Essen

Aufgetischt: Im Wartsaal spielt ein Engel Geige

Das Restaurant Allresto bietet zwar eine gigantische Auswahl. Mehr als solide ist das Essen jedoch nicht.

Unser Testesser war vom Restaurant Allresto nur mässig angetan.

Unser Testesser war vom Restaurant Allresto nur mässig angetan. Bild: zvg

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Wir haben unser Kommen im Restaurant All­resto in Bern angekündigt. Das wäre nicht nötig gewesen, Platz hat es genug, doch nun verkündet auf dem reservierten Tisch ein Schild: «­Premium Guest» – eine Anspielung auf eine Biersorte, aber wir sind so unbescheiden und beziehen die Wertung auf uns. Immerhin: Bei uns ist der Tischläufer aus Stoff, vorn am Fenster ist es zwar heller, doch liegen dort Sets aus Papier, bedruckt mit Bierreklame. Es ist kaum möglich, nichts Passendes in der Karte zu finden: Suppen, Salate, Spaghetti, Penne, Gnocchi, Tortelloni, Lasagne, Rösti, Traditionelles, Toast, Fisch, mediterrane Küche, Flamm­kuchen, Pizza, Schnitzelkarte (mit 17 Positionen!), Vegetarisches, Geflügel, Fleisch – so die Überschriften. Ein «Querschnitt durch die kulinarische Spitzenqualität», so die Affiche.

Die Begleiterin, frei nach Ephraim Kishon «the best of all», entdeckt das Menu marché: Rehschnitzel mit Spätzli und Rotkraut (Fr. 27.50). Der Testesser wählt à la carte: Schweinsschnitzel Allresto mit Pommes frites und Salat (Fr. 24.50). Zwei freundliche Damen kümmern sich um die wenigen Gäste. Die jüngere ist im Büro tätig, springt aber wegen Personalausfalls ein und macht das gut. Allerdings kennt sie die grosse Karte nicht auswendig und meint, der Menüsalat (Fr. 5.–), wie ihn die Begleiterin dazubestellt, sei auch beim Testesser extra – dabei wäre er dort inbegriffen. Das kann passieren.

Essen wie auf der Raststätte

Wir genehmigen uns einen Roten, einen Walliser (Fr. 6.–/dl). Der Wein passt, er ist bekömmlich und nicht zu schwer. Die Begleiterin lobt die Spätzli, deren unregelmässige Form auf Eigenproduktion hindeutet. Marroni gibt es dazu und Convenience-Rotkraut. Eine Birne oder Trauben sucht man vergeblich. Die Wildrahmsauce ist nur ein Jus und erst noch recht knapp bemessen. Das Fleisch ist innen rosa, doch teilweise etwas zäh. Der Testesser bekommt eine Portion, wie sie Last­wägeler lieben: paniertes Riesenschnitzel mit gebratenen Speckstreifen drauf. Etwas deplatziert ist das Schälchen mit der scharfen Sauce, wie man sie im Thairegal vorfindet. Die gute Knoblauch­mayo ist – wie auf der Karte versprochen – wohl hausgemacht.

Wir blicken uns um. Das Ambiente erinnert an einen Wartsaal, an ein Autobahn- oder Flughafenrestaurant. Im Haus finden Kongresse statt, dann ist es praktisch, wenn man hier essen kann, ohne Zeit zu verlieren. Wenn es voll ist, dürfte der Lärmpegel hoch sein. Vermutlich fanden die Inhaber, der Raum könnte etwas Gemütlichkeit vertragen. Diese Aufgabe lastet auf den zarten Schultern des Engelchens, das über der Tür tanzend Geige spielt, ein venezianischer Kronleuchter verbreitet einsam eine Chic-Aura um sich.

Fraglicher Esprit

Wie war das früher? Das Restaurant hiess Galaxy, was an Raumschiffe erinnert, das Interieur war in dunklem schwerem Jacht-Look gehalten. Der Testesser musste seinerzeit als Taxifahrer manchmal Gäste hier abholen, ging hinauf zum Captain’s Table, bekam aber oft Bescheid, dass der Besteller gegangen sei. Taxifahrer mögen das nicht, zumal es schwierig war, das Taxi draussen abzustellen. Es ist lange her. Nur die Bullaugen in der Holzwand stammen noch aus jener Zeit.

Fazit: Die Kellnerinnen sind reizend, das Essen solide, aber auch nicht mehr. Auf ein Dessert verzichten wir, da wir satt sind und es ausser Glace nichts gibt. Wer «the best of all» einmal am Abend ausführt, wird eher ein Lokal suchen, das tatsächlich «unverwechselbaren Esprit» (O-Ton Allresto) aufweist – und ihr tief in die Augen blicken. (Der Bund)

Erstellt: 22.09.2014, 10:58 Uhr

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Die Rechnung, bitte

Karte: Streifzüge durch die schweizerische und italienische Küche.

Preise: im Durchschnitt, tägliche Menükarte mit fünf Angeboten ab Fr. 16.50.

Kundschaft: Büroleute, Quartierbewohner, Kongressbesucher.

Öffnungszeiten: Mo–Fr, 7.30–22 Uhr. Sa/So geschlossen.

Adresse: Restaurant Allresto, Avci Ferit, Effingerstrasse 20, 3008 Bern, www.allresto.ch; info@allresto.ch; Telefon 031 381 90 38.

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