031 gegen Polizei: Bedingte Strafe für Tritt an Kopf

Die Richterin verurteilt ein Mitglied der Gruppe 031 zu 18 Monaten bedingter Freiheitsstrafe wegen versuchter schwerer Körperverletzung.

Die Sprayergang 031 wird im Zusammenhang mit Graffitis, aber auch mit Gewalttaten genannt.

Die Sprayergang 031 wird im Zusammenhang mit Graffitis, aber auch mit Gewalttaten genannt.

(Bild: Archiv)

Es geschah in einer Nacht von Donnerstag auf Freitag, im August 2012. Wegen Lärm war die Polizei nach Worblaufen gerufen worden, wo 50 bis 60 Personen neben einem leer stehenden Haus ein Fest feierten – unter ihnen Mitglieder der «berühmt-berüchtigten 031-Gang», die «immer wieder Schlagzeilen macht, auch wegen Gewalt», wie Richterin Bettina Bossler gestern am Regionalgericht Bern sagte. Die Polizisten zogen wieder ab, und erst wurde es ruhiger, dann wieder lauter, weshalb noch einmal sieben Polizisten aufkreuzten, kurz vor zwei Uhr morgens.

Was dann geschah, schildern die Polizisten so: 10 bis 15 Personen hätten ihnen den Weg versperrt, sie beleidigt und bedrängt, sich mit Steinen, Dachlatten und Bauabschrankungen bewaffnet. Als ein Mann die Polizisten mit Pfefferspray angegriffen habe, hätten ihn zwei von ihnen zu Boden gedrückt.

«Im Stile eines Fussballspielers»

Hier kommt der Mann ins Spiel, der gestern vor der Richterin sass: ein 26-jähriger Schweizer. Gemäss Staatsanwalt hat er den am Boden knienden Polizisten, der den Pfeffersprayer festnehmen wollte, «im Stile eines Fussballspielers» an den Kopf getreten. Als danach zwei Polizisten versuchten, ihn zu Boden zu werfen und festzunehmen, soll er zugebissen haben. Erst in den Ringfinger des einen, der nur Lederhandschuhe trug – zurück blieb eine offene Wunde, die genäht werden musste. Danach in die Hand des Zweiten, dessen dicke Handschuhe er jedoch nicht zu zerbeissen vermochte. Der 26-Jährige kam davon, die Auseinandersetzung ging weiter: Ein Polizist wurde von einem Stein im Gesicht getroffen und erlitt einen Kieferbruch. Wer den Stein warf, weiss man bis heute nicht. Der 26-Jährige dagegen wurde eine Woche später bei einer Razzia in einem besetzten Haus an der Moserstrasse im Berner Breitenrain-Quartier festgenommen, in dem er auch heute noch wohnt.

Der Mann streitet vor Gericht nicht ab, in besagter Nacht dabei gewesen zu sein, und steht dazu, Polizisten mit «Scheissbulle» und «Arschloch» beschimpft zu haben. Auch den Vorwurf der beiden Bisse akzeptiert er. Aber er sagt: Der Mann, der den knienden Polizisten an den Kopf gekickt habe, das sei nicht er gewesen, er habe den Tritt gar nicht mitbekommen.

Zwei Polizisten hatten allerdings ausgesagt, ihn «eindeutig» als den Treter erkannt zu haben. Gemäss des Verteidigers des Beschuldigten ist jedoch wenig klar, wie der Ermittlungsbericht der Polizei zustande gekommen ist. Er kann sich vorstellen, dass die Polizisten während des Verfassens des Berichts ihre Aussagen aufeinander abgestimmt haben.

«Gerade noch nicht ungünstig»

Die Richterin glaubt das nicht. Die Aussagen der Polizisten seien differenziert und schlüssig. Es müsse klar davon ausgegangen werden, dass derselbe Mann, der danach den Polizisten in die Finger biss, zuvor zugetreten habe. Also er, der Beschuldigte. Er sei deshalb «als Kicker identifiziert». Sie verurteilt den Mann zu eineinhalb Jahren bedingter Freiheits¬strafe – bei einer Probezeit von drei Jahren. Ausserdem muss er eine Busse von gut 5000 Franken, dem Polizisten eine Genugtuung von 1500 sowie die Verfahrenskosten von gut 10'000 und die Anwaltskosten bezahlen.

Von einer unbedingten Gefängnisstrafe sieht die Richterin ab, weil man dem Mann in Bezug auf schwere Delikte eine «gerade noch nicht ungünstige Prognose» stellen könne. Er ist «lediglich» wegen leichterer Delikte, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigungen, vorbestraft. «Das ist Ihre letzte Chance, sonst wird es unangenehm», sagt die Richterin. Wenn er sich nicht ändere, eine Ausbildung antrete und der Gruppe 031 und der Hausbesetzerszene den Rücken kehre, werde sich die Justiz wohl bald wieder mit ihm beschäftigen müssen. «Aber vielleicht ist das Ihnen auch einfach egal.»

Der Verteidiger des 26-Jährigen zeigt sich nach der Verhandlung «nicht überrascht», dass die Richterin den Schilderungen der Polizisten Glauben geschenkt hat. Er werde nun mit seinem Mandanten besprechen, ob sie das Urteil ans Obergericht weiterziehen.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt