«‹Aus der Region, für die Region› – das gibt es nur in der Werbung»

Die Tierrechts-Organisation «tier-im-fokus.ch» zeigte auf dem Bärenplatz Bilder von Schweinen aus bedenklicher Haltung. DerBund.ch/Newsnet fragte bei Präsident Tobias Sennhauser nach, wieso sie das tut.

  • loading indicator
Martin Erdmann@M_Erdmann

Der Schweine-Report zeigt verstörende Bilder. Wieso zeigen Sie diese auf einer Grossleinwand im öffentlichen Raum?
Weil sie sonst von niemandem gezeigt werden. Es sind realistische Bilder aus dem Alltag der Nutztierhaltung. Die Bilder, die uns die Fleischindustrie verkaufen will, sind falsch: Kleine Bauernhöfe, kleine Schweinchen, die über grüne Wiesen springen – das ist nicht die Realität. Wir wollen den Menschen zeigen, wie ein Schweineleben in der Schweiz tatsächlich aussieht.

Was lösen die Bilder in Ihnen aus?
Die Bilder sind absolut schockierend. Sie zeigen auf was die industrielle Tierproduktion aufgebaut ist, welche die Tiere in möglichst kurzer Zeit zur Ware verarbeiten will. Das ist für mich kein artgerechter Umgang mit einem Lebewesen. Ich finde das ganz klar ablehnenswert.

Wie reagieren Passanten auf solche Aktion?
Vorher hat mir ein Passant gesagt, dass er es kaum glauben könne, dass diese Bilder aus der Schweiz stammen. Diese Reaktion hören wir sehr oft. Genauso überrascht sind die Leute, wenn sie erfahren, dass die Bilder auch von IP-Suisse- oder Naturaplan-Höfen stammen. Viele gehen davon aus, dass in der Schweiz alles in Ordnung sei und glauben, dass es solchen Umgang mit Tieren nur im Ausland gäbe.

Wer jetzt gerade über den Bärenplatz läuft, wird mit den Bildern zwangsläufig konfrontiert. Wollen Sie die Menschen zum Hinsehen zwingen?
Es sind verstörende Bilder, da schaut niemand gerne hin, das ist sicher so. Aber als kleine NGO haben wir nicht viele Möglichkeiten die Leute zu erreichen. Proviande und Konsorte werden vom Staat subventioniert und haben entsprechend mehr finanzielle Mittle zur Verfügung. Wir haben keine Millionen flüssig und müssen uns deshalb auf kreativen Strassenaktivismus begrenzen.

Was erhoffen Sie sich von dieser Vorführung?
Wir hoffen, dass wir damit zu einer Grundsatzdiskussion über die Nutzung am Tier beitragen können. Ist es gerechtfertigt, dass wir am Tier, im Namen der Lebensmittelproduktion, alles abverlangen?

Ihr habt das Bildmaterial vor einem halben Jahr veröffentlicht. Was hat sich seither getan?
Verschiedenste Medien haben über diese Aufklärungskampagne berichtet, verschiedenste Politiker haben das Thema aufgegriffen. Daher war es eine erfolgreiche Aktion. Doch damit ist die Arbeit noch lange nicht getan.

Wo sehen Sie eher die Chance, eine Veränderung zu erreichen? Auf der Strasse oder in der Politik?
Sowohl als auch. Da will ich mich nicht festlegen. Im Parlament gibt es teilweise Leute, die gute Arbeit leisten, die den Status Quo hinterfragen und versuchen, die Gesellschaft zu verbessern. Auf der Strasse gibt es die Grassroots-Bewegungen, Leute die aktiv werden und ihre Freizeit für den Kampf für mehr Gerechtigkeit opfern.

Sie sagen, dass sie noch viel Informationsarbeit vor sich haben. Sind Fleischkonsumenten, ihrer Ansicht nach, zu wenig aufgeklärt oder ist ihnen die Tierhaltung bloss egal?
Sie sind vor allem desinformiert. Die Fleischbranche gaukelt den Menschen ein völlig falsches Bild von der Nutztierhaltung vor. Vielen Leuten ist nicht bewusst, dass sich im Moment die Strukturen extrem verändern. Es gibt immer weniger Bauern, was dazu führt, dass die Betriebe immer grösser werden. Dadurch wird die Massentierhaltung sehr gefördert. Das wird dem Konsument von der Fleischindustrie verschwiegen. ‹Aus der Region, für die Region› – das gibt es nur in der Werbung.

Gibt es den einen humanen Weg, Fleisch zu essen? Das Fleischessen ist nicht das Problem, es liegt beim töten. In der Zukunft kann dieses Problem vielleicht umgangen werden. In 20 Jahren ist es gut möglich, dass es Laborfleisch zu erschwinglichen Preisen gibt. Das wäre Fleisch, das man mit gutem Gewissen essen könnte. Aber alles andere ist mit einer Gewaltkultur verbunden, die zwar besser oder schlechter sein kann, aber schlussendlich völlig unnötig ist. Wir sind weder auf Fleisch, noch auf Milch und Eier angewiesen.

Im gezeigten Film geht es nur um Schweine. Heisst das, dass es den restlichen Tieren in der Schweiz besser geht?
Nein, das ist bloss eine Ressourcenfrage. Wir haben dieses Bildmaterial zugespielt bekommen und konzentrieren uns deswegen darauf. Dieses Jahr machen wir eventuell etwas anderes. Letztendlich sind alle Bauern den ökologischen Zwängen unterworfen, sodass sie ihre Tiere instrumentalisieren müssen, um ein Produkt zu bekommen, das wirtschaftlich ist.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt