«Da wimmelt es ja von Emanzen»

3500 Partygänger tummelten sich am Samstag in 
15 Kulturbetrieben. Sie bezahlten zum ersten Mal mit Bonobos.

«Wenn alles voll ist, geht man halt in die Reitschule». (Archiv)

«Wenn alles voll ist, geht man halt in die Reitschule». (Archiv)

(Bild: Manuel Zingg)

Am Samstagabend schwärmten sie wieder aus, die Linken und Alternativen, aber auch das gemeine Partyvolk. Ihr Ziel: die Tour de Lorraine, eine Art Museumsnacht für Junge – ein Mega-Event, an dem jeder unter 30-Jährige teilnimmt, der etwas auf sich hält. So ist der Anlass bereits um 22.15 Uhr ausverkauft. Rund 3400 Personen kauften ein «Bändeli» und erhielten dafür freien Eintritt in 15 Lokale in der Lorraine und der Innenstadt. 15 Lokale – das ist das Ergebnis einer eiskalten Wachstumsstrategie des Tour-de-­Lorraine-OK. Bei der Erstausgabe im Jahr 2000 waren es gerade mal 5 ­Betriebe.

Doch bevor sich die Besucherinnen und Besucher den Herausforderungen der Multioptionsgesellschaft stellen können, gilt es anzustehen. Es gehört nämlich zur Tradition der Tour de Lorraine, dass auf einen Vorverkauf verzichtet wird. Die Party soll schliesslich nicht erst um Mitternacht beginnen.

«Halt in die Reitschule»

Das Problem: Nach dem Anstehen ist vor dem Anstehen. Viele der Lokale sind nämlich bereits um zehn Uhr so überfüllt, dass das Eintreten von den Bändeli-Kontrolleuren konsequent unterbunden wird. Dies muss auch der Mann vor der Brasserie Lorraine erfahren, der mit Hundeblick und dem Verweis auf seine tiefe Verbundenheit mit dem Bandgitarristen vergebens versucht, sich einen Platz im Innern zu ergattern.

«Wenn alles voll ist, geht man halt in die Reitschule», sagt ein langjähriger Tour-de-Lorraine-Gänger. Er soll recht behalten. Im «Frauenraum» steht das Publikum nicht so dicht gedrängt. Ein Jüngling in voluminöser Daunenjacke verlässt den Raum trotzdem fluchtartig. «Da wimmelt es ja von Emanzen», sagte er zu seinem Begleiter.

Sein Freund im Geiste macht derweil Stunk am Eingang der Reitschule. Er will sich ohne Bändeli Zugang zu den Räumlichkeiten verschaffen. Doch auch seine Strategie – eine Mischung aus Aufplustern und Anbiedern – schlägt fehl. «Ich bin doch auch ‹Fuck the Police›», schrie er noch. Es hilft ihm aber auch nicht weiter.

Scharlachrot statt Strassenschlacht

Wer – wie der eher unangenehme Zeitgenosse – kein Bändeli hat ergattern können, findet unter der Eisenbahnbrücke auf dem Vorplatz der Reitschule Zuflucht. Dort feiert die «Revolutionäre Jugend Gruppe» ein Anti-Wef-Fest, welches die Besitzer von angrenzenden Immobilien im Vorfeld dazu veranlasst hat, die Fensterfronten ihrer Häuser mit Holzverschalungen zu schützen.

Ein Augenschein vor Ort erweckt allerdings den Eindruck, dass diese Vorsichtsmassnahmen nicht nötig gewesen wären: Die Hundertschaft an schwarz Kapuzierten hört tränengerührt «Scharlachrot» von Patent Ochsner – ein wahrlich ungeeigneter Soundtrack für eine Strassenschlacht. Eine Polizeisprecherin wird dann auch im Nachhinein gegenüber der Nachrichtenagentur SDA von einem weitgehend ruhigen Anlass sprechen.

Allerdings sei ein Patrouillenfahrzeug auf der Neubrückstrasse mit Gegenständen beworfen worden. «Dabei ist eine Scheibe zu Bruch gegangen.» Inwiefern dieser Vorfall mit dem Anti-Wef-Protest in Zusammenhang steht, ist aber unklar.

Schwerpunkt Geld: Bonobos

Das Anti-Wef-Fest findet unabhängig von der Tour de Lorraine statt. Doch auch diese hat ihren Ursprung in der globalisierungskritischen Bewegung. Noch immer fliesst der Erlös der Feierlichkeiten in linke Projekte. Zudem widmen sie die Veranstalter jährlich einem Schwerpunktthema, zu dem Workshops, Informationsveranstaltungen und Filmvorführungen durchgeführt werden.

Vom politischen Teil der Tour de Lorraine bekommt der Durchschnittsbesucher normalerweise nicht viel mit. Bei dieser Ausgabe ist das anders. Das OK hat das böse Geld zum Schwerpunktthema gekürt und zum Anlass gleich eine eigene Währung lanciert – die Bonobos. Jeder Besucher erwirbt mit dem Eintrittsgeld fünf «Bons ohne Boss», die er später in Getränke seiner Wahl ummünzen kann. Dem Vernehmen nach geniesst die Alternativwährung in der linken Szene keine grossen Sympathien. Die Kommentare dazu reichen von einem simplen «Quatsch» bis hin zu sozialrevolutionärem «Geld bleibt Geld und arm bleibt arm».

Den meisten Besuchern der Tour de Lorraine scheinen die neuen Scheine aber zu gefallen. Sie sind jedenfalls Gesprächsthema Nummer eins am Abend. In einer gemütlichen Runde um ein Feuer fragt sich einer, ob sein Hanf-Dealer wohl bereits Bonobos akzeptiere. Ein anderer lässt sich gleich zu einem kleinen Referat über das Geldsystem als Ganzes verleiten. Zusammengefasst: «Alle Banken sind Betrüger.»

Die Veranstalter werten die diesjährige Ausgabe denn auch als vollen Erfolg. «Auf den Strassen und in den Beizen war die Stimmung super», schreiben sie in einer Mitteilung. Mit «Dubstep und Posaune» sei die 15. Tour de Lorraine am Sonntagmorgen beim traditionellen Katerfrühstück im Restaurant Sous-le-Pont erfolgreich zu Ende gegangen.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt