Auf der Suche nach dem unendlichen Klang

Im Dachstock des Progr machen sich junge Künstler auf die Suche nach dem unendlichen Klang. 169 Stunden dauert diese akustische Welteroberung namens «Carrillo_N13¿».

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Eine junge Frau steht am Eingang des Progrs vor einer glitzernden «Dafürsprechanlage»: «Codewort?», ertönt es aus einem Lautsprecher. «Dreizehn», sagt die Frau und erhält Eintritt. Sie steigt hinauf bis in den Dachstock. Sie schlüpft durch eine Plastikplane, steigt eine Holztreppe hoch, kriecht durch einen schmalen Gang in einen Raum, der mit Material eines Heissluftballons tapeziert ist. Sphärische Klänge geben einen Vorgeschmack darauf, was die Besucher noch erwartet.

Via einen Zwischengang landen die Besucher im Hauptraum, wo der riesige Klang-Generator steht – ein Raum im Raum sozusagen. Eine optische und musikalische Wucht schlägt dem Besucher entgegen. 3.5 Tonnen Holz, 8000 Schrauben, hunderte alte und neue Instrumente und ein halber Heissluftballon bilden den Boden für die Performance. Der Künstler Kaspar König macht sich an der «Skate-Gitarre» zu schaffen, während Samuel Stoll in das Horn pustet und Aleksander Gabrys am Sechzehntelton-Klavier klimpert. Benedikt Bindewald bespielt den flexiblen Bass, der aus einer Bettlatte besteht. Unzählige Instrumente, Rohre, Kabel verzieren den Raum.

Die Zahl 13 im Zentrum

Die Installation basiert auf der Theorie von Julián Carrillo, einem mexikanischen Komponisten und Violinisten. Carrillo hatte den Traum, den Klang der ganzen Welt zu schaffen. Die Künstler um «Propagandaminister» Till Wyler von Ballmoos versuchen die «Teoría del Sonido 13» in die Realität umzusetzen. «Nach dem zwölften Ton kommt der 13. und dann die Unendlichkeit. Wir wollen Carrillos Aufruf zur Revolution in die Tat umsetzen und den unendlichen Klang finden», sagt von Ballmoos. «Es ist eine neue Form der Musik, welche mittels Stauchung, Dehnung und Einverleibung der europäischen klassischen Musik das 'posteuklyptische' Zeitalter einläutet.»

Die Zahl 13 steht dabei ganz im Zentrum: Alle 13 Stunden soll ein neuer Raum erobert werden; 13 mal 13 Stunden arbeiten die Künstler an den Klangkonstrukten. Wobei: «Das Konzept der Trennung von Arbeit und Freizeit ist hier komplett aufgehoben», sagt von Ballmoos. Schlussendlich gehe es um die Utopie eines idealen Lebenssystems. Doch die Zukunft ist ungewiss: Ein dunkler Raum symbolisiert das schwarze Loch.

«Win-Win-Situation»

169 Stunden lang, von Samstag bis Samstag, rund um die Uhr füllen die Künstler den Raum mit Musik. Auch der Regen, der auf die alten Ziegel prasselt, gehört zur Installation. Da passt auch ins Konzept, dass zwischendurch das ganze System zusammenstürzt – und kurzzeitig nichts mehr zu hören ist.

Einen wichtigen Part im Projekt spielen auch die Besucher: Sie ernähren die Künstler mit mitgebrachten Esswaren – an Stelle des Eintrittsgeldes: Vitaminreiches Essen ist zurzeit Mangelware, Schokoladenkuchen hat es mehr als genug. Auch soll der Besucher selber mitmachen und von der «Teoría» infiziert werden. «Die Besucher bringen uns neue Energie und sie erhalten ein kleines Radio auf den Nachhauseweg, mit dem sie unsere Klang-Installation jederzeit live hören können – so funktioniert unsere Expansion», erklärt von Ballmoos. «Eine Win-Win-Situation», sagt er «Die Zuschauer hören uns und wenn genug Radios verteilt werden, hören wir sie», während eine Besucherin ins Mikrofon haucht: «Ich bin eine Schnecke und klettere auf den Schneckenberg».

Bis am Samstag läuft die Performance rund um die Uhr – Besucher sind willkommen. Sie müssen sich nur trauen, den roten Knopf am Eingang zu drücken und das Codewort zu sagen. Am kommenden Samstagnachmittag ist die Suche nach dem unendlichen Ton zu Ende. Vorläufig, denn die heimliche Expansion ist längst eingeleitet. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.09.2012, 17:35 Uhr

Carrillo_N13¿

Jeden Abend 19.30 Uhr findet eine Führung statt. Ein Schauspieler übersetzt den Besuchern die Installation. In der Nacht auf Samstag beginnen die Künstler, die Einzelteile ihres Projekts an einer Gesamtauktion zu verkaufen. Weitere Infos: www.biennale-bern.ch

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