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Ein Berner soll der Schweiz
 das Unerklärliche erklären

Der Berner Imam Mustafa Memeti ist über Nacht zu einem gefragten Experten geworden. Er glaubt, dass er sich mit seinen Ausführungen in Gefahr bringt.

«Die Menschen in die richtige Richtung führen»: Imam Mustafa Memeti.
«Die Menschen in die richtige Richtung führen»: Imam Mustafa Memeti.
Valérie Chételat

Und plötzlich wollen alle etwas von ihm. Mustafa Memeti bittet, auf dem Sofa in seinem winzigen Büro im Keller eines Wohnblocks im Berner Neufeld Platz zu nehmen. Das Team von TeleBärn hat sich soeben verabschiedet. Eine halbe Stunde hat Memeti Zeit, dann kommt der nächste Besucher. Während des Gesprächs klingelt immer wieder das Telefon; das Schweizer Fernsehen, Radiosender, Zeitungen – alle wollen mit ihm über das Attentat auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» sprechen.

Als das Telefon endlich schweigt, sagt Memeti: «Wir dürfen unser Schicksal auf keinen Fall in die Hände dieser Terroristen geben.»

Verfechter eines toleranten Islams

Memeti ist Imam beim Muslimischen Verein Bern. In den vergangenen Jahren hat er sich einen Namen als Verfechter eines toleranten Islams gemacht. Er kritisierte den Islamischen Zentralrat Schweiz und sprach mit drastischen Worten über die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). «Diese Terroristen als Tiere zu bezeichnen, wäre eine Beleidigung am Tier», sagte er im September zur «SonntagsZeitung». Ende Jahr kürte ihn das Blatt zum «Schweizer des Jahres».

Das Attentat von Paris konfrontiert Memeti mit seiner eigenen Situation. Im Oktober drangen Unbekannte in seine Moschee ein, zerstörten das Modell der neuen Moschee im Haus der Religionen, stahlen Baupläne und strichen auf Bildern sein Gesicht durch. Memeti geht davon aus, dass radikale Muslime hinter dem Anschlag stecken, die sich an seiner liberalen Haltung stören.

«Schleimer» und «Verräter»

Nun wurde Memeti über Nacht zum gefragten Experten. Die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens holte ihn am Mittwochabend als «Extremismus-Kritiker» zum Live-Interview ins Studio. Moderator Sandro Brotz nahm ihn hart ran: «Trifft es Ihre Gefühle, wenn Sie solche Karikaturen sehen?», fragte er und zeigte ihm Ausdrucke einiger «Charlie Hebdo»-Zeichnungen. Memeti, sonst um deutliche Worte nicht verlegen, antwortete abwägend: «Ich denke, solche Karikaturen dürfen nicht als Rechtfertigung für derart barbarische Akte dienen.» Wenig später insistierte Brotz: «Sie weichen mir aus! Das muss man doch tun können in einer Demokratie!» Worauf Memeti sagte: «Ich finde, in einer Demokratie dürfte die freie Meinungsäusserung nicht infrage gestellt werden.»

Moderator Brotz war offenkundig nicht zufrieden. «Sie sind viel zu passiv!», warf er Memeti vor. Und wenig später, als es darum ging, was es nun zu unternehmen gelte: «Ich bin ein bisschen skeptisch, ob Sie das wirklich umsetzen wollen oder nur darüber reden.»

Tags darauf gibt Memeti sich gelassen. «Nein, das war mir nicht unangenehm», sagt er. Man müsse solche Provokationen positiv betrachten. Brotz habe nur seine Arbeit gemacht. Erst später im Gespräch wird klar, worum es wirklich geht: «Ich bin selber das Ziel von Extremisten», sagt Memeti. «Auf Face­book schimpft man mich ‹Schleimer› und ‹Verräter›. Deshalb versuchte ich, mich diplomatisch auszudrücken.»

Mit scharfen Worten verurteilen

Memeti will beim heutigen Freitagsgebet über den Anschlag auf «Charlie Hebdo» sprechen. «Ich werde das, was geschehen ist, mit scharfen Worten verurteilen», sagt er. Beim Ankündigen weiterer Massnahmen bleibt er aber, wie schon im «Rundschau»-Interview, vage. Memetis widersprüchliche Aussagen sind wohl Ausdruck seines Dilemmas. Einerseits gibt er sich kämpferisch: «Ich kenne nur die Nulltoleranz gegenüber extremen Elementen.» Andererseits zeigt er sich passiv: «Ich weiss nicht, ob es in meiner Gemeinde Extremisten gibt. Es liegt nicht in meiner Verantwortung, nach ihnen zu suchen.»

Memeti rechnet damit, dass er sich mit seinen Äusserungen zum Attentat in Paris erneut dem Zorn seiner Gegner aussetzt. Trotzdem sagt er, wie schon nach dem Angriff auf die Moschee im Herbst: «Ich habe keine Angst.» Er wolle seine Aufgabe als Imam erfüllen und die Menschen «in die richtige Richtung führen». Mehr könne er nicht tun. «Aber davon», sagt der Imam, «lasse ich mich um keinen Preis abbringen.»

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