«Das Ansehen der Berufsbildung ist in einigen Kreisen sehr schlecht»

Für Theo Ninck führen viele Wege zum Traumberuf. Nur orientieren sich manche am Prestige statt an der Lust.

Die Berufsbildung soll laut Theo Ninck, Vizepräsident von Swiss Skills, wieder Aufwind bekommen.

Die Berufsbildung soll laut Theo Ninck, Vizepräsident von Swiss Skills, wieder Aufwind bekommen. Bild: Franziska Scheidegger

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Die Swiss Skills Bern 2014 ist international die grösste Leistungsschau in der Berufsbildung. Was erhoffen Sie sich vom Anlass?
Der Anlass gibt einerseits Jugendlichen, die schulisch und praktisch stark sind, eine Chance, sich zu bewähren. Andererseits bietet er eine sehr breite Information über die Möglichkeiten der Berufsbildung. Die Öffentlichkeit kann sich somit ein realitätsnahes Bild von der Berufswelt machen.

Die Berufsmeisterschaften kosten den Bund etwa neun Millionen Franken. Weshalb ist dieser Anlass dem Bund so viel Geld wert?
Dieser Beitrag deckt lediglich einen Teil der Kosten. Die Berufsverbände investieren ein Vielfaches für diese Meisterschaften. Mit dem Anlass wird das Sozialprestige und die Konkurrenzfähigkeit der Berufsbildung bildhaft dargestellt und gefördert.

Die Berufsbildung hat also ein Imageproblem?
Umfragen zeigen, dass das Ansehen der Berufsbildung in einigen Kreisen – beispielsweise bei Akademikern oder Menschen mit Migrationshintergrund – klar schlechter ist als jenes vom akademischen Weg. Wenn dies auf lange Sicht nicht korrigiert werden kann, verlieren wir gute Leute von der Berufsbildung an die Mittelschulen.

Mit welchen Folgen für die Wirtschaft?
Ihr würden auf die Dauer Fachkräfte fehlen. Es braucht in der Wirtschaft Leute mit allen Bildungsabschlüssen. Es ist dieser gute Mix, welcher den Schweizer Markt innovativ macht.

Jugendlichen stehen heute rund 250 Lehrberufe zur Auswahl. Gerade dadurch fehlen einigen Branchen die Lehrlinge. Wie ist mit dieser Herausforderung umzugehen?
Häufig existiert von solchen Berufen ein falsches Bild, das Image ist vermeintlich schlecht oder entspricht nicht mehr der Realität. Hier sind die Berufsverbände gefordert, das Image zu korrigieren. Auch die Swiss Skills Bern 2014 können womöglich das Bild einiger Berufe verbessern.

In der EU liegt die Jugendarbeits­losigkeit im Durchschnitt bei 25, in der Schweiz bei 3 bis 4 Prozent. Weshalb dieser Unterschied?
Die tiefe Jugendarbeitslosigkeit in der Schweiz hat zwei Gründe: Einerseits besitzt die Schweiz ein duales Berufsbildungssystem, welches die Lernenden sehr direkt auf die Arbeitswelt vorbereitet. Zweitens haben wir einen gesunden Mix zwischen den Abgängern der verschiedenen Bildungswege.

Für verschiedene Berufe, welche früher mit der Berufslehre erlangt wurden, braucht es heute ein Hochschulstudium. Wie beurteilen Sie diese Tendenz?
Die Jugendlichen brauchen dadurch eine klare Vorbildung, tendenziell geht die Ausbildung länger. Dies bedeutet aber auch: Sie sind breiter qualifiziert, was ihnen später möglicherweise auch wieder Chancen eröffnet.

Gleichzeitig werden aber Jugendliche ausgeschlossen, welche einen dürftigen Bildungshintergrund haben.
Ich sehe hier eher die Chance, dass der duale Weg der Berufsbildung gerade solche Jugendliche mehr fördert. Schauen wir ins Ausland: In vielen Ländern braucht man einen Mittelschulabschluss, selbst für praktische Berufe wie jenen des Coiffeurs. In der Schweiz hat man nach der Berufsbildung die Möglichkeit, eine Berufsmatur anzuhängen. So können auch schulmüde Jugendliche, bei Lust und Energie, später ihre Ausbildung wieder fortsetzen.

Will man aber Kindergärtnerin werden, muss man heute ans Gymnasium. Fallen die pädagogischen Fähigkeiten wirklich mit der schulischen Leistung zusammen?
Es ist sicher eine Seite der Medaille, dass man einige Jugendliche hierdurch von einem Studium an einer Pädagogischen Hochschule (PH) ausschliesst. Auf der anderen Seite ist gerade die Breite des Lehrerstudiums sehr wichtig für den umfassenden Bildungsauftrag an der Volksschule. Zudem können sich die Lehrer einfacher weiterqualifizieren, weil sie mit der PH einen Abschluss haben, der ihnen eine solide Basis gibt.

Trotzdem: Tiefer Qualifizierte werden durch die Akademisierung von vielen Berufen ausgeschlossen.
Wir haben tatsächlich Jugendliche, die unter den steigenden Anforderungen in der Berufsbildung mehr Mühe bekommen. Es ist eine Herausforderung, diese in der Berufsbildung gut zu integrieren.

