«Bümpliz stand nie zur Debatte»

In der ersten Folge der Serie «Quartierspaziergang» führt der Soziologe und freie Journalist Lukas Neuhaus durch Bümpliz. Er ist ein Konvertit – vor noch nicht allzu langer Zeit wäre das Quartier für ihn als Wohnort nicht infrage gekommen.

  • loading indicator
Hanna Jordi

Kuno Lauener, Sänger, sagt: «Casablanca tönt doch besser aus Bümpliz». Lukas Neuhaus, Soziologe und freier Journalist, sagt: «Bümpliz tönt doch wunderbar. Casablanca ist ein Versprechen, das vielleicht nicht eingelöst wird. Bümpliz dagegen will nicht mehr sein, als es ist.»

Vorderhand ist es einfach kalt in Bümpliz. Es gibt Schnee bis 400 Meter über Meer. Der Brunnen gegenüber der Bümplizer Post liegt 558 Meter über Meer, auch seit er wegen des Baus der Tramlinie 7 versetzt wurde, hat sich daran nichts geändert. Lukas Neuhaus hat ihn sich als Startpunkt für den Quartierspaziergang ausgewählt. Am Boden liegt Schneematsch, der Himmel ist grau. «Bümpliz-Wetter», sagt Neuhaus und schlägt den Weg zum Bienzgut ein, jener Gebäudegruppe aus reformierter Kirche und Bauernhofbauten, die die Erinnerung an Bümpliz’ Zeit als Dorf vor den Toren Berns wachhält.

Günstiger leben in 3018 Bern

Lukas Neuhaus bezeichnet sich selbst als Konvertiten. Lange sei es für ihn undenkbar gewesen, in eine Wohnung jenseits der Unterführung am Europaplatz zu ziehen, wo die A6 eine Schneise zwischen Bümpliz und die restliche Stadt geschlagen hat. «Bümpliz stand nie zur Debatte.»

«Ohne Grund geht niemand nach Bümpliz», schrieb auch der Berner Soziologe und geistige Vater des Hauses der Religionen, Christian Jaquet, in einer 1998 veröffentlichten Quartierstudie. Und beschrieb damit das Bümpliz-Stigma: Ab vom Schuss, Ausländer, Arme. Lukas Neuhaus fand seine Gründe für Bümpliz vor fünf Jahren. Seine Frau und er waren auf Wohnungssuche, und im Gebiet der Postleitzahl 3018 fanden sie eine günstige Miete und eine verkehrsberuhigte Strasse, geradezu ideal für den Sohn, der bald dazukam.

Hinter dem Bienzgut führt der Weg an zwei Weiden vorbei. Hier grasen Ziegen, weiter zum Altersheim hin teilen sich ein ungewöhnlich grosser Geissbock und ein Esel das Gehege. «Sehr ergiebig, wenn man Kinder hat», kommentiert Neuhaus die Route. Die Vorbehalte von Zentralbernern gegenüber Bümpliz seien nach wie vor vorhanden, sagt er. Er mokiert sich darüber. Etwa wenn er Freunde, die zum Abendessen vorbeikommen, fragt, ob sie auch geimpft seien. Allmählich allerdings stellt Neuhaus einen Wandel fest. In Bümpliz Süd würden die schönen alten Stadthäuser langsam auch bei gut verdienenden Familien beliebt. «Womöglich liegt es an den Einwanderern aus Deutschland», so Neuhaus: «Sie kennen die Vorurteile gegenüber Bümpliz nicht, finden es aber zu Recht günstig und zentral.»

Das städtische «Entwicklungsgebiet»

Im Bachmätteli, einem Park mit Spielplatz an der Bernstrasse, lassen sich Zeichen einer schrittweisen Aufwertung erkennen. Wo sich früher vor allem Randständige versammelten, baden und spielen im Sommer heute Kinder im renaturierten Stadtbach. «Ein schöner Fleck», sagt Neuhaus. Widersprechen wird ihm kaum jemand. Das Tram, auch es ein Mittel zur Aufwertung des «Entwicklungsgebiets» Bümpliz (kantonale Abstimmungsbotschaft 2007), stiess dagegen in der Planungsphase auf vehemente Gegenwehr.

