Aufstand der Jazz-Patriarchen

Wie lehrt man Jazz? An dieser Frage scheiden sich in Bern die Geister. Die Tradition komme heute zu kurz, sagt der Ex-Präsident der Swiss Jazz School Franz Biffiger und wirft Giftpfeile gegen die Jazz-Abteilung der HKB.

Jazz-Klassiker pauken oder kreativ austoben? Studierende einer Jazz-Klasse an der Hochschule der Künste Bern.

Jazz-Klassiker pauken oder kreativ austoben? Studierende einer Jazz-Klasse an der Hochschule der Künste Bern. Bild: zvg

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Im letzten Jahr hat sie ihren 45. Geburtstag gefeiert, die Berner Swiss Jazz School (SJS), die erste autonome Jazzschule Europas. Doch einem war nicht zum Feiern zumute. Dem Mann, der diese Schule wie kaum ein anderer geprägt hat: Franz Biffiger war einer der ersten Lehrer der Schule und lange Zeit deren Präsident. Nun ist er entrüstet.

Fällt das Gespräch auf die Methoden, wie heute in Bern Jazz gelehrt wird, lösen in diesem imposanten Mann Furor und Kummer eine verbale Kettenreaktion aus. Und dann geht es auf einmal um mehr als um eine blosse Lehranstalt für Jazz-Freunde. Es geht um Intrigen, um einen Wertezerfall, um Kunst und Kreativität im Allgemeinen, um Moderne und Tradition im Speziellen. Und es geht um eine Institution, die seiner Ansicht nach auf die schiefe Bahn geraten ist. Sein Zorn richtet sich gegen den Fachbereich Jazz der Hochschule der Künste Bern (HKB), in die die Profi-Abteilung «seiner» Swiss Jazz School übergegangen ist.

Seine Anklage: Die Jazz-Ausbildung der HKB baue nur noch auf kreative Selbstverwirklichung, in der Neuausrichtung der Ausbildung komme die jazzgerechte Grundausbildung zu kurz. Jazz-Schüler, die in ihrer Ausbildung Wert auf die Tradition legten, fänden kaum mehr Gehör, und Lehrer, die diese Methoden hochhielten, seien aus der Schule geekelt worden. «Nach über 40 Jahren ist die Berufsausbildung der SJS dort gelandet, wo wir nie hin wollten: in der Fremdbestimmung einer Leitung, die von Jazz-Ausbildung keine Ahnung hat. Jahrelange Pionierarbeit wurde hier in wenigen Jahren zerstört», schimpft Franz Biffiger.

Der Berner ist mit seinen Bedenken nicht allein. Andy Scherrer, der über Jahre als Saxofonlehrer an der Swiss Jazz School tätig war, liess nach seinem altersbedingten Abgang verlauten, er sei froh, von dieser Schule gehen zu können, und attestierte dieser «eine gewisse Orientierungslosigkeit». Andere Lehrkräfte, die die Schule verliessen, sind nicht mehr besonders gut auf deren Leitung zu sprechen; zwei davon bestellten einen Rechtsbeistand (William Evans und Sandy Patton) – über das Ergebnis der Prozesse wurde Stillschweigen vereinbart.

Frau Portmann schweigt

Stillschweigen hat sich selber auch Valérie Portmann, die Leiterin des Studienbereichs Jazz an der HKB, auferlegt. Fragen zu ihrem Verständnis von Jazz, zu den Schwerpunkten, die sie in der Ausbildung setzt, mag sie nicht beantworten und verweist auf ihre Vorgesetzten.

