Hintergrund

Altes Bern trifft neue Welt

Die Universitätsbibliothek Bern stellt dreissig alte Berner Adressbücher ins Netz und trifft damit den Nerv der Zeit: Immer mehr Nutzer fragen historische Quellen statt in der Bibliothek im World Wide Web nach.

44 Droschkenhalter waren laut dem Adressbuch der Stadt Bern im Jahr 1900 zugelassen, das Hotel de l'étoile war einer von 32 Gasthöfen.

44 Droschkenhalter waren laut dem Adressbuch der Stadt Bern im Jahr 1900 zugelassen, das Hotel de l'étoile war einer von 32 Gasthöfen. Bild: Burgerbibliothek Bern

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Sie waren die Datenbanken der Vorzeit, die gelben Seiten des 18. Jahrhunderts: Die historischen Adressbücher der Stadt Bern dienten einst als Behörden-, Wohn- und Geschäftsverzeichnis. Nun gehen die historischen Findmittel um die Welt. Die Universitätsbibliothek Bern hat dreissig zwischen 1795 und 1900 erschienene Adressbücher Blatt für Blatt eingescannt und sie ins Internet gestellt. Eine Fundgrube – nicht nur für Historiker. Nebst den Anschriften von Bürgern, Behörden und Ladenlokalen finden sich darin auch ausführliche Schilderungen über «Merkwürdigkeiten, öffentliche Anstalten und sonstige nützliche Einrichtungen». Die 10'000 Scans erweitern das mittlerweile eine halbe Million digitalisierter Buch-, Zeitungs- und Zeitschriftenseiten zählende Angebot auf der Onlineplattform Digibern der Universität Bern. Ein Tropfen auf den heissen Stein, wenn es darum geht, die Nachfrage elektronisch verfügbarer Quellen zu stillen.

Mehr als eine spröde Adressliste

Was auf 75 Seiten seinen Anfang nahm, entwickelte sich in den nachfolgenden Jahren zu einer stattlichen Publikation. Die Gewerke feinsäuberlich aufgelistet, hatten die Adressbücher vor allem einen Zweck: Sie sollten eine Übersicht über Handel und Gewerbe bieten. «Die Industrie eines Landes zu überschauen, macht wirklich dem Patrioten inniges Vergnügen; und dieses Büchlein soll dazu Gelegenheit und Aufmunterung geben», steht im Vorwort zur Erstausgabe 1795. Bis ins Jahr 1900 zählte das städtische Adressbuch bereits über 670 Seiten. Adresseinträge im engeren Sinn machten dabei nur einen geringen Teil aus. Die Bücher waren Sammelsurium für Tarifordnungen, Inventarliste städtischer Einrichtungen und bevölkerungsstatistische Auswertungstabellen.

Taxe für Leichen inklusive

So erfährt man etwa bei der Durchsicht der Adressbücher, dass es um die vorletzte Jahrhundertwende in Bern 44 konzessionierte Droschkenbetriebe, einen Bettreiniger und zwei Bouillontäfelifabrikanten gab, die Transporttaxe für die «Annahme, Beförderung und Ablieferung» von Leichen auf der Bern-Worb-Bahn einen Franken pro Kilometer betrug, 1860 ein Telegramm à 20 Wörtern ebenfalls einen Franken kostete und das rote Quartier zwischen dem Murtentor, dem Aarbergertor und dem Käfigturm insgesamt 280 Häuser zählte. In der ehemaligen Golatenmattgasse – der heutigen Aarbergergasse – stand Mitte des 19. Jahrhunderts das Zeughaus direkt gegenüber der Kavalleriekaserne, und wer 1836 die Scharfschützenkompanien suchte, fand sie auf ihrem Übungsplatz im Wylerfeld. Wer überdies ein Fremdenzimmer benötigte, war mit dem Hôtel de l’étoile an der Aarbergergasse 34 gut bedient: Wo sich heute die Propeller-Bar befindet, wurde über Generationen der Sternen geführt. Heute erinnert nur mehr das schmiedeeiserne Wirtshausschild an der Fassade an das einstige Gasthaus.

Dass ausgerechnet jetzt die Adressbücher elektronisch erfasst und einer breiten Öffentlichkeit im World Wide Web zugänglich gemacht wurden, kommt nicht von ungefähr. Von den gedruckten Originalen existieren nur noch wenige Exemplare in Bibliotheken und Archiven. Die Digitalisierung sei primär aus konservatorischen Überlegungen erfolgt, so Christian Lüthi, Verantwortlicher des Internetangebots DigiBern der Universitätsbibliothek Bern. «Indem die Bücher jetzt elektronisch verfügbar sind, können die wenigen gedruckten Exemplare geschont werden.»

Onlineangebot im Vormarsch

Abgesehen davon ist laut Lüthi auch klar ein Trend auszumachen, dass immer mehr historische Quellen den Weg ins Netz finden. «Das hängt vor allem auch mit privaten Angeboten wie Google Book Search zusammen, die vermehrt auch in Konkurrenz mit Bibliotheken treten, indem sie Publikationen digitalisieren.» Das wiederum erhöhe den Druck auf Bibliotheken und Archive, entsprechende Angebote zu schaffen.

Die Internetstatistik zeigt, dass die Einstiegsseite des digitalen Webangebots der Uni Bern mit seinen historischen Quellen alleine im letzten Jahr gut 200'000 Mal aufgerufen wurde. Zum Vergleich: Jährlich leihen 730'000 Bibliotheksnutzer ein Buch aus der Universitätsbibliothek aus. Bei manchen Bereichen hat das Onlineangebot die Ausleihe herkömmlicher Medien bereits sogar überholt. Als Paradebeispiel nennt Lüthi etwa das «Intelligenzblatt für die Stadt Bern». Die Internet-Ausgaben würden jährlich 30'000 Mal aufgerufen. «Wenn wir in der Bibliothek selber pro Jahr 100 Bände ausleihen, ist das bereits viel.»

Keine Volltextsuche möglich

Selbstverständlich könnten die Adressbücher – wie auch die übrigen digitalisierten Quellen – auch weiterhin im Lesesaal der Universitätsbibliothek eingesehen werden, betont Lüthi. Der Vorteil der Internetoption liegt aber auf der Hand. Interessierte können nun viel einfacher auf die Bücher zugreifen – weltweit und ohne Berücksichtigung der Bibliothekszeiten. Allerdings kommen die Benutzer auch im Internet-Adressbuch nicht darum herum, in den virtuellen Buchseiten zu blättern. Da den Fotoscans keine Textdaten zugrunde liegen, ist eine Stichwortsuche innerhalb des Dokuments nicht möglich.

Weil die Universität Bern das Projekt über die Internetplattform «e-rara» realisiert hat, einem Gemeinschaftsprojekt der Bibliothèque de Genève, der ETH-Bibliothek Zürich, der Universitätsbibliotheken Basel und Bern sowie der Zentralbibliothek Zürich, wurde auf eine Stichwort-Suchoption verzichtet. Auf «e-rara» sind über 10'000 Publikationen aus dem 16. bis 19. Jahrhundert digital einsehbar – die Texte mit alten Schriften aus dem 16. Jahrhundert wären selbst im Computerzeitalter für einen Rechner zu schwer erkennbar, so die Begründung. (Der Bund)

Erstellt: 02.10.2012, 11:51 Uhr

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