Berns Whistleblower

Vor 27 Jahren hat er die Berner Finanzaffäre ausgelöst: Wie ein Akt der Zivilcourage Rudolf Hafners Leben auf den Kopf stellte.

Rudolf Hafner – Berns bekanntester Whistleblower.

Rudolf Hafner – Berns bekanntester Whistleblower.

(Bild: Adrian Moser)

Über das Motiv des Informatikers, der Hildebrand zu Fall brachte, lassen sich nur Vermutungen anstellen. Ist er aus Naivität zum Whistleblower geworden? Waren seine Beweggründe politischer Art? Oder steckt in ihm ein Idealist, der sich mit allen Mitteln gegen Unrecht einsetzt? Fragen, mit denen auch Rudolf Hafner immer wieder konfrontiert wurde, seit er 1984 die Berner Finanzaffäre ins Rollen gebracht hatte. Ihn nannte man damals nicht Whistleblower, sondern Aufdecker.

Hafner schwebt mehr als er geht, leise wie eine Brise Wind. Doch der feine, ja fast zerbrechlich wirkende Mann hat mehr Bodenhaftung, als man glaubt. Er überrascht mit der Treffsicherheit seiner Formulierungen und ist bekannt für seine Zivilcourage - auch wenn er sich selbst, ganz bescheiden, nur als mittelmässig mutig bezeichnet. Das war schon 1984 so. Niemand hätte dem schüchternen Anthroposophen und Revisor in der kantonalen Finanzkontrolle zugetraut, dass er wie ein Orkan über die Berner Kantonsregierung fegen würde und alte Machtstrukturen zum Umsturz bringen könnte.

Der Fall Hildebrand weckt bei ihm Erinnerungen

Doch er tat es. Am 23. August 1984 deckte er das unrechtmässige Finanzgebaren des Regierungsrats auf. Während Jahren stand Hafner darauf im Rampenlicht, obwohl er das eigentlich nie wollte. Zuerst als Verfolgter und Verräter, dann als mutiger Staatsbürger und Volksheld, dem es stets um Gerechtigkeit ging. Sein Ruhm führte ihn schliesslich in die Politik - für die Freie Liste war er im Grossen Rat und später auch im Nationalrat. Nie habe er davor mit einem politischen Amt geliebäugelt. «Ich war ein apolitischer Mensch», sagt er von sich.

Dann war es lange still um ihn. Heute, mehr als 27 Jahre später, weckt der Fall Hildebrand, an dessen Anfang ebenfalls ein Whistleblower stand, Erinnerungen. Was macht wohl Rudolf Hafner? Er lebt mittlerweile in Dornach, ist Geschäftsführer einer sozial-therapeutischen Einrichtung und Stiftungsrat bei Insieme Kanton Baselland. Die Anthroposophie ist nach wie vor Teil seiner Biografie, genauso wie die Berner Finanzaffäre.

Der Fall Hildebrand bewegt ihn. «Es ist verständlich, dass er die Nerven verliert», sagt Hafner über den Informatiker, der letzte Woche den Nationalbankpräsidenten zu Fall gebracht hat. Doch der Informatiker habe etwas ungeschickt gehandelt, findet Hafner. Er hätte einen parteilosen Anwalt beiziehen und direkt zum Bankrat oder Bundesrat gehen sollen, findet er. Stattdessen sei er jetzt seinen Job los und habe zudem noch ein Strafverfahren am Hals.

Hafner dagegen ist glimpflich davon gekommen. Doch obwohl er seinen Fall als Erfolgsstory bezeichnet, die ihm eine «riesige öffentliche Anerkennung» gebracht habe, hat ihn die Affäre auch einiges gekostet. «Beruflich konnte ich nicht mehr die Karriere einschlagen, die ich eigentlich wollte.» Da kämen schon gemischte Gefühle auf, sagt er. Doch verbittert scheint er keineswegs. Er nimmt das Leben, wie es kommt. «Ja, ich würde es wieder tun», sagt er.

Gefüllte Titelseiten und Hausdurchsuchungen

Innerhalb einiger Tage schrieb er im August 1984 einen 23-seitigen Bericht und schickte diesen an alle 200 Grossräte. Danach sei alles wie im Film abgelaufen. Wie gewohnt ging er tags darauf zur Arbeit. Der Chefbeamte der Finanzdirektion bot die Polizei auf. Hafner verliess das Gebäude noch vor deren Ankunft. «Da stand ich ganz verdattert auf dem Münsterplatz», erinnert er sich. Dann tauchte er für ein paar Tage unter.

Seine Aktion füllte Titelseiten und führte zu Hausdurchsuchungen. «Die Belastung war extrem hoch», erzählt er. Doch das Schicksal habe für ihn gespielt. Zufälligerweise begann kurz nach dem Eclat die Session im Grossen Rat. Dieser beschloss, den Fall genau zu prüfen und eine besondere Untersuchungskommission einzusetzen. «Ich fühlte mich gerettet. Die Nervosität ist von mir abgefallen», sagt er.

Aber was war denn nun Hafners Motiv? Die Antwort kommt prompt und überzeugt. «Mein Sensorium für Gerechtigkeit und Unrecht war der ausschlaggebende Grund», sagt er. Schon huscht er davon, nicht weil er sich entziehen will. Doch so kann er dem Rampenlicht entwischen, das mochte er noch nie.

Der Bund

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