Vergessene Kolonialgeschichte

Das Wappen der Zunft zum Mohren hat eine Kontroverse ausgelöst. Für Historiker Bernhard C. Schär ist es Teil einer Geschichte über Rassismus und Sklaverei, vor der auch Bern seine Augen nicht verschliessen sollte.

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Wenige lokalpolitische Vorstösse haben dieses Jahr national so viel Wirbel aus­gelöst wie jener der beiden Stadtberner SP-Parlamentarier Halua Pinto de Magalhães und Fuat Köçer. Sie verlangen, die Anwesenheit zweier Figuren der Berner «Mohrenzunft» in der Altstadt zu überdenken. Niemand könne ernsthaft von Migranten, insbesondere afrikanischer Herkunft, verlangen, sich in ein Land zu «integrieren», dessen Kultur noch immer rassistische Symbole aus der Kolo­nialzeit beinhaltet. Um Integration zu ­ermöglichen, müsse auch die Mehrheit ihre Komfortzone verlassen; sich den Schattenseiten ihrer Vergangenheit zuwenden; und mit der Minderheit einen demokratischen Umgang damit suchen.

Eine «Attacke auf den Mohr»

Nicht nur aus Onlineforen und vonseiten der «Mohrenzunft» brandete dem ETH-Chemiker Pinto, der seinen Vorstoss erläuterte, eine Welle der Ablehnung entgegen. Schelte gab es auch aus der Universität. Der Berner Geschichts­professor André Holenstein kritisierte in der Sendung «Schweiz aktuell»: Wenn man derart durch «unsere Städte und unsere Gesellschaft geht, müsste man auf Schritt und Tritt kulturelle Objekte aus der Vergangenheit abreissen, streichen oder tabuisieren». Georg Kreis, ehemals Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus und emeritierter Professor an der Uni Basel, tadelte auf der Onlineplattform «Journal B»: «Die Attacke auf den Mohr bringt uns (im Kampf gegen Rassismus, Anmerkung des Autors) keinen Zentimeter weiter.» Sie sei lediglich «Symbolpolitik» und lenke von den «realen Diskriminierungsgefahren», den «wirklichen Problemen» ab. Das Spitzenpersonal aus Mohren- und Historikerzunft war sich einig, dass hinter den kritisierten Figuren keinesfalls «rassistische ­Absichten» steckten.

An dieser Argumentation sind zwei Dinge problematisch. Zum einen ist es falsch, dass die Mohrenfiguren nicht rassistisch seien. Zum anderen ist die Unterscheidung zwischen «symbolischem» und «realem Rassismus» irreführend.

«Mohr» als europäische Erfindung

Zum ersten Punkt: Was repräsentieren die Mohrenfiguren? Im Unterschied zu den anderen Berner Zunft- und Brunnenfiguren symbolisieren sie keine bestimmte Berufsgruppe (wie etwa Zimmerleute) oder mythische Gestalten (wie etwa der Kindlifresser). Sie symbolisieren, wie der Name sagt, den «Mohren». Die Figuren symbolisieren die Vorstellungen, die man sich in Europa seit dem Mittelalter vom «Mohren» oder, was ab dem 18. Jahrhundert synonym war, dem «Neger» machte. Dabei hat die europäische Erfindung des «Mohren» als Wappenzeichen einen zutiefst gewalt­geladenen Entstehungskontext. Das Wappenzeichen wurde im 13. Jahrhundert ­erfunden, als die Christen die islamisch beherrschte Iberische Halbinsel von den «Mohren» zurückeroberten. Bis heute finden sich in spanischen Kathedralen und Museen Zeugnisse dieser Zeit. Sie zeigen, wie christliche Ritter den «Mohren» die Köpfe abschlugen, um sie anschliessend in ihr christliches Wappen einzufügen. Der Mohr als Wappenzeichen ist, historisch gesehen, eine Form der christlichen Demütigung des Islams.

