Carlo Kilchherrs abrupter Rückzieher

Nach dem Verzicht des neu gewählten SVP-Manns auf sein Exekutivamt in Thun kommt als erster Ersatz der 36-jährige Roman Gimmel zum Zug. Die Wahl-Posse wirft ein schiefes Licht auf die SVP-Nomination.

Am Wahltag trat die neue Thuner Stadtregierung zum ersten (und letzten) Mal als Einheit auf: (von links) Carlo Kilchherr, Ursula Haller, Raphael Lanz, Marianne Dummermuth und Peter Siegenthaler. (Keystone)

Am Wahltag trat die neue Thuner Stadtregierung zum ersten (und letzten) Mal als Einheit auf: (von links) Carlo Kilchherr, Ursula Haller, Raphael Lanz, Marianne Dummermuth und Peter Siegenthaler. (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bei den Wahlen in der drittgrössten Stadt des Kantons Bern gehörte die SVP am letzten Novemberwochenende zu den strahlenden Siegern: Nicht nur konnte sie als einzige bisherige Partei ihren Wähleranteil steigern und im Parlament zwei Sitze hinzugewinnen. Sie sicherte sich auf Kosten der FDP auch ihre beiden Sitze im der Exekutive, nachdem sie während der Legislatur jenen der populären Ursula Haller mit deren Parteiaustritt an die BDP verloren hatte. Nicht zuletzt eroberte die Volkspartei dank dem Verzicht der SP mit dem jugendlichen Newcomer Raphael Lanz auch das Stadtpräsidium.

Gestern nun der grosse Kater: An einer kurzfristig einberufenen Medienkonferenz gab der neu gewählte SVP-Mann Carlo Kilchherr seinen Verzicht auf das Amt bekannt. Der 55-jährige Malermeister begründete den Schritt beruflich: Er sei bei seiner Kandidatur «immer von einem 30- bis 40-Prozent-Pensum» für das Amt ausgegangen. Nachdem sich der neue Gemeinderat für Mindest-Arbeitspensen von 70 Prozent ausgesprochen habe, habe er sich «schweren Herzens» zum Verzicht durchgerungen. Ein solches Pensum sei mit den Anforderungen seines Unternehmens «nicht vereinbar».

Für Kilchherr nachrutschen soll sein Parteikollege Roman Gimmel. Der 36-jährige Gewerbelehrer hatte bei den Wahlen am 28. November 3143 Stimmen erreicht, nur 190 weniger als Kilchherr. Für das Exekutivamt will Gimmel nun «alles auf eine Karte setzen» und sich voll auf das Gemeinderatsamt konzentrieren, wie er gestern sagte.

Beispiellose Kehrtwendung

In Thun bestimmt der Gemeinderat die Pensen seiner fünf Mitglieder innerhalb eines Rahmens von derzeit 380 Stellenprozenten frei. In der auslaufenden Legislatur sind die Gemeinderatsämter auf drei grosse und zwei kleine Pensen verteilt: Der abtretende Stadtpräsident Hans-Ueli von Allmen (SP) hat einen Anstellungsgrad von 90 Prozent, Ursula Haller (BDP, Stadtentwicklung und Bildung) 85 Prozent, die abgewählte Jolanda Moser (FDP, Bau) 80 Prozent, Peter Siegenthaler (SP, Polizei) 50 Prozent und Andreas Lüscher (abtretend/SVP) 40 Prozent. Zwar hat die Verteilung der Pensen und Direktionen in Thun verschiedentlich für Diskussionen gesorgt. Kilchherrs Salto mortale ist jedoch in der jüngeren Stadtgeschichte ohne Beispiel.

An der gestrigen Medienkonferenz gab vor allem zu reden, ob die Parteien und Kandidierenden rechtzeitig über die möglichen Pensenaufstockungen informiert wurden. Kilchherr stellte sich gestern auf den Standpunkt, erst «Mitte November» durch einen Brief von Ratssekretär Marius Mauron davon erfahren zu haben. Seine Angaben zum Ablauf der Geschehnisse korrespondieren auffällig mit der vom «Thuner Tagblatt» kolportierten Darstellung, wonach der amtierende Gemeinderat die Änderungen «vor wenigen Wochen» aufgegleist habe, und die Kandidaten zwei Wochen vor den Wahlen in besagtem Brief davon erfahren hätten.

