Video aus Berner Asylunterkunft Hochfeld zeigt prekäre Zustände

Fäkalien auf dem Toilettenboden, blutige Papierfetzen auf der Spiegelablage: Ein veröffentlichtes Video fördert Unschönes zutage.

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Die Lebensumstände in der unterirdischen Notunterkunft Hochfeld in der Berner Länggasse sind für Asylsuchende alles andere als angenehm – dies ist nicht neu. Verschiedene Medien berichteten über Drogenhandel, Lärmbelastung und unlängst über den Bettwanzenbefall in der Asylunterkunft. Nun aber scheint das Ausmass der Missstände eine neue Dimension anzunehmen: Mittels Videoaufnahmen drangen am Donnerstag Bilder aus der Asylunterkunft an die Öffentlichkeit, die die angeblich schlimmen Zustände im Hochfeld bestätigen könnten: Abwasser quillt im Nassbereich aus dem Abfluss, an den Wänden über den Stockbetten sind dunkle Flecken zu sehen – ob es sich dabei um Schimmel oder eine Ansammlung von Ungeziefer handelt, ist nicht erkennbar.

Ein Asylsuchender hat das Video mit seiner Handykamera aufgenommen und an Anwohner weitergeleitet, welche mit den Bewohnern seit der Eröffnung der Unterkunft in Kontakt stehen. Die Anwohnerorganisation nennt sich MUF – Menschenwürdiger Umgang mit Flüchtlingen. Laut der Organisation scheint genau dieser im Hochfeld aktuell zu fehlen: Viele der Asylsuchenden seien resigniert oder wütend, sagt Dagobert Onigkeit von MUF. «Sie fühlen sich von der Zentrumsleitung nicht ernst genommen.» Mehrere Asylsuchende hätten ihm erzählt, dass die Zentrumsleiter im Gespräch demonstrativ auf das Handy statt den Asylsuchenden ins Gesicht schauen würden. Laut Onigkeit zeigten diese Bilder deshalb nur Symptome, die Problematik sei vielschichtiger. «Die ganze Behandlung der Asylsuchenden ist das Problem, sie fühlen sich wie Abfall behandelt. Das tut weh.»

Als die Zentrumsleitung mit dem Videomaterial konfrontiert wurde, verwies sie auf den kantonalen Migrationsdienst. Noch vor einem Monat jedoch hatte der Zentrumsleiter Michel Jungo gegenüber dem Schweizer Fernsehen beteuert, die Hygienebedingungen im Hochfeld seien mehr als genügend. «Wir haben einen sehr straffen Reinigungsplan, wir wollen die Asylsuchenden ja auch beschäftigen.» Die Unterkunft sei deshalb wahrscheinlich «überreinigt».

Dreck wegen «Gestörten»?

Aber auch der Migrationsdienst nahm zu den Aufnahmen nicht konkret Stellung. Die Leiterin des Migrationsdienstes, Iris Rivas, schrieb lediglich, man stehe mit den Betreibern aller Zentren in engem Kontakt und sei mit ihnen zusammen dafür besorgt, «dass die hygienischen Bedingungen in den Kollektivzentren so gut wie möglich eingehalten werden». Die Reinigung der Sanitäranlagen sei in erster Linie Sache der Asylsuchenden, so Rivas weiter. «Es darf von den Asyl­suchenden erwartet werden, dass sie einen Beitrag zur Sauberkeit in den durch sie benutzten Anlagen leisten.»

Zeugen Fäkalien neben der Toilettenschüssel also von Unachtsamkeit? «Nein», meint Onigkeit. «Vermutlich sind nur einige wenige Asylsuchende dafür verantwortlich.» Er habe Kenntnis von Bewohnern, die laut Berichten anderer Asylsuchender «etwas gestört» seien und beispielsweise in der Nacht Selbstgespräche führten oder tagelang an die Decke starrten. «Diese Leute ­sollten intensiver betreut werden.»

Bekämpfung «extrem schwierig»

Die Hygienebedingungen in der Unterkunft Hochfeld brachten kürzlich auch eine Stadtberner Politikerin auf den Plan: Christa Ammann (AL) wollte Anfang Juli in einer dringlichen Interpellation vom Gemeinderat wissen, inwiefern dieser von den hygienischen Bedingungen im Hochfeld Kenntnis habe und ob er allenfalls Massnahmen gegenüber der Betreiberin ORS in Betracht ziehe. Besonders der Wanzenbefall der Unterkunft machte der Stadträtin Sorgen. Dieser sei seit vergangenem Januar bekannt, die Bekämpfung erfolge jedoch nur zögerlich, sagte Ammann gegenüber dem Schweizer Fernsehen. «Mir ist die Bekämpfung nicht ernsthaft genug, sonst wäre das Problem schon längst ­beseitigt.»

Eine Antwort der Stadtregierung auf die Interpellation steht noch aus, gegen die Wanzen wurde mittlerweile vorgegangen. Man habe sogar beschlossen, weitere Stromleitungen zur Unterkunft zu legen, um mittels Erhitzung der Räume die Wanzen abzutöten, sagt Rivas. Die Wanzenbekämpfung ist mittlerweile abgeschlossen – das Ungeziefer jedoch gemäss Aussagen von Asylsuchenden schon wieder zurück. Eine erfolgreiche Wanzenbekämpfung an einem stark frequentierten Ort mit vielen personellen Wechseln sei aber auch «extrem schwierig», sagt ein Berner Kammerjäger. (Der Bund)

Erstellt: 08.08.2014, 07:11 Uhr

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