«Aus Bern möchte ich nicht mehr weggehen»

Die Walliser Historikerin Stephanie Summermatter erklärt den Bernern Bern. Geschichte soll Zusammenhänge sichtbar machen, findet sie.

Mit Kostümen und Requisiten: Stephanie Summermatter.

Mit Kostümen und Requisiten: Stephanie Summermatter.

(Bild: Adrian Moser)

Naomi Jones

Stephanie Summermatter, Präsidentin des Vereins Stattland, kommt mit dem Fahrrad. Die beige Freitagtasche passt perfekt zum Trenchcoat. Doch das sei Zufall. Summermatter trägt das schwere Damenvelo – secondhand aus der alternativen Werkstätte Drahtesel – die Stufen bis zum Veloständer des Mehrfamilienhauses aus dem 19. Jahrhundert hoch. Im Dachstock befindet sich das Büro der Geschäftsstelle. Nächsten Samstag präsentiert Stattland eine neue Stadtführung zum Thema Brücken.

Der Verein führt in Bern seit 25 Jahren thematische Stadtrundgänge mit Schauspieleinlagen durch: Bern in Krimis, seine realen Spione, Mani Matter oder die russische Grossfürstin Anna Feodorowna. Die Führungen sind ebenso unterhaltsam wie lehrreich. Stattland führt jährlich rund 15'000 Besucher durch Bern. Bis vor kurzem seien die Zahlen stetig gewachsen. Doch in letzter Zeit stagnierten sie. Bern Tourismus hat immer mehr Führungen im Angebot, die denen von Stattland sehr ähnlich sind. «Früher konzentrierte sich Bern Tourismus auf die Touristen, wir richten uns eher an Berner und Bernerinnen», sagt Stephanie Summermatter dazu. Es seien auch noch weitere Anbieter auf dem Platz Bern dazugekommen, zum Beispiel Rikscha-Taxi oder Foxtrail. Der kleine Verein spüre die Konkurrenz.

Jeden Sonntag eine Burg besucht

Stephanie Summermatter ist seit fünfzehn Jahren Mitglied von Stattland und seit neun Jahren Präsidentin. Sie kam nach Bern, um zu studieren. Sie habe sich schon als Kind für Geschichte interessiert. «Das habe ich von meinem Vater geerbt, mit dem ich fast jeden Sonntag eine Burg im Wallis besuchte», erzählt sie. Für das Studium in Bern habe sie sich wegen der Unitobler entschieden. «Eine hellblaue Uni in einer ehemaligen Schokoladenfabrik ist der Hammer», findet sie noch heute sichtlich begeistert. «Der Lauf der Geschichte ist dort direkt erlebbar.» Zudem habe sie als Historikerin für Schweizer Geschichte in Bern zahlreiche Archive voller Quellen in nächster Nähe gehabt.

Die Rundgänge von Stattland hätten bestens zu ihrem Verständnis von Geschichte gepasst, sagt die 38-Jährige. Denn Geschichte habe als Wissenschaft erst einen Wert, wenn sie den Menschen Zusammenhänge aufzeige und den Kontext erkläre. Auf den Rundgängen – acht Jahre lang führte sie selbst Interessierte durch die Stadt – habe sie jeweils beobachten können, wie die Menschen achtsamer geworden seien und begonnen hätten, sich mit der Umgebung auseinanderzusetzen.

Die Projektphase für einen neuen Rundgang dauert mindestens acht Monate. Sobald ein Thema feststeht, beginnt eine Gruppe von etwa fünf Interessierten, den Rundgang zu konzipieren. Die Gruppe setzt sich aus Rundgangleitenden und Schauspielern zusammen. Die meisten sind Geisteswissenschaftler oder professionelle Schauspieler. Auch externe Experten werden beigezogen. Etwa 65 Personen arbeiten regelmässig gegen ein bescheidenes Honorar mit.

Berner Identität auf Walliser Boden

Stephanie Summermatter spricht ruhig und im ebenso melodiösen wie kantigen Walliser Dialekt. «Im Gegensatz zu den Ostschweizern kam ich auf Führungen mit meiner Mundart immer gut an», erzählt sie. «Wenn ich sagte, dass ich die Führung kaum in Berndeutsch würde halten können, lachten alle, und das Eis war gebrochen.» Ab und zu unterstreicht Summermatter das Gesagte mit den Händen. Auch dies sind keine hektischen Gesten. Doch aus den blauen Augen blitzt der Schalk, das fast schwarze Haar ist kurz geschnitten, und den rechten Nasenflügel ziert ein kleiner silberner Nasenstecker.

Summermatter ist als zweite Tochter eines Weinbauernpaares in Visp aufgewachsen. «Doch mein Vater stammte aus einer Akademikerfamilie.» Seit 19 Jahren lebt sie nun in Bern, «mein halbes Leben», sagt sie. «Als ich nach Bern kam, fehlten mir die Berge als ­Orientierungspunkte.» Und heute, fühlt sie sich nun eher als Bernerin oder als Walliserin? «Ich bin in Bern so verwurzelt, dass ich nicht mehr weggehen möchte. Aber das Wallis werde ich nicht los. Meine Berner Identität wächst auf einem Walliser Boden.»

Rundgang zu Berner Brücken, Premiere: Samstag, 25. April 2015, 14 Uhr, Besammlung bei der Bushaltestelle Bärengraben, Dauer 90 Minuten, mit Schauspieleinlagen; 20 Franken; www.stattland.ch

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...