Als Bauer ist er auf dem Boden, als Musiker hebt er ab

Wieder Montag

Michel Biedermann ist Bauer auf dem Stauffenbühl bei Burgistein und Berufsmusiker im Berner Symphonieorchester – als Klarinettist.

Leila, die sechsjährige Kuh, liebt Süsses. Sie grast an diesem warmen Herbstnachmittag vornehmlich unter einem Apfelbaum, um zwischenhinein einen Bissen eines heruntergefallenen Apfels zu erhaschen. Und wenn Bauer Michel Biedermann nun mit der Klarinette in der Hand zu ihr tritt, ist das, zugegebenermassen, inszeniert – fürs Bild nebenan. Doch untypisch ist es nicht. Denn Biedermann, 50-jährig, ist einerseits Bauer im 1759 erbauten und prächtig gelegenen Hof Stauffenbühl bei Burgistein, andererseits ist er Berufsmusiker, seit 32 Jahren Klarinettist im Berner Symphonieorchester.

Zusammen mit seiner Partnerin Sonia Bourdages, einer Kanadierin, stellt er überdies seit einigen Jahren Haus und Hof auch «Bed and Breakfast»-Gästen zur Verfügung. Und gemeinsam mit ihr, einer ausgebildeten Sängerin und Solistin, inszeniert und dirigiert er demnächst mit dem Berner Konzertorchester, das er seit 25 Jahren leitet, Mozarts Oper «Così fan tutte».

Weiter Horizont

Michel Biedermann hat auch sonst einen weiten Horizont. Sein Hof Stauffenbühl ist eine veritable Aussichtsterrasse, mit Blick auf die Alpen – vom Niesen, der sich rechts hinter der mächtigen Linde erhebt, über Jungfrau, Mönch und Eiger bis zum Pilatus, der hinter dem Schallenberg am Horizont noch auszumachen ist. Die immer etwa dreissig bis vierzig Rinder, die auf seinem stotzigen Land weiden, haben es gut. Es sind Mutterkühe, die ihre Kälber stets bei sich haben und in den Sommermonaten auf der Alp Schwalmfluh im Diemtigtal «z Bärg» gehen.

Produziert wird bei Biedermann seit 23 Jahren Natura-Beef. Geschlachtet wird jeweils gleich nebenan, im Schlachthäuschen von Linde-Wirt und Kundenmetzger Heinz Portner. «So haben die Tiere keinen Stress», sagt Biedermann: «Sie haben ein gutes Leben, draussen auf der Weide oder drinnen im Laufstall – bis sie mit zehn Monaten geschlachtet werden. Unser Fleisch wird also tiergerecht und naturnah produziert.» Die Mutterkuhhaltung hat für den Musiker Biedermann aber auch andere Vorteile: Weil die Kühe ihre Kälber direkt säugen, müssen sie nicht gemolken werden. Das spart Zeit und hält ihm die Hände frei zum Musizieren. Mit seinem 70-Prozent-Pensum im Symphonieorchester sind seine Arbeitstage (und Konzertabende) aber auch so noch lange genug.

Die Musik und das Bauern im Blut

Bauer sei er «mit Leib und Seele», sagt er, das habe er stets «im Blut» gehabt. Das Gleiche lässt sich auch in Bezug auf die Musik sagen. Mit zehn Jahren begann er, Klarinette zu spielen. Als 15-Jähriger gewann er einen gesamtschweizerischen Jugendmusikwettbewerb, was ihm «die Tür ins Konservatorium Genf, zu den besten Lehrern» öffnete. Damals habe er noch nicht gewusst, dass man Berufsmusiker werden kann. Doch er wurde es. Schon als 18-Jähriger fand er eine Anstellung beim Berner Symphonieorchester, und seither ist er «mit Freude dabei». Die Kombination Bauer-Musiker ist für ihn «eine echte Bereicherung». Wenn er tagsüber als Bauer gearbeitet habe und abends zum Konzertmusiker mutiere, sei das «wie ein Übergang in ein anderes Leben». Als Musiker könne er «abheben», als Bauer komme er wieder auf den Boden zurück, mache wieder «etwas Handfestes». Und da er kein Ackerbauer sei, sondern mit Tieren arbeite, komme auch von ihnen immer etwas zurück: «So, wie man sie behandelt, antworten sie.»

Auch Biedermanns «drittes Standbein», das vor allem von seiner Partnerin betreut wird, scheint ihm Spass zu machen: die Kontakte mit den «B+B-Gästen» aus aller Welt. Dank Internet ist auch das Stauffenbühl weltweit vernetzt, Biedermanns vier Gästezimmer sind deshalb auch erstaunlich gut belegt. «Für heute haben sich beispielsweise einige Chinesen angemeldet», sagt er, «vorhin ist ein junges Paar aus den USA per Velo angekommen. Und oft übernachten Pilger bei uns – der Jakobsweg führt direkt an unserem Hof vorbei. Alle Gäste essen übrigens am gleichen Tisch. Das führt zu grossartigen Begegnungen über alle Landes-, Kultur- und Religionsgrenzen hinweg.»

Der Bund

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