«Abstruse und gehässige» Vorwürfe

In der Kirchgemeinde Paulus ist ein heftiger Streit darüber entbrannt, wie die Hilfe für die Bewohner des Asylzentrums Hochfeld aussehen soll. Dem Disput folgte der Ausschluss von freiwilligen Helfern.

Die Kirchgemeinde Paulus will ein politischer «Stachel» sein.

Die Kirchgemeinde Paulus will ein politischer «Stachel» sein. Bild: Manu Friederich

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Eigentlich haben die Kirchgemeinde Paulus und einige freiwillige Mitarbeiter, die sich im Asyltreff der Kirche engagieren, ein gemeinsames Ziel. Sie wollen den im Asylzentrum Hochfeld untergebrachten Flüchtlingen helfen. Trotzdem kam es an einem Spätsommerabend zum Streit und anschliessend zum Bruch.

Die freiwilligen Mitarbeiter hatten die Leitung des sogenannten Asylcafés zuvor um ein Gespräch gebeten. Fragen stellen konnten sie jedoch nicht. Ihnen wurde vom Organisationsteam des Cafés und von der ebenfalls anwesenden Kirchgemeinderatspräsidentin Beatrice Tobler überraschend beschieden, ihre Teilnahme an den Treffen sei vorerst nicht mehr erwünscht. Die Stimmung war angespannt: Die Freiwilligen empfanden die vorgebrachten Vorwürfe als «abstrus und gehässig»; für die Kirchenvertreter waren sie «hart und ungeschönt».

Zusammenarbeit mit Betreibern

Das Asylcafé wird von der Kirchgemeinde seit über zwei Jahren organisiert, um den Bewohnern des Asylzentrums Hochfeld einen «Ort der menschlichen Wärme» zu bieten, wie im Konzept festgehalten ist. Die wöchentlichen Treffen finden in Übereinkunft mit der Betreiberin des Zentrums im Hochfeld, der Zürcher Firma ORS AG, statt. Letzterer hatte die Kirchgemeinde im Dezember 2011 kurz vor der Eröffnung des Zentrums in einem Schreiben die Zusammenarbeit angeboten, dabei zwischen den Zeilen aber auch angedroht, im neuen Zentrum künftig genau hinzuschauen.

Das Café soll gemäss Konzept zudem den Austausch zwischen den Flüchtlingen und der lokalen Bevölkerung fördern. Und so arbeiten heute gemäss Angaben der Kirchgemeinde 15 Freiwillige im Café mit, die 3 nun vorerst ausgeschlossenen eingerechnet. Bei Letzteren handelte es sich um Personen aus der Stadt Bern, die sich unter dem Namen Menschlicher Umgang mit Flüchtlingen (MUF) auch ausserhalb des Asylcafés stark für die Flüchtlinge im Hochfeld einsetzen.

Kirche macht Politik

Die MUF-Gruppe machte etwa die Feuerwehr auf die Nichteinhaltung der Brandschutznormen aufmerksam (siehe Kasten) oder den inzwischen von den Behörden eingeräumten Bettwanzenbefall der Asylunterkunft publik. Den Gang an die Öffentlichkeit machten sich die Aktivisten nicht leicht.

Gleichwohl sieht Ratspräsidentin Tobler das Engagement ihrer Kirchgemeinde durch dasjenige von MUF «torpediert», wie sie auf Anfrage sagt. Ihre Gemeinde nimmt gemeinsam mit Kantonsvertretern und der Zentrumsleitung regelmässig an einem sogenannten runden Tisch zum Hochfeld teil. Das Vorpreschen der Freiwilligen würde das Vertrauen dieser Gesprächspartner in die Kirchgemeinde gefährden, findet Tobler. Dass die Kirche den Kanton, der ihre Pfarrstellen finanziert, in Zeiten von Sparrunden nicht durch Kritik erzürnen will, verneint Tobler. «Die Kirche läuft viel stärker Gefahr, die Kantonsbeiträge zu verlieren, wenn sie zurückhaltend agiert.» Die Kirche müsse ein «Stachel» sein. So sei ihre Gemeinde eine sehr politische. Man unterstütze Kampagnen, verteile Flyer oder nehme von der Kanzel aus Einfluss. Das politische Engagement von MUF scheint Tobler dagegen zu missfallen.

