Aber wehe, Bern erwidert seine Liebe nicht

Seit über dreissig Jahren mischt Alexander Tschäppät in der Berner Politik mit – äusserst erfolgreich. Vielleicht hat er seine grosse Bestimmung dennoch verfehlt. Wenn er sich forttragen lässt von seiner Begabung, dann beginnen die Probleme.

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Christoph Lenz@lenzchristoph

Es ist halb neun Uhr morgens. Er steht im Büro im Gegenlicht, streckt den rechten Arm aus und hält etwas Grosses in die Höhe. Eine Trophäe: die Einkaufstüte eines Grossverteilers, bedruckt mit einem Foto des Bundeshauses. «Nid schlächt, hä?», ruft Alexander Tschäppät. «Frisch aus der Druckerei. Füfenachzgtuusig Seck.» Gratis Werbung für Bern. «Ha!» Tschäppät lässt sich in den Sessel fallen. Das wird ein guter Tag.

Acht Jahre macht er das schon. Stadtpräsident. Tourismusdirektor. Baumeister. Frontmann. Manche sagen, er sei auf ungesunde Art mit seinem Amt verwachsen. Sie verweisen dann auf seine Wahlkämpfe. Wenn Tschäppät kandidiert, dann nicht als Stadtpräsident oder als Nationalrat und auch nicht als Vertreter von Ideen, Programmen oder Forderungen. Tschäppät kandidiert als Tschäppät, er ist seine eigene Marke geworden. Trotzdem ist es eine persönliche Sache. Im Sieg und in der Niederlage, beide sind grenzenlos. Am Abend der Nationalratswahlen 2011 betritt Tschäppät das Berner Rathaus um 17.45 Uhr. Die endgültigen Resultate werden gegen Mitternacht erwartet. Im Oberland liegt er aber bereits so hoffnungslos zurück, dass er nicht mehr auf die Stadt vertrauen mag. Dass es einen Monat später doch noch reichen wird, um nachzurutschen, weiss er nicht. Tschäppät verlässt das Rathaus um 18 Uhr. Grusslos geht er an seinen Genossen vorbei. Sein Gesicht sieht aus wie aufgekleistert.

Vielleicht liebt niemand Bern so innig wie er. Aber wehe, Bern erwidert die Liebe nicht. Schon mal ans Exil gedacht? Tschäppät lacht, eine absurde Frage. «Nenei», sagt er. Fernweh? Kennt er nur vom Hörensagen.

Neil Young oder Dirty Harry?

Er kokettiert. So fremd ist ihm das Gefühl nicht. Als er 1972 mit 20 Jahren die Matura macht, erhält er 1000 Franken Prämie. Tschäppät ist Jahrgangsbester im Kirchenfeld-Gymer. «Ich war in den Handelsfächern relativ zufällig relativ gut.» Keine 24 Stunden später steht er im Reisebüro und bucht einen Flug in die USA. Er richtet sich ein in New York, Ecke 83ste und Lexington, einige Meter neben dem Central Park. Es sind faszinierende Zeiten. Das Ende des Vietnam-Kriegs, die Anfänge von Watergate, am Radio Neil Young, im Kino Dirty Harry. Hört man sich bei Tschäppäts ehemaligen Ratskollegen um, möchte man meinen, er habe von beiden gelernt. Hier die leisen Töne, da die lauten. Hier die Schmeichelei, da die Provokation.

Tschäppät jobbt ein bisschen, schwarz natürlich, schlägt sich die Nächte um die Ohren und zieht nach einigen Wochen weiter, quer durch die Staaten. Er pennt bei Bekannten, bei Freunden von Bekannten und wo er sonst noch unterkommt. Das sei das Faszinierende an den Amis, sagt er jetzt. «Für einen Abend kannst du wie ein Bruder sein. Sie geben dir alles. Aber am nächsten Morgen kennen sie deinen Namen nicht mehr.»

Das gefällt ihm «weniger». Nach einem Jahr kehrt er nach Bern zurück, um sich an der Uni einzuschreiben, Fürsprecher, und gleich wieder abzuhauen. Er wird Reiseleiter bei einem Zürcher Unternehmen. Das gefällt ihm besser. Er hat immer Gesellschaft. Und seinen Namen vergessen die Leute nie. Wie auch? Tschäppät. Der Sohn des Berner Stapi.

