Asylsuchende demonstrieren gegen Unterkunft im Hochfeld

Rund 150 Personen demonstrierten am Samstag gegen die Asylunterkunft im Hochfeld – darunter zahlreiche Bewohner der Anlage. Sie kritisierten die dortigen Lebensbedingungen und die Betreiberin ORS AG.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ist es illegal, Asyl zu suchen?» Mit überschlagender Stimme ruft ein junger Mann diesen Satz in Englisch in das Mikrofon, das ihm ein Aktivist hinhält. Bob aus Nigeria steht am Eingang seiner temporären Wohnstätte, der unteriridischen Asylunterkunft in der Zivilschutzanlage Hochfeld. Die Rampe, die in die Unterkunft hinabführt, ist von Polizisten versperrt.

Eine grosse Menschentraube hat den Eingang eingekreist. Die Leute halten Transparente in die Höhe mit Slogans wie etwa «Kein Mensch ist illegal» und im Chor rufen sie immer wieder «ORS raus!». Dies gilt der Betreiberin der Unterkunft, der Unternehmung ORS AG. Seit Anfang Jahr führt sie im Auftrag des Kantons das temporäre Asylzentrum, in dem zu Spitzenzeiten an die 160 Personen leben. Darunter Asylbewerber im laufenden Verfahren, wie auch bereits Abgewiesene. Schon in früheren Jahren diente die Zivilschutzanlage als Asylunterkunft. Neu ist, dass sie von einer privaten Unternehmung betrieben wird: Mit der ORS Service AG hat der Kanton dafür jenes jenes Unternehmen gewählt, das auch die Asylzentren des Bundes betreibt.

«Wirtschaftlichkeit hat hier nichts zu suchen»

Genau daran stört sich das «Komitee gegen Fremdenhetze & Asylbusiness», das die heutige Demonstration organisiert hat. Das Komitee setzt sich aus sieben verschiedenen Organisationen zusammen, darunter Solidarité sans frontières, Attac Bern, und Augenauf Bern. Maurizzio Coppola vom Komitee sagt: «Wirtschaftlichkeit hat im Asylbereich nichts zu suchen. Hier geht es um Menschlichkeit.» Die ORS AG sei ein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen, das dem Leistungsauftrag nicht gerecht werden könne. Die Situation in der Unterkunft sei untragbar. «Wir fordern den Kanton auf, unverzüglich für eine angemessene Unterbringung der Asylsuchenden vom Hochfeld-Bunker zu sorgen».

Die Aktivisten stehen nicht alleine. Um die 150 Personen sind es, die an diesem Samstag Nachmittag vom Hirschengraben aus die Schanzenstrasse hochmarschieren – auf Pfannen einschlagend, Parolen skandierend, oder auch ganz still. Sie erregen Aufsehen: In der belebten Länggasse schauen die Leute aus den Fenstern oder stehen in ihren Haustüren. Manche klatschen, manche halten die Arme verschränkt. Sie habe nicht gewusst, dass im Neufeld eine Asylunterkunft betrieben werde, sagt eine Frau, die geklatscht hat. Kein Mensch sei illegal, dem stimme sie zu.

«Man kann da drin nicht leben»

Aufsehen erregt der Zug wohl vor allem auch, weil an vorderster Front eine Gruppe Asylsuchender marschiert. Die Männer tragen ihre Botschaften oft halb singend, halb tanzend und in Französisch oder Englisch vor. Sie sind es auch, die später am Eingang des Zentrums den Polizisten direkt gegenüberstehen. Viele von ihnen leben selber in der Anlage. So wie Bob aus Nigeria. «Man kann da drin nicht leben», sagt er. «30 Personen in einem Raum – wie soll man da schlafen können?» Auch das Essen sei schlecht. Eine Küche gebe es nicht, man müsse Essen, was einem vorgesetzt werde. «Vielen bekommt es nicht», sagt Bob. Ein Bewohner möchte dies beweisen, indem seinen nackten Bauch zeigt – er ist von einem Ausschlag gezeichnet.

Nur Ratten würden in Löchern leben, sagt ein Asylsuchender, der dem Bleiberechtkollektiv angehört. «Wir sind aber keine Ratten – wir sind Menschen.»

Interpellation im Grossrat

Verantwortliche der ORS stehen während des Protests auf der Rampe und hören sich die Vorwüfe an. Sie äussern sich nicht dazu, händigen aber ein Communiqué aus. Darin wird auf die lange Erfahrung der ORS verwiesen. «Unsere Kriterien sind ausgeprägte Menschlickeit und Fairness gegenüber den Asylsuchenden, aber auch die Wirtschaftlichkeit», heisst es etwa. Gewinn werde indes nicht «am Asylsuchenden» erzielt, sondern durch ein «effektives, hoch professionelles Kostencontrolling». Synergien des nationalen Netzwerkes würden genutzt, die Administration sei effizient. Die Schlagworte «Asylbusiness» und «Fremdenhetzte» werden als kontraproduktiv verurteilt.

Der Migrationsdienst wiederum nimmt die Demonstration zur Kenntnis, wie Leiterin Iris Rivas auf Anfrage von DerBund.ch/Newsnet schreibt. «Weder kommentiert er diese Aktion, noch nimmt er Stellung zu den Forderungen oder Aussagen», schreibt sie weiter.

Stellung nehmen muss hingegen schon bald der Kanton. Wie am Samstag bekannt wurde, will die grüne Grossrätin Natalie Imboden in einer dringlichen Interpellation von der Regierung Auskunft darüber einholen, wie eine menschenwürdige Unterbringung von Asylsuchenden zu gewährleisten sei. Gegenstand dieser Anfrage sind unter anderem der genaue Leistungsauftrag der ORS AG im Kanton Bern und die Kriterien für die Vergabe von Aufträgen im Asylbereich. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.05.2012, 18:24 Uhr

Artikel zum Thema

Widerstand gegen die Asylanlage im Hochfeld

Das unterirdische Asylzenter im Hochfeld sorgt für Ärger: Ein Bündnis verschiedener Organisationen kritisiert die Unterbringung Asylsuchender im «Asylbunker» und ruft zur Demonstration auf. Mehr...

80 zusätzliche Plätze im Hochfeld

Die Stadt stellt in der Zivilschutzanlage Hochfeld weitere 80 Plätze für Asylsuchende zur Verfügung. Mehr...

Ein Dutzend Anrufe auf die Asyl-Hotline

Seit einer Woche sind 16 Asylbewerber in der Zivilschutzanlage Hochfeld untergebracht. Die Bevölkerung in der Länggasse reagiere zurückhaltend, aber wohlwollend auf die Asylsuchenden, sagt Roman Della Rossa von der Betreiberfirma ORS. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Sie kann gar nicht gross genug sein: Beobachtet von Schaulustigen, reitet ein Surfer vor der Küste von Nazaré, Portugal, auf einer Monsterwelle. (18. Januar 2018)
(Bild: Armando Franca/AP) Mehr...