Mauron sah sich gestern genötigt, «einige öffentlich aufgestellte Behauptungen richtigzustellen». Der amtierende Gemeinderat habe sich bereits Mitte April 2010 mit der künftigen Departementsstruktur befasst und am 11. Juni drei Szenarien verabschiedet. Davon sähen zwei nebst dem vollamtlichen Stadtpräsidium vier weitere Direktionen mit einer Bandbreite von 70 bis 80 Prozent vor, dass dritte entspreche praktisch der heutigen Regelung. Die Szenarien sollten laut Mauron den Parteien und Kandidierenden als Orientierung für allfällige Kandidaturen dienen – deshalb wurden sie am 14. Juni an einer speziellen Veranstaltung den Parteien vorgestellt. Auch die Empfehlung des alten Gemeinderats an die Adresse seiner eigenen Nachfolge zugunsten des ersten Szenarios sei an der Veranstaltung «mündlich und schriftlich deklariert worden», sagte Mauron. Am 10. November seien alle Kandidierenden unter Vorbehalt der Wahl für eine erste Sitzung zur Direktions- und Pensenverteilung auf den 3. Dezember eingeladen worden, gleichzeitig seien ihnen die drei Szenarien nochmals zugestellt worden, die bereits im Juni schriftlich an die Parteien verteilt worden seien.

An der Sitzung vom letzten Freitag stellte Kilchherr dann klar, ein Pensum von höchstens 30 bis 40 Prozent übernehmen zu können. Der Rest des Gremiums, also auch der Parteikollege Kilchherrs und künftige Stadtpräsident, folgten dagegen offenbar der Empfehlung des bisherigen Gremiums und befürworteten eine gleichmässige Ressortverteilung. Gestern dann kündigte Kilchherr dem Gremium seinen Verzicht an.

«Kompromisse auf allen Seiten»

Materiell begründet der Gemeinderat die geplante Pensenaufstockung unter anderem mit organisatorischen Mängeln und mit dem Wunsch, dass allen Mitgliedern künftig ähnliches politisches Gewicht zukomme. «Bisher mussten auf allen Seiten Kompromisse gemacht werden», sagte auf Anfrage der bisherige Polizeivorsteher Peter Siegenthaler (SP). Für sein 50-Prozent-Pensum habe er im Durchschnitt zwischen 60 bis 70 Prozent gearbeitet. Analog argumentierte BDP-Gemeinderätin Ursula Haller: Nicht zuletzt aus Kreisen der SVP seien zuletzt Forderungen nach ähnlich grossen Departementen laut geworden, sagte die Vorsteherin der bisherigen Mammutdirektion für Stadtentwicklung und Bildung, deren zwei Hauptbereiche mit der Neuordnung aufgesplittet werden dürften. Da gehe es nicht an, «dass der Gemeinderat nun mit Vorwürfen eingedeckt wird, die Aufstockung in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aufgegleist zu haben.

Laut Haller und Siegenthaler hatte der Gemeinderat erste Sondierungen bei den Parteien, die schliesslich in die Empfehlungen vom Juni mündeten, bereits im Sommer 2009 durchgeführt.

Gestern kritisierte als einzige Partei die FDP das Vorgehen des Gemeinderats: Die Bisherigen hätten die neuen Gemeinderäte «vor vollendete Tatsachen gestellt», sagte Parteipräsident Beat Schlatter. Die geplante Aufstockung bedeute das Ende des Milizsystems: «Künftig werden wir kaum noch einen profilierten Unternehmer zu einer Kandidatur bewegen können.»

Kleinlaute SVP

Klichherrs Partei reagierte dagegen ziemlich kleinlaut: An den Plänen zur Pensenaufstockung übte die Partei in einem Communiqué keine Kritik. «Wir sind enttäuscht über Kilchherrs Entscheid, haben dafür aber Verständnis», sagte Parteipräsident Ueli Jost vor den Medien.

Für den Umstand, dass Kilchherr erst Mitte November Kenntnis von den Aufstockungsplänen erhalten haben will, hatte Jost keine Erklärung. Von einer parteiinternen Kommunikationspanne wollte er auf Nachfrage nichts wissen. Die Frage sei «ohnehin obsolet». Man sei ganz einfach davon ausgegangen, dass der Entscheid in der Kompetenz des neuen Gemeinderats liege. Im Sommer habe man deshalb «keine Notwendigkeit ausgemacht», Kilchherr vor Ablauf der Meldefrist Mitte September zum Rückzug seiner Kandidatur zu bewegen. (Der Bund)

Erstellt: 09.12.2010, 07:07 Uhr

Roman Gimmel rückt vom Ersatzplatz ins Rampenlicht. (zvg)

Artikel zum Thema

Thuns Wählende haben doppelt verloren

Kommentar Die Thunerinnen und Thuner reiben sich ungläubig die Augen: Keine zwei Wochen nachdem sie ihre Stadtregierung neu bestellt haben, kündigt mit dem SVP-Mann Carlo Kilchherr einer der fünf Frischgekürten bereits an, das Amt erst gar nicht anzutreten. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...