«Bern erhält neuen Steuerzahler»

In der Wankdorf-City entsteht der neue Hauptsitz der Post. Die neue Konzernleiterin sagte an der Grundsteinlegung bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt Gutes für die Hauptstadt.

Post-Chefin Susanne Ruoff: «Bern hat einiges an Lebensqualität zu bieten.»

Post-Chefin Susanne Ruoff: «Bern hat einiges an Lebensqualität zu bieten.»

(Bild: Schweizerische Post)

Susanne Ruoff bestach gestern durch Zurückhaltung. Es ist ihr nicht zu verübeln. Am Rande der Grundsteinlegung zum neuen Post-Hauptgebäude in der Wankdorf-City gab sie gegenüber Journalisten kaum Auskunft zu aktuellen Themen und der Zukunft der Post. Erst seit Anfang September ist die bald 54-jährige Zürcherin neue Konzernchefin der Schweizerischen Post. Sie löste Jürg Bucher ab, der in Pension ging. Bis sie ihr Chefbüro am neuen Standort beziehen kann, werden aber noch gut zwei Jahre verstreichen. So lange beträgt die Bauzeit für die achtstöckige Liegenschaft neben dem Bahnhof Bern-Wankdorf. Vorerst befindet sich ihr Büro im derzeitigen Post-Hauptsitz in der Schönburg an der Viktoriastrasse.

Ruoff arbeitet seit Juni im Konzern. In den ersten drei Monaten verschaffte sie sich durch Gespräche mit zahlreichen Mitarbeitern und Kunden einen Überblick über das Unternehmen, wie sie sagte. «Ich bin daran, zu analysieren, wie die Post dasteht.» Auf die Frage, welches die grösste Baustelle im Konzern sei, meinte sie: «Geben Sie mir noch etwas Zeit, dann werde ich es Ihnen sagen.» Die Post ist mit 60 000 Mitarbeitern einer der grössten Arbeitgeber der Schweiz. Einen solchen Koloss zu durchleuchten, wird wohl noch etwas dauern. Eine erste Bilanz ihrer Erkenntnisse will sie nach 100 Tagen im Amt geben - also Mitte Dezember.

Zu Tisch mit Tschäppät

Bei ihrer Wahl betonte Post-Verwaltungsratspräsident Peter Hasler die Sozialkompetenz und die Kommunikationsfähigkeiten der ersten Frau an der Spitze des Post-Konzerns. Dass Ruoff auf Menschen zugehen kann, bewies sie auch gestern im Foyer des Theaters «Ewigi Liebi», wo die Festivitäten der Grundsteinlegung ihren Anfang nahmen. Die rund 50 Gäste hielten sich um kleine Apérotische auf, als Ruoff die Halle betrat. Sie steuerte direkt von einem Tisch zum anderen und begrüsste die Politiker, Stadt- und Kantonsangestellten und weitere geladene Gäste.

Beim Tisch von Stadtpräsident Alexander Tschäppät endete ihre Vorstellungsrunde. Da verweilte sie bis zu ihrer Ansprache. Beim kurzen Referat vor den Gästen sprach sie den Stadtpräsidenten an: «Der Hauptsitz der Post bleibt nicht nur in Bern - es kommt noch besser: Als Aktiengesellschaft wird die Post nächstes Jahr steuerpflichtig.» Wie viel dabei für die Stadt herausspringt, ist laut Post-Sprecher Oliver Flüeler noch unklar.

Angebranntes Teewasser

Ruoff erwartet keine einfache Aufgabe. Einerseits darf die Post nicht auf Kontinuität setzen. Sie muss sich weiterentwickeln, denn die klassische Briefpost schrumpft. Neue, innovative Produkte sind gefragt. Hier wird die Ökonomin ihre Kompetenz in der digitalen Welt besonders einbringen können. Ruoff arbeitete 20 Jahre lang bei IBM und war zuletzt zweieinhalb Jahre lang Leiterin der Schweizer Tochter der British Telecom. Andererseits sind die Aussichten für die anhaltend hohen Gewinne bei Postfinance getrübt. Immerhin erwirtschaftet der Finanzdienstleister zwei Drittel des Post-Gewinns.

Die tiefen Zinsen führen dazu, dass für die steigenden Kundenvermögen geeignete Anlagen fehlen. Postfinance deponiert deshalb hohe Beträge bei der Nationalbank, was auf den Gewinn drückt. Eine Trendwende bei den Zinsen ist nicht in Sicht.Zum Stellenantritt erschienen in den Medien diverse Interviews mit Ruoff. Dabei gab die passionierte Skifahrerin auch Privates preis. Etwa, dass sie eine schlechte Köchin sei. Ihr Mann behaupte, bei ihr würde sogar das Teewasser anbrennen, wie sie der «Schweizer Illustrierten» sagte. Die Naturfreundin Ruoff lebt mit ihrem Mann, ihrer Tochter (20) und ihrem Sohn (18) in Crans-Montana. Die Wahl-Walliserin zog vor 16 Jahren von Zollikon ZH dorthin. Ihr Mann ist Hausmann und kümmert sich auch um die familieneigenen Weinberge.

Vermutliches Supertalent

Ruoff wirkt bescheiden, in ihrem schwarzen Kostüm unauffällig. Aber bezüglich Zeitmanagement muss sie ein Supertalent sein. Neben ihrem Chefposten bei der Post, Familie, ihrem Interesse für asiatische Kultur bringt sie sogar noch ein Verwaltungsratsmandat unter.

Sie ist Mitglied im Strategiegremium des weltweit tätigen Sanitärunternehmens Geberit. Die Mandate beim kantonalen Informatikunternehmen Bedag AG in Bern und im Advisory Board of Computer Science der ETH Zürich gab sie im Frühling ab.

Der Bund

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