Tatsache ist, dass die Schule mit ihr eine neue Ausrichtung wagte und damit ganz offensichtlich Erfolg hat. 2012 verzeichnete sie einen historischen Rekord bei den Bewerbungen, anstatt um die 70 wie in vergangenen Jahren, zählte man 110 Kandidaten. Und einige der neu eingestellten Lehrkräfte wie Colin Vallon oder Dejan Terzic ziehen dank ihres Renommees Schüler aus dem In- und Ausland nach Bern. Ganz so schlecht kann es also dann doch nicht zu- und hergehen an der bernischen Jazz-Schmiede. Dementsprechend genervt reagiert man bei der HKB auch auf Franz Biffigers Kritik: «Die Vorwürfe und persönlichen Angriffe von Franz Biffiger sind der HKB seit langem bekannt», sagt Peter Kraut, stellvertretender Leiter Musik an der HKB. «Sie wurden der Erziehungsdirektion des Kantons Bern in einer aufsichtsrechtlichen Anzeige zur Kenntnis gebracht und bereits im Juni 2011 auf der ganzen Linie als nicht stichhaltig abgelehnt. Wir sehen keinen Anlass, weiter darauf einzugehen.»

Das Brechen von Traditionen

Zum besseren Verständnis ein Blick in die Vergangenheit: 1999 wurde die Swiss Jazz School in die kantonale Hochschule für Musik und Theater (HMT) integriert. Ein Schritt, der damals im Vorstand der Swiss Jazz School kontrovers diskutiert wurde, wollte die SJS doch nie ein Anhängsel einer klassischen Ausbildungsstätte sein. Die gesamtschweizerische Entwicklung habe damals jedoch keine realistische Alternative zugelassen, sagt Franz Biffiger heute. Um die Bedenken des Vorstandes zu lindern, schlug die Erziehungsdirektion vor, der Vorstand dürfe einen Beirat stellen, dem ein Mitspracherecht gewährt werde. Dieser Beirat wurde 2004 aufgelöst, als die Swiss Jazz School in die neu gegründete Hochschule der Künste überging. Somit hatten die Gründerväter der Swiss Jazz School kein Mitspracherecht mehr und erfuhren 2006 aus der Presse von der Wahl der Zürcherin Valérie Portmann zur Leiterin der Schule, eine Frau, die zuvor immerhin den Zürcher Jazz-Club Moods geleitet hatte.

«In Jazz-Kreisen stiess diese Wahl auf grosses Unverständnis», sagt Franz Biffiger. «Sie ist eine klassisch ausgebildete Pianistin mit einem Lehrdiplom, Jazz hat sie nie gespielt. Damit wurde mit der jahrelangen Tradition gebrochen, dass ein international anerkannter Jazz-Musiker die Schule leitet.» Und in diesem Umstand sieht Franz Biffiger das grosse Dilemma. «Der Jazz-Tradition wird in der Ausbildung kaum mehr Rechnung getragen.»

So sei zum Beispiel in der Ausbildung die Beherrschung eines Grundrepertoires der Jazz-Literatur gestrichen worden, für Biffiger geht es dabei um einen der Hauptpfeiler der Jazz-Ausbildung: «Es soll im Rahmen einer Musikausbildung nicht in erster Linie um Stilfragen gehen, nicht darum, was heute gerade modisch ist. Es geht nicht um die aktuelle Jazz-Szene mit ihren verschiedenen Nischen, es geht um Ausbildung, es geht um das Hören, um Handwerk, um Verständnis, um Wissen und Können, nicht um Kunst. Die kommt später.» Im klassischen Bereich passe man die Grundausbildung auch nicht laufend an die Aktualität an, sondern befasse sich sinnigerweise vermehrt mit historischen Aufführungstechniken.

Die «Look-at-me»-Musiker-Zucht

Das sieht auch Sandy Patton so, die an der SJS über Jahre für die Ausbildung der Sängerinnen und Sänger verantwortlich zeichnete: «Man kann in der Ausbildung doch nicht auf halbem Weg beginnen. Man startet bei den Basics, man lernt, Jazz zu spielen. Danach kann man vorwärtsgehen.» In einer Ausbildung, die nur auf Originalität und Kreativität baut, züchte man bloss ein paar weitere «Look-at-me-Musiker» heran. «Ich habe das Gefühl, dass die Schüler heute zu schnell dazu gedrängt werden, individuelle künstlerische Statements zu kreieren», sagt die in Bern äusserst beliebte Lehrerin.

