«C’est drôle, le tramway»

Tausende feierten am Wochenende in Besançon die Eröffnung der neuen Tramlinien, darunter eine Gruppe Berner ÖV-Enthusiasten.

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Adrian Müller@mueller_adrian

Ungläubig und doch entzückt reagieren die Leute, als nach über 60 Jahren das erste Tram auf der Place de la République im Herzen der historischen Altstadt von Besançon einfährt: «C’est drôle, le tramway», sagt ein Vater zu seinem Sprössling, als er sich wenig später in die Strassenbahn quetscht. Zu den ersten Passagieren gehört auch die Berner ­Nationalrätin Nadine Masshardt (SP). Zusammen mit knapp einem Dutzend Mitgliedern des Berner Mobilitätsvereins Läbigi Stadt ist sie mit dem Zug durch die Jurahügel in die Stadt am Doubs gepilgert, um einen Monat vor der Abstimmung zum Tram Region Bern das neuste Tram Europas anzuschauen.

Es geht los. Etwas ruckartig nimmt die nur 23 Meter lange Komposition Tempo auf. Wie in Bern zwängt sich das Tram dann durch enge Gassen. Dort spielen Blasmusikkapellen, Komiker mischen sich unter die Tausenden Besucher, die schon am Samstagvormittag ans Tram-Fest strömen.

Markante Aufwertung am Fluss

Dann quert das himmelblaue Tram am Rande der Halbinsel den eigens neu konstruierten Pont du Battant und biegt auf die komplett umgestaltete und verbreiterte Uferpromenade entlang des Doubs ein. Die französischen Planer hatten die ursprüngliche Idee verworfen, die Route direkt durch die Altstadt zu führen.

«So cool, dieses Tram»: Die Berner ÖV-Enthusiasten sind beeindruckt von der markanten Aufwertung des Gebietes entlang der Tramlinie, obschon eine alte Baumallee neu gepflanzten Bäumchen weichen musste. «Die Stadt hat mit dem Tram etwas völlig Neues gewagt. Und ganzen Strassenzügen ein modernes Gesicht gegeben», sagt Läbigi-Stadt-Präsidentin Masshardt.

Für die Agglomeration Besançon mit ihren nur 137 000 Einwohnern bedeutet das 14,5 Kilometer lange Tramnetz ein Quantensprung: Das für 254 Millionen Euro aus dem Boden gestampfte Tramnetz mit 2 Linien und 31 Haltestellen ersetzt ein auf Dieselbussen basierendes ÖV-System. «Wir haben ein auf unsere kleinräumigen Verhältnisse angepasstes Tram gebaut. Und zwar das günstigste in ganz Frankreich», frohlockte der Stadtpräsident Jean-Louis Fousseret. Besançon selbst musste 20 Millionen Euro beisteuern, dazu kamen weitere 20 Millionen für den Bau der neuen Brücke und weitere Anpassungen. Zum Vergleich: Die Stadt Bern muss für das Tram Region Bern rund 54 Millionen Franken aufwerfen.

Volk durfte nur die Farbe wählen

Im Parlament, dem Conseil communautaire, gab es kaum Widerstand gegen das Projekt. Er stimmte mit 113:5 Stimmen für das neue Tram. Die Bevölkerung wurde zwar an zahlreichen Anlässen über ihre Befindlichkeiten befragt, ein Referendum gab es nicht. «Wir durften aber über die Farbe des neuen Trams abstimmen», sagt Passant Pierre Rosset vielsagend zum «Bund». Grosse Opposition gegen das Tram habe es nicht gegeben, die Leute hätten sich vor allem über die lärmigen Bauarbeiten aufgeregt. Dispute gab es aber auch wegen des Landkaufs. So hängt am Eröffnungstag ein Transparent mit der Aufschrift «Tramway auf nicht bezahltem Terrain eingeweiht» an einem Balkon. Auch dem Berner SVP-Stadtrat Alexander Feuz gefallen die französischen Tramkonzepte: «Man sollte auch in Bern grossräumiger denken. Mit dem Tram Region Bern werden allerdings unsere schönsten Gassen verstopft, und es wird späteren Generationen verunmöglicht, neue ÖV-­Lösungen zu realisieren.»

Endstation auf dem Acker

Zurück im Tram in Besançon. Wir passieren erneut den Doubs und lassen die Altstadt hinter uns. Was bereits nach ­wenigen Kilometern auffällt: Das Tram fährt auf vielen Streckenabschnitten auf Eigentrassee. Wo nicht, dürfen Autos nur als Zubringer verkehren. Wir passieren die Gemeindegrenze, und plötzlich mutiert das Fahrzeug zur Überlandbahn. Denn die Endstation «Chalezeule» befindet sich mitten auf der grünen Wiese, praktisch in (noch) unbewohntem Gebiet. Kulturland fressende Wendeschlaufen sind in Besançon aber kein Thema, denn die Fahrzeuge verfügen im Gegensatz zu den Trams von Bernmobil über zwei Führerkabinen.

Beim Café in der Innenstadt ziehen die Berner Tram-Enthusiasten Bilanz: «Das Tram in Besançon ist ein weiterer Beweis, dass Strassenbahnen die Zukunft gehört. Auch in Bern.»

Der Bund

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