Beschneidungen im Spital betreffen vorwiegend Muslime

Trotz eines Gerichtsurteils aus Deutschland für ein Verbot von traditionellen Beschneidungen führen Berner Spitäler sie vorerst weiter. Denn die Ärzte geben vor, wann und wie operiert wird.

Ankara: Die Beschneidung ist Sache eines Facharztes.

Ankara: Die Beschneidung ist Sache eines Facharztes. Bild: Agata Skowronek

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In Berner Spitälern sind Beschneidungen Routine. Auch solche, welche aus religiösen oder rituellen Gründen gewünscht werden. Vorwiegend Muslime lassen ihre Knaben im Spital beschneiden. Bei jüdischen Gemeinschaften führt ein speziell ausgebildeter Arzt, der Mohel, das Ritual durch, ausserhalb des Spitals ab - zu Hause oder in der Synagoge. Zuwarten nach UrteilLaut dem Berner Inselspital sind 90 bis 95 Prozent der Beschneidungen medizinisch angezeigt; rituelle Beschneidungen machen also nur einen kleinen Anteil aus.

Vorwiegend muslimische Eltern – aber auch Christen

Dennoch machte ein Richterspruch in Deutschland Beschneidungen zum Thema. Das Landgericht Köln wertete Ende Juni die Beschneidung von Knaben als Körperverletzung. Zuletzt entschied die Kinderklinik Zürich, religiös und traditionell motivierte Beschneidungen bis auf weiteres zu stoppen. Die dortigen Ärzte sorgten sich um die Rechtssicherheit. Auch die Schweizerische Gesellschaft für Kinderchirurgie beschäftigte sich mit dem Urteil. Sie gibt vorerst keine Empfehlung an die Kinderchirurgen ab, wie mit traditionellen Beschneidungen weiter umzugehen ist.

Das Inselspital hat im vergangenen Jahr 28 Beschneidungen durchgeführt, die aus religiösen oder rituellen Gründen stattfanden. An der Kinderklinik Wildermeth im Spitalzentrum Biel sind jährlich etwa 100 solcher Eingriffe zu verzeichnen, welche laut dem Chefarzt der Kinderchirurgie, Markus Bittel, auf «religiöse oder traditionelle» Gründe zurückgehen. Die Klinik ist die einzige im Einzugsgebiet vom Seeland bis nach Neuenburg und in den Jura, welche Zirkumzisionen durchführt. Hier möchten vorwiegend muslimische Eltern, teils auch Zugewanderte aus afrikanischen Staaten - auch Christen -, ihre Knaben beschneiden lassen, wie Bittel erklärt.

Teil der religiösen Identität

Farhad Afshar ist Präsident des muslimischen Verbands Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (Kios), welchem auch der bernische Kantonalverband der Muslime angehört. Er kritisiert das Urteil aus Deutschland, glaubt aber, dass es nicht von grosser Bedeutung sein wird. «Auch ein Gerichtsurteil muss gewissen Anforderungen genügen», so Afshar, «dazu gehört die Verhältnismässigkeit.»

Aus einem Urteil im Einzelfall dürfe keine Diskriminierung für eine ganze Religionsgemeinschaft entstehen. Er ist zuversichtlich, dass spätestens das Bundesverfassungsgericht den Kölner Entscheid rückgängig macht - oder der deutsche Bundestag, wie schon geplant, eine gesetzliche Regelung schafft.

Spitäler pochen auf Betäubung

Afshar vertritt die Auffassung, dass die Beschneidung von der Religion nicht zu trennen sei. Im jüdischen Glauben ist das Ritual am siebten und achten Tag nach Geburt Zeichen für den Bund mit Gott. Im Islam und Christentum habe dieser Bund seine Fortsetzung gefunden, so Afshar. Daher sei dieser Ritus «nicht relativierbar»: «Es gibt keine individuelle Entscheidung dafür oder dagegen, wie es beim Fasten möglich ist», sagt Afshar. Man könne darum in der religiösen Bedeutung nicht zwischen Islam und Judentum differenzieren. «Ein Verbot trifft beide Glaubensgemeinschaften gleichermassen in ihrer religiösen Identität.»

Kulturell würden in den 56 muslimischen Staaten Beschneidungen aber unterschiedlich gehandhabt. So werden türkisch-muslimische Knaben mit sieben Jahren beschnitten. Im Iran wird die Beschneidung in den ersten Tagen nach der Geburt durchgeführt. Obwohl die Sitten in verschieden Ländern unterschiedlich sind, sei die Beschneidung für alle Muslime von hoher Bedeutung, sagt Afshar. Eingriffe am Säugling und ohne Anästhesie lehnen aber sowohl die Klinik Wildermeth als auch das Inselspital ab. Probleme mit Eltern gibt es aber kaum. Ab und zu müsse man sie bitten, mit der Beschneidung noch zuzuwarten. Das werde allerdings akzeptiert, sagt Bittel.

Eine jahrtausendealte Tradition

Das Wichtigste sei, dass der Eingriff möglichst schmerz- und risikofrei geschehe. Aus eben diesem Grund will auch das Inselspital weiterhin religiös und traditionell begründete Beschneidungen durchführen. Sonst könnte es sein, dass Beschneidungen nicht mehr fachgerecht und ohne professionelle Nachsorge stattfänden. Auch Afshar sieht dieses Risiko und bewertet «den vorauseilenden Gehorsam» der Zürcher Kinderklinik daher als «verantwortungslos».

Die Diskussion um die Beschneidung von Kindern hat wegen des Kölner Urteils aber auch eine weitergehende Diskussion angestossen: eine Diskussion um die Gewichtung von Grundrechten wie Religionsfreiheit und die körperliche Unversehrtheit und gar um die Selbstbestimmung des Kindes. «Bei alledem sollten wir mit den Füssen auf dem Boden bleiben», sagt Kinderchirurg Bittel. «Ein Urteil aus Köln wird wohl kaum eine jahrtausendealte Tradition brechen können.» (Der Bund)

Erstellt: 24.07.2012, 09:21 Uhr

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