Berner SP-Sitz im Nationalrat bleibt in den Händen der Gewerkschaft

Der Bieler Gewerkschafter Corrado Pardini rutscht im Sommer für André Daguet in den Nationalrat nach. Daguet, der sich von einem Herzstillstand im Jahr 2010 gut erholt hat, möchte «aufrecht» abtreten.

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Der 63-jährige André Daguet hat alle überrascht: Der ehemalige Gewerkschafter und SP-Nationalrat tritt im Herbst nicht mehr an – und übergibt den Sitz auf die Sommersession an den nächstplatzierten SP-Mann, den 45-jährigen Bieler Corrado Pardini, ebenfalls Gewerkschafter. Somit kann dieser mit dem Bisherigen-Bonus an den Start.

Eigentlich war geplant, dass Daguet im Herbst nochmals antritt und erst im Verlauf der Legislaturperiode den Sitz freimacht. Er habe «den richtigen Zeitpunkt» für einen Rücktritt finden wollen, sagt Daguet – «mit aufrechtem Gang, nicht erst dann, wenn man muss».

Einmal hatte es ausgesehen, als finde Daguets Karriere ein jähes Ende. Im Mai 2010, als der Nationalrat vom Mittagessen an eine Sitzung ins Bundeshaus zurückkehrte, brach er beim Lift bewusstlos zusammen. Ein Polizist, glücklicherweise mit Sanitäterausbildung, befand sich in nächster Nähe und führte sofort eine Herzmassage durch. Zudem kam der Defibrillator beim Eingang des Bundeshauses zum Einsatz: zwei glückliche Zufälle. «Ich hatte einen Schutzengel», sagt Daguet heute, denn nur fünf Prozent überlebten einen Herzstillstand.

Seither trägt der SP-Mann einen kleinen Defibrillator in sich, der feine Elektroschocks erzeugt. Das merkten auch die Genossen, als Daguet letzten Herbst das Doppel-Nein zu Ausschaffungsinitiative und Gegenvorschlag vertreten sollte. Für ein Ja zum Gegenvorschlag warb die jetzige Ständeratskandidatin Ursula Wyss. Er sei verärgert gewesen, da die Partei «noch schnell, schnell» eine Parole habe beschliessen wollen, obwohl man zeitlich im Verzug gewesen sei. Sein Gerät gab Stromstösse ab, was Daguet auf der Bühne irritierte. Er verliess den Saal unverrichteter Dinge, um sich in ärztliche Kontrolle zu begeben.

Zuerst von der Partei verschmäht

1999 wollte Daguet, bis 1996 SP-Generalsekretär und seit 1997 in der Geschäftsleitung der Gewerkschaft Smuv, für den Nationalrat kandidieren. Einige Parteifreunde und Gewerkschaftskollegen drängten vor, Daguet wurde nicht aufgestellt, doch errang ausser den Bisherigen niemand einen Sitz. Der Entscheid gegen den «Arena»-gestählten Animal politique erzeugte weit herum Kopfschütteln. 2003 trat er erneut an, nun mit Erfolg.

Schlagzeilen machte Daguet 1993, als die bürgerliche Mehrheit unter der Bundeshauskuppel die SP brüskierte, indem sie nicht die offizielle Kandidatin Christiane Brunner zur Bundesrätin wählte, sondern den Neuenburger Francis Matthey. Das Wahlprozedere wurde an jenem Mittwoch unterbrochen, um parteiinterne Beratungen zu ermöglichen.

