«Alki» mit staatlicher Bescheinigung

Daniel Durrer darf zwei Jahre lang keinen Alkohol trinken, weil er betrunken Vespa gefahren ist. Nun will der Bund das Gesetz verschärfen – künftig droht deutlich mehr Menschen derselbe Einschnitt.

Daniel Durrer im Kulturzentrum Progr – bleibt er bis im Herbst abstinent, darf er wieder Alkohol trinken.

Daniel Durrer im Kulturzentrum Progr – bleibt er bis im Herbst abstinent, darf er wieder Alkohol trinken. Bild: Tobias Anliker

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Eigentlich wollte Daniel Durrer früh nach Hause an jenem Abend im Juni 2011. Sonst wäre er nicht mit der Vespa gekommen. Doch als er das Übungslokal im Kulturzentrum Progr in Bern verliess, war da dieses Fest. Er blieb auf ein Bier, um mit seinen Musikerkollegen von der Jazzschule anzustossen. Aus dem einen wurden einige. Als Durrer nach Hause wollte, stieg er trotzdem auf die Vespa. Weit wäre es nicht gewesen, vom Progr in die Matte. Doch statt zu Hause landete er im Spital.

Durrer trägt Pulli und Jackett, als er sich im Café auf der Kleinen Schanze an einen Tisch setzt. Die Haare hat er auf der Seite kurz geschoren. Oben hat er sie stehen gelassen und nach vorne gegelt. «Das ist meine Testfrisur», sagt er. Noch ein letztes Mal muss er zum Test, Ende September. Dann darf er wieder Alkohol trinken – wenn er bis dahin trocken bleibt und eine fünf Zentimeter lange Haarsträhne abliefern kann.

Verdikt: Trunksucht

Durrer ist nicht gestürzt, als er an jenem Abend im Juni 2011 mit seiner Vespa Richtung Matte fuhr. Er hat auch niemanden überfahren. Es war die Polizei, die ihn aufgehalten hat. Die Blutuntersuchung ergab eine Alkoholkonzentration von mehr als 1,6 Promille. Durrers Verhängnis: Bereits vier Jahre zuvor hatte ihn die Polizei angetrunken auf seiner Vespa erwischt. Deshalb war es mit Führerausweisentzug und Busse diesmal nicht getan.

Er musste im Ambulatorium der Suchtklinik Südhang zur Fahreignungsuntersuchung antraben. Medizinische Tests, Fragebögen – und eine erste Haarprobe; die Resultate der Tests waren gut, jene aus den Fragebögen unauffällig. Trotzdem war das Verdikt der Gutachterin am Ende so deutlich wie vernichtend: Trunksucht.

Neu reicht einmal 1,6 Promille

Bis anhin wurde zur Fahreignungsuntersuchung aufgeboten, wer entweder mit mehr als 2,5 Promille erwischt wurde oder wer mit mehr als 1,6 Promille angehalten wurde und in den letzten fünf Jahren schon einmal alkoholisiert gefahren war. Diese Praxis wird nun im Rahmen des Verkehrssicherheitsprogramms Via Sicura des Bundes verschärft. Ab 2014 schreibt das Strassenverkehrsgesetz vor, dass alle auf ihre Fahreignung untersucht werden müssen, die mit mindestens 1,6 Promille erwischt werden.

Bei Daniel Durrer schloss die Gutachterin aus der Untersuchung der Haarprobe und seinen Blutwerten darauf, es liege ein «vom Exploranden bagatellisierter, regelmässiger und übermässiger Alkoholkonsum» vor. Ausserdem zeige Durrer «keine Problemeinsicht», was «prognostisch ungünstig» sei. Folge: Führerausweisentzug «auf unbestimmte Zeit». In Durrers Fall hiess das: Er darf während eines Jahres weder fahren noch trinken. Hält er sich daran, darf er wieder fahren, aber ein weiteres Jahr lang nicht trinken. Alle sechs Monate muss er eine Haarsträhne abliefern, damit ein Labor überprüfen kann, ob er wirklich nicht trinkt.

