Bildungskommission will Kategorie «erhaltenswert» abschaffen

Wegen der Denkmalpflege würden viele Umbauprojekte blockiert, findet eine grossrätliche Kommission und fordert die Abschaffung der Kategorie «erhaltenswert».

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Lisa Stalder

Rund zehn Prozent aller Gebäude im Kanton Bern werden von der Denkmalpflege als «schützenswert» oder «erhaltenswert» eingestuft. Das seien viel zu viele, findet eine knappe Mehrheit der grossrätlichen Bildungskommission.

Sie beantragt deshalb, die Kategorie «erhaltenswert» ganz abzuschaffen. Die Denkmalpflege soll sich künftig lediglich auf den Typus «schützenswert» konzentrieren, wobei die Anzahl geschützter Gebäude um mindestens die Hälfe reduziert werden soll.

Dies teilte die Bildungskommission des Grossen Rats am Freitag mit. Nach Ansicht der vorwiegend bürgerliche Kommissionsmehrheit werden durch das Kategoriensystem der Denkmalpflege moderne und zeitgemässe Umbauten erschwert oder gar verhindert.

Auch sei eine bessere Nutzung bestehender Gebäude durch diese Restriktion erst gar nicht möglich. In Zukunft seien aber Verdichtung und der haushälterische Umgang mit dem Bauland wichtig. Auch bei energetischen Sanierungen seien den Bauherren oftmals die Hände gebunden.

«Vor lauter bewahren sollten wir uns nicht unsere Zukunft verbauen», sagte FDP-Grossrätin Corinne Schmidhauser auf Anfrage. Sie betonte aber auch, dass es den Befürwortern nicht darum gehe, Tabula rasa zu machen.

«Wir schätzen es sehr, dass im Kanton Bern zu alten und besonderen Gebäuden so viel Sorge getragen wird.» Etwas mehr Flexibilität sei aber dringend nötig. Sie hoffe sehr, dass es für Hausbesitzer künftig einfacher wird, einen Umbau anzugehen.

Rot-grüne Mitglieder dagegen

Es waren allerdings nicht alle Mitglieder der Bildungskommission dieser Meinung. Für die rot-grüne Minderheit ist die Streichung der Kategorie «erhaltenswert» nicht zielführend. Denn bereits heute hätten die Baubewilligungsbehörden bei erhaltens- und schützenswerten Bauten genügend Spielraum, den Fachbericht der Denkmalpflege zu gewichten und gegebenenfalls auch dagegen zu entscheiden.

Häufig sei es auch nicht die Denkmalpflege, die ein Bauvorhaben blockiere, sagte die grüne Grossrätin Bettina Keller auf Anfrage. Oftmals sei es die Gemeinde oder ein Nachbar, der Einsprache erhebe.

Zudem verhindere die Kategorie «erhaltenswert», dass Ortsbilder zerstört würden. Dies, weil dank der Inventarisierung eine Auseinandersetzung mit den Gebäuden stattfinden müsse.

Keller hofft, dass mit dem knappen Entscheid der Kommission das letzte Wort noch nicht gesprochen sei. «Es wäre ein schlechtes Signal an andere Kantone, wenn Bern dieser Änderung zustimmen würde.»

Bern gelte in dieser Hinsicht als Vorreiterkanton, wird derzeit doch in etlichen Kantonen darüber nachgedacht, die Kategorie «erhaltenswert» neu einzuführen. Der Grosser Rat wird sich in der Januar-Session mit dem Thema befassen.

Landhaus und Hörsaalzentrum

Der städtische Denkmalpfleger Jean-Daniel Gross wollte sich zum Antrag der Bildungskommission nicht äussern. Er betont aber, dass schützenswerte und erhaltenswerte Bauten stets im Gesamtkontext zu betrachten seien. Die schützenswerten Bauten seien jeweils jene, die aus dem Ganzen herausragten.

Als Beispiel nennt er beispielsweise jene Häuser im Breitenrainquartier aus dem 19. Jahrhundert, die mit einem Erker ausgestattet sind. Die Häuser daneben und dazwischen, die architektonisch etwas weniger aufwendig gestaltet sind, gehörten dann zu den erhaltenswerten Bauten. Auf dem Land verhalte es sich ähnlich: Da seien beispielsweise die Kirche und das Pfarrhaus geschützt, das Bauernhaus und die Scheune hingegen gälten als erhaltenswert. «Dennoch bildt nur alles zusammen ein stimmiges Ensemble.»

In der Stadt Bern sei rund die Hälfte der von der Denkmalpflege registrierten Gebäude erhaltenswert. Als Beispiele nennt Gross das ehemalige Restaurant Landhaus an der Altenbergstrasse, die Häuser der Humboldtstrasse, das Kirchgemeindehaus Bümpliz oder aber die Weichenbauhalle an der Fabrikstrasse 6A, wo sich heute das Hörsaalzentrum der Uni Bern befindet.

Im Inventar der Denkmalpflege sind im Kanton Bern rund 36'000 Gebäude aufgeführt, etwa 23'000 gelten als erhaltenswert.

Der Bund

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