«Wir sind so etwas wie Wilde, die ins zivilisierte Büro kommen»

Der 31-jährige Velokurier Raphaël Pfeiffer liebt seinen Beruf leidenschaftlich. Er ist radelnder Protagonist im Dok-Film «Cyclique».

Schnell wie der Blitz: Velokurier Raphaël Pfeiffer.

Schnell wie der Blitz: Velokurier Raphaël Pfeiffer. Bild: Adrian Moser

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Mit dem Velo kommt er angefahren: Helm, Funkgerät am Traggurt, kurze Hose, rotes Shirt, Sportschuhe mit dicken Sohlen. «Tschou, i bi dr Raph», sagt er und nimmt einen kräftigen Schluck aus der Alpenkräuter-Eistee-Flasche. Seit mehreren Stunden ist der 31-jährige Raphaël Pfeiffer in Bern unterwegs, hat Päckchen in seinem grossen Rucksack zu Kunden gefahren. Nach dem Gespräch wird er sich wieder in den Sattel schwingen und vielleicht auf dem Velo einen Happen essen. Zehn oder elf Stunden kämen oft locker zusammen, sagt er. Seit zehn Jahren ist er Velokurier, zuerst in Lausanne und seit kurzem in Bern.

Lausanne ist seine Heimatstadt, in die er nach einigen Schichten jeweils zurückfährt – per Zug. Aus seinem Dialekt hört man einen leichten welschen Akzent heraus – und eine Spur «Züritütsch», weil seine Grossmutter am Zürichsee wohnt. Pfeiffer ist froh, dass er in die Bundesstadt gewechselt hat. Der Velokurier Bern – er existiert seit über einem Vierteljahrhundert – ist eine Genossenschaft, angesiedelt beim alternativen Quartierhof. «Wir arbeiten nicht für einen Chef, sondern sind alle selber ein wenig Chef», sagt Pfeiffer.

Das Team sei gut, alle setzten sich ein, niemand drücke sich vor der Arbeit. Ende Monat würden die Einnahmen auf alle verteilt, bemessen nach der Zahl der geleisteten Stunden. Bei Taxifirmen und anderen Velokurieren seien die Fahrer meist individuell am Umsatz beteiligt. Der lockere, alternative und unkonventionelle Groove gefällt dem Velokurier. Es gebe auch Kurierdienste, die neben den Autos auch Velokuriere beschäftigten, doch die hätten eine andere Betriebskultur.

« Ich habe gelernt, mich anzupassen, schnell zu entscheiden und effizient zu arbeiten.»Raphaël Pfeiffer liebt

Die «echten» Velokuriere bilden eine Community, sind international vernetzt, treffen sich zu Meisterschaften wie 2013, als die EM im Berner Lorraine­quartier ausgetragen wurde – eine Art OL auf Rädern. Es gebe auch illegale Rennen, sagt Raph, sogenannte Alley Cats, Schnitzeljagden, bei denen es ebenfalls darum gehe, eine Anzahl Aufträge in kürzester Zeit abzuarbeiten. Illegal? Den Kurieren eilt der Ruf voraus, sich nicht gerade sklavisch an Verkehrsregeln zu halten.

Das bestätigt Pfeiffer ohne Umschweife. Ein Rotlicht nehme er nicht strikt zum Nennwert. «Aber ich finde nicht, dass ich etwas Gefährliches mache.» Das sehe für ungeübte Verkehrsteilnehmer so aus, aber als Velokurier fahre man umsichtig und sei jederzeit in der Lage, auch die Fehler anderer auszubügeln. «­Träumen liegt nicht drin, man muss den Kopf immer bei der Sache haben.» Schliesslich wolle man unverletzt und sicher am Ziel ankommen.

Das schätze er an diesem Beruf, der mehr sei als ein Päckchen von A nach B zu transportieren. Die Route müsse man klug planen, den Rucksack richtig einräumen, die schnellste Route wählen, die Kunden gut behandeln, «ein Gesamtding», wie es Pfeiffer nennt. «Ich habe gelernt, mich anzupassen, schnell zu entscheiden und effizient zu arbeiten.» Muskelkraft sei zwar ­wichtig, doch sei es bei weitem nicht das Einzige, was in diesem Beruf zähle.

Manchmal kommt es zu Begegnungen der dritten Art, wenn die dampfenden kurzbehosten Kuriere im Lift eines Bürohauses hochfahren, zusammen mit Managern in Anzug und Krawatte. «Wir sind so etwas wie Wilde, die ins zivilisierte Büro kommen», schmunzelt Pfeiffer. Manchmal gucke einer schräg, aber das sei eher die Ausnahme. Gibts Trinkgeld? Selten, sagt der Kurier. Bei Privatkunden werde manchmal etwas aufgerundet, doch vieles laufe über Monatsrechnung, und die Receptionistin nehme ein Päckchen nur entgegen, sei aber nicht die Auftraggeberin. «Reich wird man sicher nicht», sagt Raph.

Wäre es nicht an der Zeit, sich nach einer besser bezahlten, «seriöseren» Arbeit umzusehen – jetzt, mit 31 Jahren? Pfeiffer hat an der Uni Lausanne das Lizentiat in Sportwissenschaft und Religionswissenschaft erworben. «Ich könnte als Sportlehrer arbeiten, aber es ‹gluschtet› mich nicht.» Wie lange man dieses juvenile, alternativ angehauchte Leben noch führen will und wann es Zeit ist für den Ausstieg: Diese Frage behandelt auch der Dok-Film, in dem Raph mitspielt (siehe Box). «Ich will noch lange als Kurier arbeiten», sagt er. Und zwar ohne Navi. Er sei «old school»: Ihm reiche ein Stadtplan und sein Orientierungssinn. «Bisher habe ich noch alles gefunden.» (Der Bund)

Erstellt: 18.05.2015, 09:52 Uhr

Einblick in ein Lebensgefühl

«Cyclique – ein Leben als Kurier» heisst der Dok-Film des Genfers Frédéric ­Favre, der in der Deutschschweiz anläuft. Raphaël Pfeiffer ist einer der radelnden Protagonisten in Lausanne, wo der Film entstanden ist. Favre, ein Freund Pfeiffers und früher selbst Velokurier, fuhr den Darstellern bei den Dreharbeiten nicht im Auto hinterher, sondern auf dem Rad. Wenn es die Verkehrssituation erforderte, liess der Regisseur die Kamera los. Diese fiel nicht zu Boden, da sie am Leib des Filmers befestigt war – an einem Veloschlauch. Es sei keine Doku-Soap, sagt Pfeiffer. Der Regisseur habe aus den Aufnahmen eine Geschichte zusammengefügt, diese jedoch mehrfach umgeschrieben und der Realität angepasst. Kollegin Caroline, die zwischen Journalismus und dem Velojob hin- und hergerissen ist, sagt im Film, es sei schwierig, mit «kurierle» aufzuhören und nur noch im Büro zu sitzen. Für Raph ist das gar keine Option. Der Film «über das Älterwerden und die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt» läuft in Bern im Kino im Kunstmuseum.
(mdü)

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