Bleiben oder gehen, das ist die Frage

Wieder Montag

Der syrische Theaterautor Mudar Alhaggi ist zu Gast im Schlachthaus-Theater und erträgt den Frieden und die Ruhe in Bern nur schwer

Mudar Alhaggi beobachtet Bern aus der Perspektive des Krieges.

Mudar Alhaggi beobachtet Bern aus der Perspektive des Krieges.

(Bild: Valérie Chételat)

Anita Bachmann@anita_bachmann

Ein paar Treppen über dem Saal im Schlachthaus-Theater gibt es Wohnungen. In einer der hübschen Altstadtwohnungen lebt zurzeit Mudar Alhaggi. Der syrische Theaterautor aus Damaskus ist zu Gast als Artist-in-Residence. «Für einen Künstler ist es eine gute Erfahrung, einen neuen Ort, eine neue Stadt zu entdecken», sagt er. Dabei sei er frei, was er mit seiner Zeit mache, aber natürlich versuche das Schlachthaus-Theater, Projekte zu ermöglichen.

Alhaggi ist am Berner Lesefest im April aufgetreten und hat aus seinen Texten gelesen, er wird am Theaterfestival Auawirleben (siehe Kasten) mitwirken und bereitet eine Schreibwerkstatt für syrische Flüchtlinge vor. Bei diesem Workshop gehe es darum, Menschen die Grundlage des Geschichteschreibens zu vermitteln, damit sie ihre eigenen Geschichten schreiben könnten: über die Erfahrungen im Krieg, über das Weggehen und das Leben als Flüchtlinge. Zum einen seien solche Geschichten Zeitdokumente, und zum anderen dienten sie zur Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse.

Sorgen um Syrien

Mudar Alhaggi ist mittlerweile selber Flüchtling. Er wirkt unruhig, seine Hände zittern, wenn er sich eine Zigarette dreht. «Es ist schwierig, mich zu erinnern, wie es war», sagt er. Lange harrte er in Damaskus aus. Im Februar 2013 sagte er in einem Interview im «Bund»: «Ich muss diese Ängste einfach durchstehen.» Er wollte bleiben, weil er glaubte, dass Syrien die Künstler dringend brauche. «Ich dachte zwar, ich muss gehen, konnte mich aber nicht dazu entscheiden.»

Im Mai letzten Jahres weilte er wegen eines Theaterprojekts in Deutschland. Die Hauptfrage des Projekts war seine eigene Frage: Bleiben oder gehen? «Am Ende der Vorführung befand ich mich ausserhalb von Syrien und konnte nicht mehr zurück.» Der objektive Grund war, dass er seine Identitätskarte verloren hatte, die er in Damaskus gebraucht hätte, um sich an den Checkpoints auszuweisen. Subjektiv war es ein Zeichen für ihn, nicht zurückzukehren. Auch wenn ihm die Entscheidung irgendwie abgenommen worden war, ist die Frage keineswegs beantwortet. Zum einen weiss er nicht, wo er als Nächstes hingeht, wenn sein Aufenthalt in Bern zu Ende ist. Zum anderen plagt ihn die Frage, ob er nicht doch besser in Damaskus geblieben wäre. «Dort würde ich mir um Syrien weniger Sorgen machen.»

Späte Ankunft des Theaters

Aufgewachsen ist der 1981 geborene Alhaggi in Idlib, einer Stadt im Nordwesten des Landes. Obwohl seine Familie religiös sei, habe der Vater ihn nicht daran gehindert, an einer Hochschule für Schauspielkunst zu studieren. Im Islam sei klassisches Theater lange verboten gewesen, sagt er, doch im Verlauf des 20. Jahrhunderts sei das Theater in den arabischen Raum gekommen. In staatlichen Häusern würden Klassiker wie Shakespeare aufgeführt.

«Ich und andere junge Theaterautoren haben gesehen, dass dies ein Grund ist, weshalb Syrer nicht gern ins Theater gehen.» Sie schrieben fortan Stücke, die näher an den Leuten waren. «Wir schrieben Texte, die von hier und jetzt handeln.» So schrieb Alhaggi Geschichten wie die über eine jungen Syrerin, welche in Damaskus Lingerie verkauft. Obwohl seine Texte nicht unkritisch sind, kam er nicht in Konflikt mit dem Regime. «Man muss eine Lösung finden, um das zu sagen, was man will, ohne mit der Regierung zusammenzustossen.» Sonst lande man im Gefängnis.

Eine neue Generation von Kulturschaffenden

Die Revolution und der Bürgerkrieg in Syrien hätten eine neue Generation von Kulturschaffenden hervorgebracht, sagt Alhaggi. Die Leute machten ihre eigene Kunst und ihre eigene Kultur. Die Verbreitung sei sehr eingeschränkt und erfolge praktisch nur über das Internet. In erster Linie machten diese Leute aber sowieso Kunst für sich. Während wohl die meisten Künstler in Syrien in ihren Kunst- und Kulturstücken die Kriegserlebnisse zum Ausdruck bringen, beschäftigt sich Alhaggi zurzeit mit dem Frieden, dem Frieden in Bern. «Ich komme von einem extremen Krieg in den extremen Frieden», sagt er. Es sei so schön, so ruhig und friedlich hier. «Für diese extreme Atmosphäre bin ich nicht bereit.» Die Ruhe und die Langsamkeit ertrage er nur schwer. Immerhin habe er Orte wie die Reitschule entdeckt, an denen er sich besser fühle.

Der Bund

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