Auf Geheiss von Parteipräsident Peter Bodenmann mietete Daguet ein Auto, um übers Wochenende die Sache ins Lot zu bringen, welche die Partei und viele Frauen in der Schweiz zum Schäumen brachte. Beim Auto handelte es sich – von der Vermietfirma bewusst gewählt – um einen roten Mercedes mit Autotelefon, was dannzumal ein ziemliches Extra-Feature war. An die Fahrweise mit der Automatikschaltung musste sich Daguet erst gewöhnen. In La Chaux-de-Fonds wurde Matthey ins Gebet genommen, damit er keinesfalls öffentlich eine Wahlannahme erklärte. Danach fuhr man nach Zürich und konferierte mit Parteigremien. Matthey verlangte die Zusage, dass seine «Parteifeindin» Yvette Jaggi nicht kandidieren werde. Matthey zog sich zurück. Am Mittwoch darauf ging das Wahlprozedere im Bundeshaus weiter. Auf dem Ticket befand sich diesmal neben Brunner deren «politische Zwillingsschwester» Ruth Dreifuss, die dann auch tatsächlich gewählt wurde.

In jüngerer Zeit habe sich «die Politik der bürgerlichen Parteien unter dem Diktat von Economiesuisse, Grossbanken und mächtigen Industrie- und Versicherungskonzernen massiv nach rechts bewegt», schreibt Daguet in einer Mitteilung. Dies habe seine Lust, weiterzumachen, «nicht etwa gedämpft, sondern erst recht noch einmal angestachelt».

Dennoch: Nach längerem Überlegen signalisierte er am Wochenende dem Listennachfolger Pardini, dass es ernst gelte. «Nach neun Jahren im Grossen Rat und zwanzig Jahren Gewerkschaftsarbeit bin ich bereit», sagt Pardini. Der Bieler hätte es laut Insidern gerne gesehen, wenn der Bieler Ex-Stadtpräsident und Nationalrat Hans Stöckli ins «Stöckli» gewechselt hätte, in den Ständerat. Auch als der Bieler Nationalrat Ricardo Lumengo wegen des Vorwurfs der Wahlfälschung von der Justiz belangt wurde, witterte Pardini Morgenluft. Doch Lumengo entschied plötzlich, aus der SP auszutreten und als unabhängiger Kandidat anzutreten. Befürchtet Pardini nicht, dass es ihm ergehen könnte wie 1999 seiner Parteikollegin und Berner Stadtratspräsidentin Barbara Geiser? Nachdem die Partei ihre Nationalrätin Ursula Bäumlin weichgeklopft hatte, räumte diese 1998 den Sitz vorzeitig zugunsten von Geiser, doch wurde diese 1999 dann doch nicht wiedergewählt.

Stärkung der Gewerkschaften

Nein, sagt Pardini: «Man kennt mich im Kanton Bern sehr gut.» Er hoffe zudem, dass die SP nach dem Verlust zweier Sitze 2007 wieder vorwärtsmache. Eine attraktive Liste mit bekannten neuen Anwärtern – etwa Stadtpräsident Alexander Tschäppät, Ex-TV-Redaktor Matthias Aebischer oder Ärztepräsident Jacques de Haller – erziele grosse Aufmerksamkeit. Er wolle die wenigen Gewerkschafter – den St. Galler Paul Rechsteiner und den Aargauer Max Chopard – im Rat verstärken, das sei angesichts der anstehenden sozialen Fragen sehr wichtig. Seine Generation sei bei der Linken ohnehin nicht stark vertreten. (Der Bund)

Erstellt: 23.02.2011, 07:13 Uhr

Fünf Berner Sitze werden sicher frei

Während André Daguet noch während der Legislaturperiode zurücktritt, räumen andere ihren Sitz auf die Wahlen im Herbst hin: Therese Frösch (Grüne), Simon Schenk (SVP) und Pierre Triponez (FDP).

Je nach Ausgang der Ausmarchung zwischen Adrian Amstutz und Ursula Wyss am 6. März wird entweder bei der SVP oder bei der SP in der laufenden Periode ein Nationalratssitz frei.

Norbert Hochreutener, der einzige Berner CVP-Mann, hat sich noch nicht entschieden, ob er erneut antritt. Die kantonale SP nominiert ihre Nationalratskandidatinnen und Kandidaten am kommenden Samstag in der Markthalle in Burgdorf. (mdü)

Corrado Pardini übernimmt im Sommer den Nationalratssitz von André Daguet. (Bild: Keystone )

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