chételat)

Matthias Raaflaub

Die Berner werden ihre Sanierung des Stadttheaters bekommen. Glücklicherweise müssen sie sich über ausufernde Baukosten für einmal keine Sorgen machen. So scheint es jedenfalls. Die Sanierung, verbunden mit einem Grossumbau des Theatersaals, dem Ersatz der Bühnentechnik und neuer Bereiche für das Publikum, darf am Ende nicht mehr als 43,24 Millionen Franken kosten.

Ein fixes Kostendach soll böse Überraschungen verhindern. Die Kehrseite: Bernerinnen und Berner werden wohl erst beim Abschluss der Bauarbeiten im Herbst 2017 wissen, was sie für ihr Geld bekommen. Das Sanierungsprojekt wird unter dem Begriff «Design to cost» auf die Kosten hin geplant. Fällt ein Budgetposten zu teuer aus, muss anderswo gespart werden, damit die Rechnung am Ende aufgeht.

Was die Stadt bisher nie an die grosse Glocke gehängt hat: Bereits sind Teile des Umbauprojekts zusammengestrichen worden. Darunter auch der neue Vorplatz. Noch im November 2013 war er im Abstimmungsbüchlein zur Vorlage über den Sanierungsbeitrag der Stadt angekündigt worden. Stadtpräsident Ale­xander Tschäppät (SP) antwortete am Montag auf eine Anfrage des «Bund» schriftlich: «Alle wesentlichen Teile des Projekts mit Ausnahme des Vorplatzes werden im Sinne der Abstimmungsbotschaft gebaut werden können.» Wie kam es dazu, dass dieser Teil des Projekts gestrichen wurde?

Bei der Sanierung eingespart

Nachdem Tschäppäts Präsidialdirektion im Februar 2014 bekannt gegeben hatte, dass wegen des zu engen Zeitplans eine Ausschreibung gescheitert war, ging man hinter den Kulissen ans Sparen. Die Ausschreibung wurde wiederholt. Gleichzeitig begann der für die Sanierung verantwortliche Lenkungsausschuss mit einer «Verzichtsplanung», einem Sparprogramm über das Projekt. Er musste über die Bücher, um garantieren zu können, dass das Kostendach eingehalten wird.

Die Erkenntnisse im Februar hatten für das Projekt weitreichendere Konsequenzen, als die Verantwortlichen bekannt gaben. Von März bis Ende August 2014 wurde eine Reihe von geplanten Eingriffen des Bauprojekts zurückgestuft. Die «Massnahmen zur Kostenoptimierung» habe der Lenkungsausschuss Anfang September vergangenen Jahres verabschiedet, teilte gestern auf Anfrage Hochbau Stadt Bern mit. Dies ist einiges später, als von Tschäppät angekündigt worden war.

Eingespart wurde bei der «Verzichtsplanung» auch rund eine halbe Million Franken, welche für den Bau eines neuen grösseren Vorplatzes vorgesehen war. Der Vorplatz war einst als Visitenkarte des neuen Stadttheaters geplant. Als «das neue Gesicht des Stadttheaters» war es vom Planungsbüro angepriesen worden, welches den Zuschlag für die Neugestaltung des Publikumsbereichs erhielt.

Zwei Kandelaber «starker Monumentalität» sollten der Stadttheater-Front Gewicht im Stadtbild geben. Aus dem neuen Vorplatz mit seinen riesigen Strassenleuchten wird aber definitiv nichts. Von aussen wird von der Sanierung des Gebäudes wohl auch zum Ende der Arbeiten 2017 nicht viel zu erkennen sein.

Der Leitungsausschuss zur Sanierung hat die Kosten für einen neuen Vorplatz offenbar eingespart, nachdem bereits klar war, dass er aus dem Projekt gefallen war. Denn eine Baubewilligung dafür gab es nie. Das gibt auf Anfrage Hochbau Stadt Bern bekannt. Das Tiefbauamt hatte interveniert, weil die Erweiterung des Vorplatzes die zweite Tramachse – geplant seit April 2012 – behindert hätte.

Dereinst hätten Trams durch die Berner Innenstadt beim Stadttheater in die Nägeligasse abzweigen sollen. Obwohl es schon zu Beginn der Bauarbeiten nicht einmal eine Baubewilligung für den neuen Vorplatz gab und dieser Teil des Projekts gar nicht hätte umgesetzt werden können, verkaufen die Verantwortlichen die Streichung des Vorplatzes weiterhin als Einsparung, «um das Kostendach einzuhalten».

Weitere Teile des Projekts befinden sich in dieser Verzichtsplanung, obwohl sie sowohl eingespart als auch noch umgesetzt werden könnten. Dazu gehören grössere Umbauten für die Räume im rückwärtigen Schüttetrakt, dem Backstage-Bereich des Stadttheaters.

Die Regionalkonferenz Bern-Mittelland listet auf ihrem Internetauftritt aber auch «diverse Massnahmen in den Bereichen Beleuchtung, Einrichtung, Akustik, Or­ches­tergarderoben» als Sparbereiche auf, welche «aus Kostengründen zurückgestellt werden mussten». Das bestätigt Jennifer Luginbühl von Hochbau Stadt Bern. Diese Teile der Stadttheater-Sanierung habe der Leitungsausschuss allerdings «reduziert oder vereinfacht, aber nicht gestrichen», schreibt sie.

Weniger Umbau fürs Geld

Die halbe Million Franken, welche nun letztlich nicht für den Vorplatz ausgegeben wird, gilt im Sinne des Projekts als «eingespart». Das gleiche gilt für Teile des Umbaus aus der Verzichtsplanung, wenn diese schliesslich nicht mehr vorgenommen würden. Das Geld für den Vorplatz sei «nicht anderswo ausgegeben» worden, «sondern war Teil der Verzichtsplanung, um das Kostendach einzuhalten», schreibt Hochbau Stadt Bern.

In der Logik von «Design to cost» bedeutet dies indes, dass die Stadttheatersanierung auch mit Abstrichen weiterhin maximal 43,24 Millionen Franken kosten wird. Saniert wird also zum gleichen Preis, dafür bekommen Bern und die Region bereits ein bisschen weniger Stadttheater für ihr Geld.

Der Bund

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