«Wenn ich Alki war, sind es viele»

Auch nach anderthalb Jahren der Abstinenz sagt Durrer: «Ich hätte mich niemals als Alki bezeichnet.» Als Musiker bewegt er sich in einem Umfeld, in dem viel getrunken wird. «Natürlich habe ich regelmässig ein Bier getrunken», sagt er. «Und es kam auch vor, dass ich unter der Woche einmal versumpft bin.» An Trunksucht leide er deswegen noch lange nicht. Durrer glaubt nicht, dass er die Situation verklärt. Er sagt: «Wenn ich ein Alki war, dann sind es viele in meinem Umfeld.»

Keinen Alkohol mehr trinken zu dürfen, sei nicht das eigentliche Problem gewesen, sagt Durrer. «Das fiel mir leicht. Was mir fehlt, sind die sozialen Rituale.» Ein Bier nach der Bandprobe, ein Glas Rotwein zum Essen. «Erst als ich keinen Alkohol mehr trank, habe ich gemerkt, wie oft es getan wird.» In derselben Regelmässigkeit, in der früher ein Bier oder ein Glas Wein getrunken hatte, musste er fortan erklären, weshalb er es nicht mehr tut.

Hätte die Polizei Durrer zehn Jahre früher betrunken auf der Vespa erwischt, hätte es ihn wohl härter getroffen. «Die Zeit der grossen Partys war sowieso am Abklingen», sagt der 36-Jährige. Dass er von einem Tag auf den anderen nicht mehr trinken durfte, hat dies beschleunigt. «Alkohol gehörte zum Ausgang einfach dazu. Ich hatte plötzlich keine Lust mehr, nach den Konzerten noch weiterzuziehen.» Er werde schneller müde. Und: «Wenn die anderen in Partylaune kommen und ich nicht, dann ist man einfach nicht mehr auf demselben Niveau.»

Kanton erwartet viel mehr Fälle

Die Abteilung Administrative Verkehrssicherheit des Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamts des Kantons Bern hat im Jahr 2012 rund 350 Fahreignungsuntersuchungen wegen Verdachts auf Trunksucht angeordnet, wie deren Leiter ad interim, Roland Saxer, auf Anfrage sagt. Für die Zeit nach der Gesetzesverschärfung rechnet er «nach einer ersten groben Schätzung» mit 500 zusätzlichen Fällen pro Jahr.

Der Staat wird künftig also mehr als doppelt so vielen Menschen wie vorher die Pflicht auferlegen, die er vor anderthalb Jahren von Daniel Durrer eingefordert hat: ein Jahr lang ohne Auto und Motorrad leben und zwei Jahre ohne die Jedermannsdroge Alkohol. Der Staat wird damit mehr Menschen dazu zwingen, über ihr Trinkverhalten nachzudenken, sich zu fragen, ob es richtig war, betrunken zu fahren – und sich zu überlegen, wie es nach der «Pause» weitergehen soll. Durrer sagt, er werde weniger trinken als zuvor. Das habe aber nicht in erster Linie mit der zweijährigen Abstinenz zu tun, sondern damit, dass «die Zeit des Festens» auch bei seinen Freunden vorüber sei.

«Ich habe meine Lektion gelernt»

Und was hat die Massnahme bewirkt? «Du reflektierst natürlich schon, was du getan hast», sagt Durrer. «Was wäre gewesen, wenn . . .?» Er habe nie das Gefühl gehabt, jemanden zu gefährden.

Und heute? Findet er es moralisch vertretbar, betrunken zu fahren? Durrer zögert. Er löst seine Hand vom Wasserglas und kratzt sich am präzis getrimmten Bart. Dann sagt er: «Ich habe meine Lektion gelernt.» Heute stehe für ihn fest, dass es moralisch nicht zu vertreten sei, betrunken zu fahren. Ausserdem sei klar: «Erwischt es mich ein drittes Mal, bin ich am Arsch.»

Daniel Durrer im Kulturzentrum Progr – bleibt er bis im Herbst abstinent, darf er wieder Alkohol trinken. Foto: Tobias Anliker (Der Bund)

Erstellt: 02.06.2013, 15:29 Uhr

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