«Das Asylcafé soll bestimmte Ziele und Zwecke erfüllen», sagt sie. Die Flüchtlinge seien geschwächt; man wolle sie «auffangen». Man dürfe Menschen in solchen Situationen nicht «bedrängen» oder die von ihnen anvertrauten Informationen weitergeben. Beides hätten die betroffenen Freiwilligen getan. Der «geschützte Raum» für die Flüchtlinge sei dadurch bedroht gewesen. Deshalb habe man die Freiwilligen gebeten, vorerst nicht mehr zu erscheinen.

Die Bewahrung dieses «geschützten Raums» scheint den Kirchenverantwortlichen wichtiger zu sein, als die Beseitigung von Missständen, die denselben mitunter nötig machen. Dies obwohl im Konzept des Asylcafés steht, man verstehe es «als kirchlichen Auftrag, einen Beitrag zum Wohl- und Gesundsein der Asylsuchenden zu leisten» und sich für diese «einzusetzen».

MUF sei «überengagiert»

Einer der ausgeschlossenen Freiwilligen, Dagobert Onigkeit, bestreitet Toblers Vorwürfe vehement. Für MUF würden stets die Menschen und nicht die Missstände im Mittelpunkt stehen. Man habe zudem niemals persönliche Informationen weitergegeben. Er vermutet, dass die Kirchgemeinde ihr eigenes Angebot durch dasjenige von MUF infrage gestellt sieht. Zumindest bis Ende Jahr werden Onigkeit und seine beiden Kolleginnen im Asylcafé nicht willkommen sein. Nach all den im August geäusserten Vorwürfen, dürfte eine erneute Zusammenarbeit schwierig werden. Die Kirchgemeinde hatte damals etwa auch behauptet, MUF habe ein Video, dass hygienische Missstände im Hochfeld zeigt, gefälscht. Diesen Vorwurf entkräftet die Kirchgemeindepräsidentin Tobler nun. Am Vorwurf, MUF sei «überengagiert», hält Tobler aber fest.

Demgegenüber sagt Daphna Paz von der Kirchlichen Kontaktstelle für Flüchtlingsfragen auf Anfrage, grosse Engagements, wie jenes von MUF seien «sehr wichtig». Sie betont, dass die Kirche dagegen traditionellerweise «nicht mit dem Finger» auf Missstände zeige, sondern diese im Dialog lösen wolle. «In der Flüchtlingshilfe braucht es aber beide Arten des Engagements», sagt Paz. Sie wisse aus Erfahrung, dass auch sehr unterschiedliche Organisationen erfolgreich zusammenarbeiten können. (Der Bund)

Erstellt: 22.11.2014, 10:10 Uhr

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auf 100 Betten reduzieren. Dies, nachdem im Oktober bekannt geworden ist, dass im Asyldurchgangszentrum in der Länggasse die Brandschutzbestimmungen nicht eingehalten werden. Zu diesem Schluss kam ein Gutachten der Berner Gebäudeversicherung: Dass die Unterkunft nur über zwei Fluchtwege verfüge, sei ein Verstoss gegen die Brandschutzvorschriften. Der Kanton nehme das Thema ernst, hatte Markus Aeschlimann vom kantonalen Amt für Migration vor wenigen Wochen dazu gesagt. Dass der gefährliche Missstand drei Jahren nach der Eröffnung des Zentrums überhaupt erkannt wurde, ist dem Engagement der MUF-Gruppe zu verdanken. Diese hatte sich bei der Berner Feuerwehr nach den Brandschutzbestimmungen der Zivilschutzanlage erkundigt. Nach einer ersten Prüfung gab die Feuerwehr das erwähnte Gutachten bei der Gebäudeversicherung in Auftrag. (bwg)

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