«Das Thema war geprägt vom Bild des Rambo-Radlers»

Wolle die Stadt Bern den Veloverkehr fördern, müsse sie Verständnis schaffen, sagt der Münchner Experte.

Experte Martin Hänsel, stellvertretender Geschäftsführer bei der Kreisgruppe München des Bundes Naturschutz: «Ich wünsche der Stadt Bern, dass sie direkt zu einer sachlichen Diskussion übergehen kann.»

Experte Martin Hänsel, stellvertretender Geschäftsführer bei der Kreisgruppe München des Bundes Naturschutz: «Ich wünsche der Stadt Bern, dass sie direkt zu einer sachlichen Diskussion übergehen kann.»

(Bild: zvg)

Adrian M. Moser@AdrianMMoser

Herr Hänsel, auch die Stadt Bern will den Veloverkehr fördern. Ist München dafür das richtige Vorbild?
Ja und nein. Zum einen ist München ein gutes Vorbild, weil es zeigt, dass eine markante Steigerung des Anteils des Radverkehrs am Gesamtverkehr möglich ist. 2002 waren wir bei 10 Prozent, jetzt sind es 17 oder sogar 20 Prozent.

Und zum anderen?
Die Stadt München hat noch nicht bewiesen, dass sie auch dort, wo es eng ist, den Mut hat, eine gute Situation für den Radverkehr zu schaffen. Es gibt Stellen, an denen es keine andere Möglichkeit gibt, als den Autofahrern Platz wegzunehmen. Mit diesen Projekten tut sich München bisher schwer.

Die Stadt Münster hat einen viel höheren Radverkehrsanteil als München. International ist etwa Kopenhagen herausragend. Wäre es besser gewesen, sich eine dieser Städte zum Vorbild zu machen?
Nein, ich finde es richtig, sich an einer Stadt wie München zu orientieren. Orientiert man sich an Kopenhagen, heisst es bald, das könne man nicht vergleichen, weil Dänemark halt eine Radfahrernation sei. Der Vergleich mit München ist deshalb lebensnäher. München zeigt, dass es möglich ist, eine Radkultur zu schaffen, wenn die Stadt das will.

Was sollte Bern anders machen als München?
Wir haben uns lange damit aufgehalten, darüber zu diskutieren, ob die Förderung des Radverkehrs grüne Ideologie sei oder nicht. Es hat lange gebraucht, bis auch die konservativen Parteien erkannt haben, dass es hier nicht um Ideologie geht, sondern um Fragen der Mobilität. Ich wünsche der Stadt Bern, dass sie direkt zu einer sachlichen Diskussion übergehen kann.

In München wie in Bern gibt es auch heute Politiker und Interessenvertreter, die sagen, die Radfahrer würden missbraucht, um die Autos aus der Stadt zu vertreiben.
Das ist ein billiger Vorwurf, um Stimmung zu machen. Es geht darum, den Verkehr in einer Grossstadt intelligenter zu organisieren. Der Vorwurf, es würden Radfahrer gegen Autofahrer ausgespielt, zielt darauf ab, die Diskussion auf die ideologische Ebene zu lenken, auf der sie eben nicht stattfinden sollte.

Auf welche Probleme wird Bern in den nächsten Jahren stossen?
Ein Problem kann dann auftreten, wenn die Radförderung erfolgreich wird und deutlich mehr Leute Rad fahren: Man stellt dann fest, dass einige der Massnahmen, die man am Anfang ergriffen hat, nicht mehr ausreichen. Etwa werden Radwege, die anfangs ausgereicht ­haben, plötzlich zu schmal.

Das heisst, man sollte von Anfang an so breit wie möglich bauen?
Nein, man sollte das als Prozess anschauen und sich erlauben, später nachzubessern. Es bringt nichts, fünf Meter breite Radstreifen anzubieten, auf denen dann kaum jemand fährt. Das wäre eine fatale Botschaft.

In Bern gelten Radfahrer als Verkehrsteilnehmer, die sich unterdurchschnittlich gerne an die Regeln halten – von Velo-Rowdys ist die Rede. Könnte die «Velo-Offensive» die Stimmung zwischen den Verkehrsteilnehmern weiter verschlechtern?
Das Konfliktpotenzial ist da. Aber eine solche Kampagne führt nicht zu einer schlechteren Stimmung, sondern zu einer besseren, wenn es gelingt, nachvollziehbar zu argumentieren.

Was heisst das?
Es geht darum, Verständnis füreinander zu schaffen. Jede Gruppe von Verkehrsteilnehmern hat ihr systembedingtes Fehlverhalten. Radfahrer fahren auf dem Gehweg, Autofahrer parken auf dem Radweg, Fussgänger gehen bei Rot über die Strasse. Das ist alles nicht richtig. Aber oft hat es einen bestimmten Grund.

Wie hat sich die Stimmung in ­München entwickelt?
Positiv. Lange war das Thema Fahrrad geprägt vom Bild des Rambo-Radlers, wie der Velo-Rowdy in München heisst. Nun hat sich die öffentliche Wahrnehmung verändert. Die Leute sind bereit, anzuerkennen, dass die meisten Radler sich vernünftig verhalten.

Der Bund

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