«Das ist kein Zeltplatz»

Es ist geschafft: Unser «Bund»-Redaktor hat am Gurtenfestival alle drei Nächte auf dem Zeltplatz genächtigt. Das Fazit ist klar und deutlich: «Nie wieder». Hier sein Bericht.

Der Wohlfühlfaktor auf dem Zeltplatz ist niedrig.

Der Wohlfühlfaktor auf dem Zeltplatz ist niedrig.

(Bild: Tobias Anliker)

Es ist 08.30 Uhr und ich werde durch lautes Gebrüll geweckt: «Beeilt euch, bald beginnt es zu regnen», sagt ein Besucher. Mit Erstaunen muss ich feststellen, dass meine Zeltnachbarn bereits wach sind und ihre Siebensachen zusammenpacken. Um Petrus' Zorn zu meiden, krieche ich instinktiv aus dem Zelt und beginne, dasselbe zu tun. In nur 15 Minuten bin ich, wie meine Nachbarn auch, bereit, den Berg zu verlassen. Das frühe Erwachen war auch am letzten Tag des Festivals wieder mal furchtbar. Und der Regen holt mich ein, bevor ich das Gurtenbähnli erreiche. Beim Anstehen höre ich, wie ein genervter Besucher sagt: «Das ist kein Zeltplatz.»

Und genau hier wird deutlich, warum am Gurtenfestival der Wohlfühlfaktor niedrig ist: Das Zeltplatz-Konzept auf dem Gurten ist besucherunfreundlich. Der Platz wird nur zum Schlafen aufgesucht. Ein längeres Verweilen ist nie möglich. Sobald ich von der Sonne geweckt werde, bin ich gezwungen, das Weite zu suchen. Die nächsten Schattenplätze befinden sich an der Hauptstrasse des Zeltplatzes. Dort weiterzuschlafen ist keine Option, weil sich in der Nacht diverse männliche Besucher am Zaun erleichtert haben – und das riecht man. So bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf das Festivalgelände zu begeben. Dort einmal angekommen, bin ich dem dauerhaften Lärm der drei Bühnen ausgesetzt.

Selber entscheiden dürfen

An einem guten Festival will ich entscheiden dürfen, wann ich auf das Festivalgelände gehen möchte. An einem guten Festival gibt es Rückzugsmöglichkeiten. Anstatt gemütlich mit den Freunden beim Zeltplatz das gute Wetter zu geniessen, nerve ich mich über die seltsame Stimme der Sängerin auf der Hauptbühne, über die überteuerten Preise an den Essständen – die sich qualitativ im unteren Durchschnitt befinden – und natürlich die gefühlt 5'000 Zuschauer zu viel, die auf das Gelände gelassen wurden. Das nächste Problem sind die Zelte: Es sind nur Zweier-Zelte erlaubt. Das ist in erster Linie verständlich, hat es doch kaum Platz für umfangreichere Grössen. Trotzdem möchte ich ein Zelt aufstellen, in dem ich mich stehend umziehen kann.

Konzept bleibt gleich

An anderen Festivals sieht es besser aus: Weil Pavillons und grössere Zelte erlaubt sind – und sogar Essstände teilweise vorzufinden sind – leben die Zeltplätze regelrecht. Überall finden Interaktionen zwischen den Besuchern statt. Neue Freundschaften entstehen, weil man beim Zelt zusammen ein Bier trinkt und ins Gespräch kommt. Es ist schade, dass die Veranstalter des Gurtenfestivals den Zeltplatz nur als Schlafstätte sehen. Und eine Besserung ist nicht in Sicht: An der Medienkonferenz macht Festival-Chef Philippe Cornu klar, dass man am Konzept festhalten werde. Dabei wünschen sich viele, dass die Sleeping Zone sich in ein lebendiges Dorf verwandeln würde.

Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird sich das aber an diesem Festival nicht ändern. Deshalb hat mein Zelt am Sonntagmorgen den Berg verlassen und kehrt nie mehr wieder zurück.

DerBund.ch/Newsnet

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