Wie Mozarts «Zauberflöte»

Das heute sichtbare Wappenzeichen der Berner Mohrenzunft geht indes nicht direkt in diese Zeit des Mittelalters zurück. Vielmehr wurde es im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder neu gestaltet und hat sich laufend den moderneren Formen des europäischen Rassismus angepasst. Die heute verwendete Wappenfigur stammt aus dem Jahr 1891. Damals gab sich die Mohrenzunft anlässlich der 700-Jahr-Feier der Stadt ein neues Wappen. Dabei erhielt die Mohrenfigur ihr neues, bis heute verwendetes Design. Dieses zeigt alle Merkmale aus der Blütezeit des wissenschaftlichen Rassismus des 19. Jahrhunderts: die dicken roten Lippen, die kräftige Kieferpartie, die pechschwarze Haut und die abgeflachte Stirn (Symbol für geringes Hirnvolumen und geringere Intelligenz). Das sind jene Merkmale, die Schweizer Rassenforscher wie Carl Vogt, Louis Agassiz sowie teils auch der Berner Zoologieprofessor und Direktor am Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde, Theophil Studer, als «affenähnlich» charakterisierten. Für sie, wie für die meisten Naturforscher des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, standen «Neger» evolutionstheoretisch gesprochen nahe bei den Affen.

Dabei handelte es sich keinesfalls um einen Rassismus, der nur unter gebildeten Eliten zirkulierte. Die Überzeugung, dass die «Mohren» primitiv seien, gehörte zum populären Kulturgut der schweizerischen Bevölkerung. Vermittelt etwa durch Mozarts populäre Oper «Die Zauberflöte», die bereits in den 1790er-Jahren in Bern aufgeführt wurde. Die Aufführungen fanden im Kontext der anstehenden Eroberung Ägyptens durch Napo­leon statt. Ein ägyptischer «Mohr» spielt darin die Rolle der bösen und dunklen Gestalt. Popularisiert wurde der Rassismus im Verlauf des 19. Jahrhunderts auch durch Völkerschauen, die durch Schweizer Städte tourten und in denen dunkelhäutige Menschen aus den Kolonien zum Gaudi des Publikums als Vertreter «primitiver Rassen» präsentiert wurden. Vermittelt auch durch eine Presseberichterstattung über diese Völkerschauen, die die abgelegensten Dörfer der Schweiz mit dem Spektakel in Kontakt brachten. Wie die jüngere Forschung gezeigt hat, spielten diese Formen des Spektakels in der Schweiz eine grosse Rolle. So waren Völkerschauen hier populärer als in manchen kolonialen Metropolen wie Holland oder Spanien.

Transatlantischer Sklavenhandel

Einen ähnlichen Hintergrund weist die zweite Mohrenfigur der Zunft auf – die Statue vor dem Zunftlokal an der Kramgasse. Sie ist älter als das heute sichtbare Wappenzeichen. Sie stammt aus der Zeit um 1700 und ist eine künstlerisch missglückte Figur, wie der zunfteigene Historiker Gotthold Appenzeller bereits 1916 erläuterte. Demnach hätte die Figur eigentliche einen «Wilden» mit Pfeil und Bogen darstellen sollen. Der Prototyp der Figur, eine kleinere Holzversion, ist heute noch in der Zunftstube ausgestellt. Bei der Figur an der Hausfassade jedoch fehlt nicht nur der Bogen. Der Pfeil, den die Figur in der rechten Hand hält, sieht zudem aus wie ein Speer. Der Grund für die missglückte Darstellung liegt vermutlich darin, dass der damalige Künstler die Figur aus einer bereits bestehenden «europäischen» Figur herausmodellieren musste. Dafür spricht etwa, dass die Mohrenfigur eine ähnliche Körperhaltung aufweist wie die Zunftfigur der Zimmerleuten nebenan.

