Biografie ohne Tiefgang

Rechtzeitig zum Endspurt des Ständeratswahlkampfs erscheint eine Biografie über Hans Stöckli. Geschrieben hat sie ein altgedienter Journalist, SP-Stadtrat und Weggefährte Stöcklis. Keine so gute Idee.

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Reto Wissmann@RetoWissmann

Trotz medialer Omnipräsenz während 20 Jahren bleibt Hans Stöckli schwer fassbar. Was ist das Geheimnis seines Erfolgs? Wie überwindet er Widerstände? Woher nimmt er seine Energie? Kennt der Berufsoptimist auch Zweifel? Wie verarbeitet er Niederlagen? Wer zahlte den Preis für seine Dominanz? Nach seinem Rücktritt als Stadtpräsident von Biel hätte man sich Antworten erhofft - entweder von einer selbstkritisch reflektierten Autobiografie oder einer unabhängigen Recherchearbeit. Seit gestern ist nun das erste Buch über Hans Stöckli im Handel. Verfasst hat es der angesehene Journalist Werner Hadorn.

Hadorn ist Mitinhaber des Bieler Medienbüros Cortesi und unter anderem bekannt durch seine geistreichen Kolumnen in der Gratiszeitung «Biel Bienne». Zur Erklärung des Phänomens Stöckli trägt sein Buch aber nicht bei. Auf gut 140 Seiten reiht er freilich amüsante und interessante Anekdoten und Episoden aneinander.

So erfährt man beispielsweise, wie Hans als Bub im Gürbetal Schafe gehütet oder, anstatt den Kindergarten zu besuchen, in der Schmiede seines Onkels Vogelkäfige gefertigt hat. Oder wie bereits seine Mutter erfolglos versucht hat, ihm Unpünktlichkeit und Unordentlichkeit auszutreiben. Man liest aus seiner Zeit als Richter, dass ihm eine Frau als Bestechung Sex angeboten hat oder ein Geschäftsmann eine Tube Cementit eingenommen hatte, um damit seinen Alkoholkonsum zu vertuschen. Und man wird daran erinnert, wie Stöckli bei seiner Vereidigung als Nationalrat mit seinem bilinguen «Ich schwöre es - je le jure» Christoph Blocher ein Lächeln entlockte.

Das Buch gibt auch einen Überblick über 20 Jahre Bieler Stadtgeschichte in Form von Stöcklis grössten Projekten und Erfolgen. Hadorn zeigt auf, wie Stöckli das Bundesamt für Kommunikation den Thunern weggeschnappt und nach Biel geholt hat, wie er die Innenstadt verschönerte, seine Stadt vermarktete oder mit einer geschickten Land- und Finanzpolitik die Stadtkasse sanierte. Viel Neues erfährt man daraus aber nicht.

Tätlichkeiten im Gemeinderat?

Auf Interna aus dem Gemeinderat hofft man vergeblich. Dort, wo es spannend wird, bricht Hadorn meist ab. So beschreibt er zwar ausführlich, wie Stöckli die Kollegialitätsregeln für die Stadtregierung verfeinerte. Wie er mit schwierigen Figuren wie dem ehemaligen Polizeidirektor und Auto-Partei-Präsidenten Jürg Scherrer oder dem dissidenten Freisinnigen Hansruedi Aerni umgegangen ist, erfährt man indes nicht. «Das Gerücht geht um, Aerni und SVP-Mann Joe Anetzhofer seien nach einer Sitzung sogar tätlich gegeneinander geworden», schreibt Hadorn.

Bei solchen Sätzen wird die Schwäche des Buches deutlich. Der Autor weiss eigentlich mehr, als er schreiben darf oder will. Er ist zu nahe an Stöckli dran, als dass er den «König von Biel» noch unabhängig beschreiben könnte. Seine Biografie wird darum beinahe zu einer Art Heiligenverehrung, einer Hagiografie. SP-Mitglied Hadorn hat Stöcklis Aufstieg vorwiegend als Stadtrat und Freund und weniger als Journalist begleitet. Seit 2009 sitzt er erneut für die Sozialdemokraten im Bieler Stadtparlament. Im Nachwort gesteht Hadorn selber ein: «Der Nachteil besteht darin, dass vieles unwidersprochen direkt von Stöckli übernommen worden ist und dass ich mich dem Vorwurf aussetzen muss, dass dabei die kritische Distanz wahrscheinlich etwas zu kurz gekommen ist.» Das Buch war zwar keine Auftragsarbeit des heutigen Ständeratskandidaten, sondern ein Projekt von Hadorns Büro Cortesi. Stöckli hat jedoch das ganze Manuskript gegengelesen.

Die Expo als einmalige Chance

So bleibt das Buch auch bei jenem Thema oberflächlich, das Stöckli national bekannt gemacht hat und er selber als Höhepunkt seiner Karriere bezeichnet: der Expo.02. Als 1994 die Idee einer Landesausstellung im Dreiseenland aufkam, war Stöckli sofort Feuer und Flamme. Immer stand dabei der Nutzen für «seine» Stadt im Zentrum. «Wir hatten hohe Steuern, beträchtliche Schulden, eine stagnierende Stadt und Imageprobleme. Ich wusste von der Bedeutung eines solchen Grossereignisses für die Stadtentwicklung. Für mich war klar: Das ist eine einmalige Chance», wird Stöckli zitiert.

1998 geriet das Projekt jedoch ins Schlingern, die Direktorin Jacqueline Fendt und die Künstlerische Leiterin Pipilotti Rist verliessen die Expo, die Banken sperrten die Überbrückungskredite. Der Expo.01 drohte das vorzeitige Ende. Der strategische Ausschuss, dem Stöckli angehörte, hatte seine Führungsverantwortung vernachlässigt. 1999 entschied sich der Bundesrat dann aber doch für die Durchführung - allerdings erst im Jahr 2002.

Was in diesen Monaten geschah, weiss Stöckli ganz genau, gibt es im Buch aber nicht preis. Er habe sich «grosse Sorgen und Vorwürfe» gemacht, wird er lediglich zitiert. Immerhin erfährt man aber, wie sehr die Expo Stöckli am Herzen gelegen hat: «Ich war fest entschlossen, bei einem Abbruch unverzüglich zurückzutreten.»

«Beängstigendes Machtpotenzial»

Neben seinen unbestrittenen Verdiensten für Biel hat Stöckli durchaus auch seine schwierigen Seiten. Im Buch werden diese fast nur in einer kleinen Sammlung von Drittmeinungen thematisiert. So schreibt der heutige Stadtpräsident Erich Fehr diplomatisch: «Konnte er sich nicht durchsetzen, drückte er sein Missfallen ganz direkt aus.» Peter Moser, Doyen des Bieler Freisinns, wird deutlicher: Stöckli sei «punktuell sehr aufmerksam und sensibel - und bei Widerstand recht impulsiv im Umgang mit der Menschheit. Mit der Zeit nahm er auch royalistische Züge an. Das Parlament schien im ab und zu als Hindernis im Weg zu stehen.» Und der ehemalige Vorsteher des Wohnungsamts, Hugo Lehmann, schreibt: «Stöckli hatte ein fast beängstigendes Machtpotenzial - vermutlich weil er kaum je auf ernsthafte Gegenwehr stiess.»

Der Bund

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