Bümpliz, das 1919 nach Bern eingemeindete Dorf, wollte das Tram anfänglich nicht, erst nach mehreren Anläufen fand sich 2007 auch bei den Betroffenen selbst eine hauchdünne Mehrheit. Das Gefühl, der Rest der Region zwinge den Einheimischen Lösungen auf, sei in Bümpliz verbreitet, sagt Neuhaus. Nicht von Ungefähr wird nach Abstimmungen oft das Bild eines Grabens bemüht, welcher zwischen der Stadt und Bümpliz verlaufen soll.

«Inzwischen ist das Tram gut integriert, ich kenne keinen, der sich den Bus zurückwünscht, diese ruckelnden Fahrten und die langen Halte auf der verstopften Effingerstrasse», sagt Neuhaus. Ob die Stadtnomaden, auch sie ein Geschenk Restberns an Berns Westen, eine ähnliche Karriere hinlegen werden, muss sich noch weisen.

Hochzeitsglocken und Drogenhanf

In der Fussgängerzone von Bümpliz steht ein Buchladen mit liebevoll geschmücktem Schaufenster neben einem Billigschuhgeschäft, das vor der Tür eine grosse Auswahl an Pantoffeln à 12.90 feilbietet. Im Gasthof zum Sternen gegenüber gibt es ab 13 Uhr ein AHV-Menu für Senioren und abends Fondue à Discretion. Zur Wiedereröffnung des Traditionshauses 2011 waren Erich Hess, Polo Hofer und Stadtpräsident Alexander Tschäppät zugegen. Ein paar Schritte weiter liegt die 3018 Bar, im Sommer wird hier Sand für das Strand-Feeling aufgeschüttet. «Das Quartier ist vielseitig, es lebt», sagt Neuhaus.

Vor dem Schloss Bümpliz hat sich eine Hochzeitsgesellschaft eingefunden. Hier kann man sich jeweils am Donnerstag und Freitag standesamtlich trauen lassen. Ein junger Mann namens Dragan hat es soeben getan, er schreitet seiner Braut voran über den Kiesweg. Über dem Schlosspark liegt der süsse Duft von angesengtem Drogenhanf. Eine Gruppe Jugendlicher hat sich in den Rosengarten zum Kiffen zurückgezogen. «Ein guter Ort, um mit dem Kind die Enten zu besuchen», sagt Neuhaus und weist Richtung Schlossteich.

Das erste Hochhaus im Blick

Hinter dem Turm des alten Schlosses wird nun erstmals ein Hochhaus sichtbar. Dagegen sieht das übrige Quartier mit seinen meist zwei- bis vierstöckigen Wohnhäusern geradezu niederflurig aus. Der Turm gehört zum Schwabgut, daneben steht das Fellergut. Schreitet die Aufwertung Bümpliz’ voran, werden die finanzschwächeren Bewohner wohl in eine dieser Hochaussiedlungen oder jenseits der Bahnschienen nach Bethlehem verdrängt.

Im Fellergut finden sich neben günstigem Wohnraum eine Seniorenresidenz und ein Studentenwohnheim. «Eine Oase» nennt die Betreiberfirma der Seniorenresidenz den Ort, «wüst» findet Neuhaus den Komplex mit den integrierten Parkplätzen, den öden Begegnungszonen, Unterführungen und Zugangsschranken. Verdichtung, wie man sie Ende der 60er verstand.

«Feriengefühl» im Supermarkt

Richtung Stöckacker verliert die Skyline wieder an Höhe. Streng statistisch gesehen gehört dieses Quartier nicht zu Bümpliz, doch Neuhaus will einen Ort noch zeigen: Den Supermarkt Alima vis-à-vis von der Migros in einer ausrangierten Coop-Filiale. Es ist ein Laden, der zwar bei Obst und Gemüse keine Herkunftsangaben führt, wo man aber im Unterschied zu Coop und Migros noch riechen kann, dass hier Lebensmittel verkauft werden. Der Mann, der für gewöhnlich vor dem Laden steht und Telefonkarten für internationale Verbindungen verkauft, ist heute gerade nicht hier.

«Feriengefühl», sagt Neuhaus und, wie als Entschuldigung für den Anflug von Ethno-Romantik: «Wie alle Konvertiten neige auch ich zum Verklären.» Der Leidensdruck in Bümpliz scheint insgesamt gering zu ein. Am Ende entscheiden sich auch Kuno Laueners Protagonisten dagegen, via Nizza nach Casablanca zu fahren. Sie lassen den Sehnsuchtsort Sehnsuchtsort sein und bleiben. In Bümpliz.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt