Aufgetischt: Äthiopien auf dem Serviertablett – aber ohne Besteck

Aufgetischt

Es ist nicht das einzige, aber sicher das auffälligste Merkmal des äthiopischen Restaurants Injera in der Berner Länggasse: Man isst mit den Fingern.

Menü heisst hier nicht mehrere Gänge nacheinander, sondern mehrere Speisen gleichzeitig.

Menü heisst hier nicht mehrere Gänge nacheinander, sondern mehrere Speisen gleichzeitig.

(Bild: zvg/www.injera.ch)

Adrian Sulc@adriansulc

Lange fällt es den neuen Gästen gar nicht auf, dass da kein Besteck auf dem Tisch liegt. Doch auch nach der Bestellung wird keines aufgetischt, und dann fällt der Blick auf die Nachbartische, wo die Gäste afrikanischer und schweizerischer Herkunft ohne Besteck essen, sprich: mit den Fingern. Es ist nicht das einzige, aber sicher das auffälligste Merkmal des äthiopischen Restaurants Injera in der Berner Länggasse.

Am 1. Oktober haben Awraris Girma und Claudia Badissin das Lokal an der Gesellschaftsstrasse eröffnet. Bekannt waren ihre afrikanischen Gerichte aber bereits vorher: Seit zwölf Jahren bewirten sie jeden Dienstagabend Gäste im Quartierzentrum Villa Stucki. Der gute Ruf sorgt bereits in den ersten Tagen für ein gut gefülltes Lokal, was der Atmosphäre in den stilvollen, aber noch etwas leeren Räumlichkeiten durchaus zuträglich ist. Wer in Unkenntnis der äthiopischen Gastronomie durch die ansprechend gestaltete Speisekarte rudert, dem verschaffen die angebotenen Menüs einen guten Überblick. Das «Kombinationsmenü» wartet mit drei Fleischgerichten aus, das «Degustationsmenü» verspricht eine komplette Tour d’Horizon durch die Küche des Landes.

Essen aus der Jurte

Kurz bevor das Essen serviert wird, kommt der freundliche, aber noch etwas unaufmerksame Wirt Awraris Girma mit einer metallenen Kanne an den Tisch: Er leert den Gästen warmes Wasser über die Hände und fängt es darunter mit einem raffiniert konstruierten Becken wieder auf. Dann trägt Girma ein Objekt zum Tisch, das aussieht wie eine mongolische Jurte im Massstab 1:10. Es handelt sich um das für zwei Personen bestellte «Kombinationsmenü»: Es wird auf einem einzigen, aber dafür riesigen Teller serviert. Effektvoll hebt der Wirt den Deckel des Konstrukts ab und lässt die Speisen zum Vorschein kommen. Merke: Menü heisst hier nicht mehrere Gänge nacheinander, sondern mehrere Speisen gleichzeitig.

Der überdimensionierte Teller ist mit dem Grundnahrungsmittel, mit Fladenbroten aus Sauerteig, ausgelegt. Darauf laden beinahe unzählige Dinge zum Probieren ein: ein pikant gewürzter Linseneintopf, ein schmackhaftes, aber mildes Püree aus gelben Linsen, Naturejoghurt, ein Rindsragout, etwas Rüebli-Kartoffelgemüse, in der Mitte etwas Salat, Poulet in intensiver Sauce, gekochte Bohnen mit Rüebli, ein kompaktes Tomatenmus und etwas neutraler Frischkäse, gekochter Spinat sowie marinierte Lammfleischwürfel. Die wunderbaren Würzmischungen verortet der Laie irgendwo zwischen Indien und Marokko, was zumindest geografisch einigermassen korrekt ist.

Kulinarisches Gemeinschaftsgefühl

Doch annähernd so wichtig wie das geschmackliche Erlebnis ist für Neulinge das haptische: Das feine, leicht säuerliche Fladenbrot dient – in kleinen Stücken abgerissen – als Trägermedium für Saucen und Fleischstücke. Doch auch um beherztes Zugreifen mit den blossen Fingern kommen die Gäste ab und an nicht herum. Auch dass selbstverständlich aus einem gemeinsamen Teller gegessen wird, trägt zum kulinarischen Gemeinschaftsgefühl bei, das sich spätestens nördlich der Alpen oft etwas rarmacht.

Vom eigenen Erfolg überrascht, kann der Gastgeber zum Dessert weder äthiopischen Gewürztee noch Fruchtsorbet servieren – er muss auf die nächste Lieferung warten. Ein weiterer Grund, um ein zweites Mal zu kommen.

Der Bund

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