Aufgetischt: Keine «Musig» im Bistrot

Wie ein Schlösslein sieht es aus im Schneegestöber, das Musig-Bistrot in Bern. Drinnen herrscht Bistro-Atmosphäre: Holzböden, Holztische – Gemütlichkeit ohne anbiedernde Alphüttenrustikalität.

Das Musig-Bistrot im Sommer. (Archiv Valérie Chételat)

Das Musig-Bistrot im Sommer. (Archiv Valérie Chételat)

Markus Dütschler

Teppiche gibts nicht, auch keinen Musikteppich, obwohl zwei mächtige Lautsprecherboxen dies nahelegen.

Doch die Lautsprecher hängen nicht zwecklos da, auch nicht die Scheinwerfer. Wie der Name andeutet, ist die Beizauch ein Kulturlokal,in dem Dichter vorlesen, philosophische Gespräche stattfinden und Radio-Talksendungen gesendet wurden. Der Troubadour Bernhard Stirnemann, der Architekt und Jazzpianist Franz Biffiger und Freunde gründeten eine Genossenschaft, um das Lokal zu retten. Seit 1992 läuft das Gastro-Kultur-Konzept. Die Beiz war auch Polo Hofers zweite Wohnstube, als er in Bern wohnte. Er veranstaltete im Garten des Hauses skurrile Schneckenrennen, die damit endeten, dass – nein: Die Tiere wurden nicht verzehrt, sondern im Monbijou-Park freigesetzt. Seit 2007 ist Fuad Agovic der Boss, nachdem er den Betrieb 2003 mit zwei Kollegen übernommen hat. Die Gäste empfängt er mit rustikalem Charme, wenn sie aus der Kälte hereindrängen. Mit kollegialer Autorität leitet er das internationale Team, das freundlich und effizient bedient.

Der Testesser lässt die Alternativen Eglifilet, Asia-Reisnudeln, Kalbsnieren oder Linsen links liegen und bestellt den dreigängigen Business-Lunch (Fr. 41.50). Der Blattsalat besteht vor allem aus Eisberg-Blättchen, standardmässig mit einer cremigen Balsamico-Sauce versehen – unauffällig, aber in Ordnung. Auf einem viereckigen Teller erreicht uns, hübsch angerichtet, der Hauptgang: Cevapcici unter Zwiebelringen, gekochte Auberginen und Peperoni, Bratkartoffeln, Ajvar (Paprika-Sauce) und Feta-Käse. Da heute keine Begleiterin zugegen ist, wird der deftige Atem nicht stören. Der sizilianische Santagostino, eine Assemblage aus Nero d’Avola und Syrah (Fr. 7.–/dl), passt – der Wirt riet richtig – gut zu den deftigen «jugoslawischen» Rindfleischwürstchen. Offiziell käme nun ein Schokoladenmousse. Eingedenk der Regel, dass man täglich Früchte essen sollte, fragt der Testesser nach der Alternative: Panna cotta mitBeerensauce. Kein Problem. Wieder kommt ein viereckiger Teller, dekoriert mit Passionsfrucht und Kaktusfeige – ein prächtig säuerlicher Kontrapunkt zur Süssspeise. Dass es Kaktusfeigen sind, weiss der Testesser, weil der Wirt auf Wunsch eigens eine intakte Frucht zum Zeigen an den Tisch bringt. Darf man mit Kreditkarte bezahlen? «Ufaufäu», sagt die Serviererin. Lieber würde der Testesser den ganzen Nachmittag dasitzen, den Flöcklein zusehen und den rutschenden Bernmobil-Bussen. Wenn er dann endlich den Chef anzurufen versuchte, um die Absenz mitzuteilen, wären Telefonleitung und Mobilnetz tot. Eingeschneit. Was machte das schon aus?

Der Bund

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