Das Glück aus 42 Kilo Silikon

Mit 17 drehte Oliver Schwarz seinen ersten Film, nun ist er 26 und fährt mit «Traumfrau» an die Berlinale. Der Kurzfilm des Berners ist ein behutsames Porträt über einen Mann, der ungewöhnlich liebt.

«Zeitweise dachte ich, ich könne die Welt neu bebildern»: Oliver Schwarz.

«Zeitweise dachte ich, ich könne die Welt neu bebildern»: Oliver Schwarz.

(Bild: Adrian Moser)

Regula Fuchs

Das hat der Berner Regisseur nicht gewollt. Kürzlich hiess es im «Blick am Abend»: «Ein Dok-Film über die Liebe zu einer Gummipuppe hats an die Berlinale geschafft.» Erstens handle es sich nicht um eine «Gummipuppe», sagt Oliver Schwarz. Und zweitens habe der Artikel über «Traumfrau» genau diesen Unterton, dieses reisserische Raunen, das er im Film habe vermeiden wollen. Genauer: das er auch vermieden hat.

Denn wer den 20-minütigen Film «Traumfrau» gesehen hat, weiss: Hier werden keine voyeuristischen Gelüste befriedigt. Zwar könnte die Geschichte des Mannes, der nach einem Burn-out und einigen verkorksten Partnerschaften nun eine Beziehung mit einer Silikonpuppe führt, tatsächlich ein Filetstück für den Boulevard sein. Doch Schwarz geht behutsam mit seinem Protagonisten um. Schliesslich ist dieser kein Schauspieler, und wie er seine Puppe liebevoll umsorgt, ist nicht erfunden. Auch wenn man sich darüber zunächst nicht im Klaren ist. Schwarz spielt bewusst mit dieser Ambivalenz. Während im Kopf des Zuschauers ein Bild dieser Beziehung entsteht, konstruiert sich der Protagonist im Film sein Glück aus 42 Kilogramm Silikon. «Diese teuren Silikonpuppen sind zwar auch Sexpuppen, aber eben nicht Gummipuppen, die man nach dem Gebrauch wieder im Schrank verstaut. Sie haben eine physische Präsenz. Durchaus naheliegend, dass man mit ihnen zu sprechen beginnt, sich eine Beziehung ausmalt», sagt Schwarz.Weil der 26-Jährige die Thematik so sensibel und überraschend umsetzte, wurde «Traumfrau» im November mit dem Berner Filmpreis ausgezeichnet. Nun läuft sein Film als einziger Schweizer Beitrag im «Berlinale Shorts»-Wettbewerb. Schwarz, der seine Werke schon an unzähligen kleineren Filmschauen gezeigt hat, freut sich auf sein erstes A-Festival.

Dialog mit «Püppi Jenny»

Auch Dirk, sein Protagonist, freue sich über den Erfolg des Films, sagt Schwarz. Denn Dirk sei sehr daran gelegen zu vermitteln, dass er und all jene, die mit einer Puppe zusammenleben, keine Psychopathen seien. Das Phänomen ist nicht ganz rar, wie Schwarz feststellte, als er entsprechende Foren im Internet besuchte. Über ein Jahr lang hat Schwarz den Kontakt zu Dirk aufgebaut, den er zuerst nur als virtuelle Person mit dem Pseudonym «Püppi Jenny» kannte. «Ich hatte keinen Namen, kein Bild, keine Stimme, keinen Wohnort.» Lange war Dirk sehr misstrauisch. Als Schwarz ihn dann schliesslich in der Nähe seines Wohnortes in einem Restaurant traf, war der Bann gebrochen. Sein Gesicht wollte Dirk im Film aber nicht zeigen – was sich im Nachhinein als Gewinn herausstellte. «Denn wir waren gezwungen, äusserst exakt zu arbeiten. So, dass man Dirk zwar nicht sieht, aber dennoch spürt.»

Einzelgänger und Aussenseiter haben es Oliver Schwarz angetan, ausgerechnet ihm, der als Jugendlicher stets gut integriert war und eine Zeit lang mit der Schauspielerei flirtete. Zur Konfirmation bekam Schwarz seine erste Handycam geschenkt. «Weil ich ein Mensch bin, der hohe Ansprüche an sich hat, wollte ich gleich etwas Richtiges damit machen.» Der damals 17-Jährige trommelte seine Laupener Schulfreunde zusammen und drehte seinen ersten Film, «Rote Fantasien». Schwarz schmunzelt. Er habe diesen Film beinahe schon verdrängt. Fertig geworden sei er nie – «das lag am Wetter, an Schauspielern, die ausstiegen, und am jugendlichen Übermut.»

Die Kamera legte Schwarz aber nicht zur Seite. Trotzdem sollte er zuerst «etwas Richtiges» lernen, sein Vater wollte es so. «Doch ich ging nur an die Wirtschaftsmittelschule, um so schnell wie möglich da wieder rauszukommen.» Schwarz lächelt, als er sagt, mittlerweile seien seine Eltern stolz auf ihn und seine Mutter sei sein grösster Fan. An der Hochschule Luzern belegte Schwarz dann bis zu seinem Abschluss 2012 den Studiengang «Video», und da hat ihn das Filmen endgültig angefixt: «Es war sehr intensiv, ich schaute nächtelang Filme wie ein Freak, dachte zeitweise, ich könne die Welt neu bebildern.»

Die Suche nach der richtigen Form

Die hitzige Euphorie hat einem etwas kühleren Realismus Platz gemacht. Schwarz ist bei der Berner Filmproduktionsfirma Lomotion angestellt, er hat im Sinn, Filme fürs Kino zu drehen. Dass es dafür viel Geduld braucht, weiss er längst. Deshalb lebt er seine impulsivere Seite als Sänger aus, nur «hobbymässig» allerdings. Wohin ihn das Filmen bringen wird, darüber möchte Schwarz nicht im Detail spekulieren. Viel lieber spricht er über die faszinierende Situation am Anfang eines Projekts, wenn alles noch ungeformt ist, nichts als Gedanken, lose Materie, die erst durch die Intuition des Regisseurs und ein wenig Glück in die richtige Form gebracht wird.

So wie bei «Traumfrau». Schwarz selber versorgt den Film nicht gerne in der Schublade «Dokfilm», auch wenn das Sujet aus der Realität gegriffen ist. Wichtig seien ihm nicht die Genres. «Wichtig ist mir die Wirkung auf das Publikum.»

«Zeitweise dachte ich, ich könne die Welt neu bebildern»: Oliver Schwarz entdeckte seine Leidenschaft für den Film schon früh. Foto: Adrian Moser

Der Bund

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