Etwa 10 Prozent der Jugendlichen besitzen schweizweit keinen Sek-II-Abschluss, haben also weder eine Lehre gemacht, noch eine Mittelschule besucht. Weshalb schafft es das duale Berufssystem nicht, diese Jugendlichen zu erreichen?
Glücklicherweise sind es im Kanton Bern lediglich fünf Prozent. Aber auch dies ist noch zu viel. Häufig stellen wir fest, dass Jugendliche ohne Berufsabschluss dafür eine breite Palette an Gründen aufweisen: schlechte schulische Leistungen, zu wenig Begleitung und Unterstützung von zu Hause, falsche, unrealistische Berufsvorstellungen, fehlende Motivation. Hier wird es schwierig, für die Jugendlichen die geeigneten Massnahmen zu finden. Es gibt jedoch spezielle Begleitmassnahmen und Brückenangebote, wo sie noch fit gemacht werden können. Oder sie können über die zweijährige Attestlehre einsteigen und bei guter Leistung dann in eine drei- oder vierjährige Lehre wechseln.

Der Bundesrat entschied im August, einen nationalen Qualifikationsrahmen für Abschlüsse der Berufsbildung zu schaffen. Was ändert sich für die Berufswelt dadurch?
Mit diesem wichtigen Entscheid kann die Schweizer Berufsbildung international vergleichbar gemacht werden. Zusätzlich wird es Diplomzusätze geben, welche auch Kompetenzen beschreiben, die jemand nach der Ausbildung vorweisen kann.

Verschiedene Organisationen, darunter der Gewerbeverband, forderten unlängst neue Titel für die höhere Berufsbildung (Professional Bachelor/Professional Master). Der Bundesrat sprach sich aber dagegen aus. Was sagen Sie hierzu?
Die Gefahr besteht, dass die Abschlüsse dadurch pseudo-akademisch daherkommen. Dies wäre aus meiner Sicht falsch. Denn die Berufsbildung hat ein klares Profil – die Praxisorientierung. Das soll so bleiben. Wir müssen die Titelfrage jedoch weiter diskutieren, und zwar gemeinsam mit dem Ausland. Die Schweiz kann hier nicht im Alleingang vorgehen.

Zudem sprach sich der Bundesrat Ende August für Massnahmen zur Stärkung der höheren Berufsbildung aus. Jährlich sollen 60 bis 100 Millionen Franken die Absolventen bei Vorbereitungskursen für die eidgenössische Berufsprüfung entlasten. Weshalb dieser Schritt?
Die Kosten für die Studierenden in der höheren Berufsbildung sind ungleich höher als in einem Hochschulstudium. Gewisse Unterschiede sind berechtigt, aber sie sind heute zu gross. Ein Grossteil der Ausgaben für die höhere Berufsbildung bezahlen die Studierenden zudem selber. Mit dem Beitrag des Bundes sollen sie nun entlastet werden.

Mit diesen Subventionen soll die höhere Berufsbildung attraktiver gemacht werden?
Die höhere Berufsbildung muss gegenüber der Hochschulbildung konkurrenzfähiger werden, sodass wir nicht eine einseitige Abwanderung in Richtung Hochschule haben. Wir können kein Interesse daran haben, dass alle Jugendliche an Universitäten landen. Wir würden so auch nicht den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes gerecht.

Umfragen bei Unternehmen belegen, dass Absolventen mit höherer Berufsbildung in der Wirtschaft begehrter sind als Hochschulabgänger. Weshalb strömen trotzdem immer mehr Leute an die Unis?
Auch hier ist das Sozialprestige das Problem: Dieses ist bei den Hochschulen in gewissen Kreisen höher als in der höheren Berufsbildung. Zudem herrscht unter jungen Erwachsenen die vermeintliche Meinung, dass man nur mit dem Uni­abschluss alle Wege offen hat. Aber es nützt nichts, wenn ich nach der Uni einer Arbeit nachgehen muss, wo ich überqualifiziert bin.

Wie kann diesem Missverständnis entgegengewirkt werden?
Wir müssen aufzeigen, dass es ganz viele Wege gibt, die zum Traumberuf führen. Ich soll einen Weg wählen können, wo ich Freude verspüre, wo ich mich mit Leidenschaft und mit meinen Fähigkeiten und Neigungen einbringen kann. Diese Leidenschaft wird an den Swiss Skills Bern 2014 spürbar sein.

Theo Ninck ist Vorsteher vom Mittelschul- und Berufsbildungsamt vom Kanton Bern und Vizepräsident des Vereins Swiss Skills Bern 2014. Er wäre gerne Bauer geworden, hat jedoch Agronomie studiert. (Der Bund)

Erstellt: 17.09.2014, 07:26 Uhr

Start der Berufsmeisterschaften

Heute werden auf dem Bernexpo-Gelände die nationalen Berufsmeisterschaften Swiss Skills eröffnet. Zum ersten Mal überhaupt finden die Schweizer Meisterschaften der verschiedenen Berufsbranchen an einem Ort statt. In den nächsten Tagen werden 1000 Jungtalente aus 
der ganzen Schweiz in insgesamt 74 Berufen um den Titel Schweizer Meister kämpfen. In 60 weiteren Berufen finden Demonstrationen statt. Die Schlussfeier wird am 21. September um 19 Uhr in 
der Postfinance-Arena stattfinden. Der Grossanlass wird vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) gefördert, mit Unterstützung 
der kantonalen Bildungsbehörden. Der Bund und der Kanton Bern (Lotteriefonds) sowie die Wirtschaft unterstützen die Swiss Skills finanziell.

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