Wer Unterhaltung will

«Der Vater ist seit 30 Jahren tot. Aber für viele bin ich heute noch der Sohn vom Tschäppät», sagt er. Man muss vorsichtig sein bei diesen Sätzen. Publikum stachelt ihn an. Seien es zweihundert Zuhörer, seien es fünf Knirpse, sei es ein Journalist. Er riecht es, wenn die Leute wegdösen. Und er hört die Lacher, bevor er den Spruch platziert. Manchmal lässt er sich dann forttragen von seiner Intuition, wirft die Fesseln der Politik ab und wird zum uneingeschränkten Unterhalter. Dann beginnen die Probleme.

Zuletzt kam der Vorwurf aus der Ecke der Jungpolitiker. Tschäppät richte seine Position in der Nachtleben-Frage an seinem Publikum aus. Im Altstadtkeller, als viele Junge kommen, schimpft er über die Querulanten, die Clubbetreibern das Leben schwer machen. Einige Wochen später, vor älteren Zuhörern, spottet er über die Jungen, für die er nun ein Konzept zum Nachtleben schreiben müsse. Er, mit seinen 60 Jahren. Im Saal halten sich manche die Bäuche vor Lachen.

Tschäppät dreht es so: «Ich gebe zu, manchmal ist das ein bisschen schnodderig. Aber, henu, ich bin da jetzt halt in einem Saal, in dem das Publikum auch unterhalten werden will.» Das ist die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere: dass er oft dann zum Witz greift, wenn er in der Klemme steckt.

Konkurrent Alexandre Schmidt (FDP) könnte davon erzählen. Beim Wahlauftakt im Kornhaus treibt er Tschäppät beim Sanierungsbedarf von Stadtliegenschaften in die Enge. Schmidt zieht ein Papier aus der Tasche, das seine Aussagen belegt. Tschäppät sieht Schmidt erstaunt an: «Isch des hie e Nachhiufschtung?» Prustendes Gelächter im Saal. Der Sanierungsbedarf? Vergessen.

Woher er diese Begabung hat? «Ich beobachte die Leute. Das musste ich schon während meiner Zeit als Richter. Eine Atmosphäre im Raum erfassen. Das Nonverbale. Wie sind die Leute? Wie kommen sie rein? Wie sind sie drauf?» So sei es auch bei seinen Auftritten. «Ich komme nicht mit einem Zettel daher, auf dem meine fünf wichtigsten Sätze stehen.» Tschäppät kommt mit leeren Händen. Sein Auftritt ist seine Botschaft.

Ein Mann mit Kranz am Hut

Aber natürlich, es gibt auch noch die Politik. Ja, er wolle noch vier Jahre anhängen, sagt Tschäppät. Motiviert sei er auch. Grosse Projekte stünden an: das Tram Region Bern, die Planung im Viererfeld, das 50-Meter-Becken – und dann noch ein «Sächeli», das ihm besonders am Herzen liege. «Ich will einen Stadtinspektor einführen.» Früher, als er ein Kind war, habe es einen Bahnhofinspektor gegeben. Der sei den ganzen Tag mit einem Kranz am Hut über den Bahnhof gelaufen und habe Dinge in Ordnung gebracht. «So einen will ich in der Stadt; einen, der die Ladenbesitzer beim Wickel nimmt und sagt: ‹Komm jetzt mal schauen, was du da für eine fürchterliche Leuchtreklame vor deinem Geschäft hast. Und wir wollen ein Weltkulturerbe sein?›» Auf dieser Ebene müsse das ablaufen, sagt Tschäppät.

Ob er sich da noch einen Altersposten schaffen will für die Zeit nach 2016? Tschäppät verneint vehement. Nach seinem Rücktritt würde er am liebsten Kabarett machen, politisch. «Und überhaupt: Kränze stehen mir nicht.»

Politisches Kabarett. Warum nicht? Erfahrung hat er jedenfalls genug. In der Politik natürlich.

Der Bund

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