Hört man sich bei Schülern der HKB-Jazz-Abteilung um, wird gewahr, dass die Frage, wie viel Traditionswissen zu einer Jazz-Ausbildung gehört, durchaus ein Diskussionsthema ist. Doch für die meisten war gerade die von der HKB vollzogene Modernisierung ein Grund für die Wahl der Schule. Unter George Robert, dem Vorgänger von Valérie Portmann, hatte die SJS den Ruf, eine Be-Bop-Schule zu sein, die zu sehr auf überlieferte Werte setzte. Deshalb zogen etwas progressiver ausgerichtete Musiker die Jazz-Schule Luzern vor, weil sie der Meinung waren, der dortige Lehrkörper ermutige sie zu mehr Offenheit. Heute scheint die Berner Jazz-Schule Luzern diesen Rang wieder abzulaufen. Gerade die Geschichte des Jazz zeige, dass einzig Offenheit und Bereitschaft zur Veränderung Erfolg garantierten, schreibt die HKB auf Anfrage. «Die zahlreichen Preise und internationalen Stipendien, die unsere Studierenden regelmässig gewinnen, bestätigen unseren Kurs.» Zudem sei die Traditionspflege durchaus eines von vielen wichtigen Elementen der Ausbildung.

Der radikal-pragmatische Ansatz

Mit diplomatischem Schmäh und radikal-pragmatischen Ideen mischt sich Joe Haider in die Diskussion ein. Er, der die SJS zwischen 1984 und 1995 geleitet hat, kritisiert ebenfalls, dass man das Traditionelle nicht mehr lehre und dafür lieber irgendwelche Projektkurse anböte. «Ich gehe davon aus, dass ein Jazz-Musiker auch einmal ein Konzert mit Fremdkompositionen spielen können sollte, will er in diesem Job überleben.» Doch diese Entwicklung sei kein typisch bernisches Phänomen, sie sei in ganz Europa zu beobachten. «Und wir leben im Jahr 2013, wir müssen uns damit abfinden, dass in der Jazz-Ausbildung andere Prioritäten gesetzt werden. Wir können nicht die Vorhänge ziehen, wir müssen sehen, was in der Welt passiert.»

Und die Überlegungen des 77-jährigen Jazz-Pianisten gehen noch weiter: «Die Frage müsste lauten: Braucht es überhaupt Jazz-Schulen? Wenn einer Jazz spielen will, soll er in einer klassischen Ausbildung sein Instrument erlernen, dann die Platten seiner Jazz-Helden anhören, nachspielen und einen eigenen Ausdruck finden. So wie wir das damals gemacht haben, als es noch keine Jazz-Schulen gab.» (Der Bund)

Erstellt: 16.02.2013, 10:25 Uhr

Swiss Jazz School

1967 wurde unter dem Namen Swiss Jazz School in Bern die erste autonome Jazzschule Europas gegründet mit dem Angebot eines kontinuierlichen Jazzunterrichtes. Später wurde sie unterteilt in eine allgemeine Abteilung, an welcher bis heute die Grundlagen des Jazzhandwerks gelehrt werden und in eine Berufsabteilung, an der Jazz-Profis ausgebildet wurden. 1999 wurde die Berufsabteilung der SJS in die damalige Hochschule für Musik und Theater überführt (heute HKB). Die Swiss Jazz School ist immer noch die wichtigste Zubringerschule für die Bachelor-Kurse der HKB (beide haben ihren Sitz am Eigerplatz), und es gibt Dozierende, die an beiden Schulen arbeiten.

Wirft Giftpfeile gegen die Jazz-Abteilung der HKB: Franz Biffiger. (Archivbild: Franziska Scheidegger)

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