Die Entstehungszeit dieser Figur fiel in die Blütezeit des transatlantischen Sklavenhandels einerseits und des enormen Reichtums der bernischen Patri­zierfamilien andererseits. Aus der bis­herigen historischen Forschung war ­bereits bekannt, dass die Stadt Bern zwischen 1719 und 1734 eine der grössten Aktio­närinnen der britischen Südseekompanie war. Sie investierte 253 000 britische Pfund (heute rund 740 Millionen Franken), was einem Gegenwert von mindesten 20 000 afrikanischen Sklavinnen und Sklaven entsprach. Weniger bekannt war, dass sich auch die Berner Mohrenzunft am Sklavenhandel beteiligte. Wenige Jahre nachdem sie ihre Zunft­statue in der Kramgasse errichtet hatte, investierte sie 13 020 Pfund in britische «Südseeaktionen». Das Aktienpaket, das ­ungefähr 40 Millionen heutigen Franken entspricht, hielt sie zwischen 1726 und 1732. Auch das lässt sich beim Zunfthistoriker Gotthold Appenzeller nachlesen.

Sowohl das Wappenzeichen als auch die Statue der Mohrenzunft sind also nicht nur Symbole aus der Blütezeit des europäischen Rassismus, sondern erinnern auch daran, wie die herrschenden Berner Familien in das System der Sklaverei und der wirtschaftlichen Ausbeutung afrikanischer (und anderer) Kolonien involviert waren.

Nicht nur Symbolpolitik

Wie steht es mit dem Argument, dass die Kritik an solchen Figuren «Symbolpolitik» sei und von den viel gravierenden Problemen des «realen Rassismus» in der Schweiz ablenke? Die strukturelle Diskriminierung von Menschen mit Mig­rationshintergrund in der Schweiz bei der Wohnungs- und Arbeitssuche wie auch im Bildungswesen ist dokumentiert. Insbesondere Menschen mit dunkler Hautfarbe machen regelmässig die Erfah­rung, dass sie, ohne nachvollziehbaren Verdacht, von der Polizei angehalten und kontrolliert werden. Das sind in der Tat Probleme, die es anzupacken gilt. Diese Formen des alltäglichen Rassismus und der Diskriminierung sind jedoch nicht kategorial etwas anderes als die symbolische Demütigung, die die Mohrenfiguren in der Berner Altstadt darstellen. Sie sind Teil desselben Problems. Die Tatsache, dass niemand von der altein­gesessenen, weissen Berner Bevölkerung jemals Anstoss an diesen Figuren nahm, ist ein wesentlicher Teil des kulturellen Kontexts, in welchem der alltägliche Rassismus gedeiht. Dieser kulturelle Kontext zeichnet sich durch ein mangelndes Bewusst­sein und oft durch ein schlichtes Nichtwissen darüber aus, wie stark die heutige Globalisierung im Zeitalter des europäischen Kolonialismus und Rassismus wurzelt. Und wie stark diese Vergangenheit sich nicht nur im Stadtbild, sondern unbewusst auch in den Köpfen eines kleinen Landes festgesetzt hat, das selber zwar nie eine Kolonialmacht war, jedoch stets auf der europäisch-imperialen Seite der Geschichte stand.

Wie könnte man also Berns Unesco-Weltkulturerbe dekolonisieren? Die Mohrenzunft könnte das tun, was sie in vergangenen Jahrhunderten immer wieder gemacht hat: ihre Figuren und Wappen neu gestalten. Am besten basierend auf Vorschlägen von Schweizer Grafikerinnen und Designern mit afrikanischer Herkunft. Die Universität Bern könnte ein Forschungsseminar zu Berns Kolonialgeschichte anbieten. Und das Historische Museum Bern könnte eine Ausstellung über die Berner Kolonialgeschichte gestalten. Es besitzt in seinen Magazinen zahlreiche Objekte, die über die kolonialen Verbindungen des bernischen Patriziats erzählen. Wenn eine solche Ausstellung nachvollziehbar macht, weshalb die alteingesessene Bevölkerung eine gemeinsame koloniale Geschichte mit den Zugewanderten aufweist, würde sie einen Beitrag zur historischen Aufklärung der globalisierten Gegenwart leisten.

Bernhard C. Schär ist Mitarbeiter am Institut für Geschichte der ETH Zürich und Mitglied des Forschungsnetzwerks «Postkoloniale Schweiz». (Der Bund)

Erstellt: 29.12.2014, 11:45 Uhr

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