«In der Reitschule 
herrscht das Gesetz der Omertà»

Fritz Brönnimann vom Vorstand der Grossen Halle möchte, dass sich auch die Betreiber des Dachstocks und weiterer Betriebe gegen die Gewalt in der Berner Reitschule wehren.

Fritz Brönnimann in der Grossen Halle der Reitschule.

Fritz Brönnimann in der Grossen Halle der Reitschule.

(Bild: Adrian Moser)

Adrian M. Moser@AdrianMMoser

Herr Brönnimann, vor gut drei Wochen sind Vandalen in die Grosse Halle der Reitschule eingebrochen und haben vor allem mit Graffiti grossen Schaden angerichtet. Wie ist das möglich, an einem Ort, an dem es schon so viele Graffiti gibt?
Es handelt sich nicht nur um ein paar Tags, irgendwo in einer Ecke. Es wurden grosse Flächen versprayt, wohl mehr als 300 Quadratmeter. Auch die Bahnregeln der Reitschule, die vor mehr als 100 Jahren auf die Wand gemalt wurden und denkmalgeschützt sind, wurden übersprayt. Die werden wiederhergestellt werden müssen. Weiter waren die Bar und die schwarzen Kuben, in denen Toiletten und Materiallager untergebracht sind, verschmiert. Das hätten wir auf keinen Fall stehen lassen können.

Gibt es weitere Schäden?
Drei Türen wurden aufgebrochen und ein Lagerraum. Daraus wurde ein teures Starkstromkabel gestohlen. Wären in den letzten drei Wochen Veranstaltungen auf dem Programm gestanden, hätten wir sie absagen müssen. Für das Forum Schützenmatte am Donnerstag wird die Halle aber wieder bereit sein.

Wer, glauben Sie, steckt hinter diesem Einbruch? Ich nehme an, dass die Angreifer aus ähnlichen Kreisen kommen wie jene, die im Herbst 2012 hier eine Elektroparty überfallen haben.

Der Schriftzug der Sprayergang 031 prangt an der Wand.
Ja, aber auch weitere bekannte Tags wie Yep oder Puber. Natürlich können es auch Nachahmer gewesen sein, aber die Vermutung liegt nahe, dass die Täter aus diesen Kreisen stammen.

Kennen Sie diese Leute persönlich?
Nein. Aber ich denke, dass andere, die öfter hier sind als ich, sie kennen.

Warum gelingt es nicht, diese Gruppen unter Kontrolle zu bringen?
Etwas überzogen kann man sagen: In der Reitschule herrscht das Gesetz der Omertà. Es hat etwas Mafiöses: Man weiss von Dingen, die schlecht laufen – nicht nur in der Grossen Halle, sondern auch in anderen Betrieben der Reitschule –, aber man schweigt. Es wird nicht offen diskutiert. Ich weiss nicht, ob aus Angst oder weil man Aussenstehenden keine Argumente gegen die Reitschule liefern will. Auf jeden Fall will sich niemand exponieren.

Gibt es Drohungen in der Reitschule?
Ich engagiere mich seit anderthalb Jahren in der Grossen Halle und wurde bisher glücklicherweise nicht bedroht. Aber es gibt Leute, die sich aus der Reitschule zurückgezogen haben, weil sie bedroht wurden.

Sie haben es bereits angesprochen: Knapp zwei Jahre ist es her, dass Unbekannte eine Elektroparty in der Grossen Halle überfallen und zum Abbruch gebracht haben. Wie hat sich das Problem der Gewalt innerhalb von Reitschule-Kreisen seither entwickelt?
Seit 2012 ist nichts Derartiges mehr passiert. Ich glaube aber auch nicht, dass man von Gewalt innerhalb von Reitschule-Kreisen sprechen kann. Eher sind diese Vandalen Trittbrettfahrer, die den Freiraum der Reitschule missbrauchen. Solche Aktionen passen nicht zum Geist der Reitschule.

Dennoch: Von verschiedener Seite ist zu vernehmen, 031 habe sich in den basisdemokratischen Strukturen der Reitschule eingenistet und übe dort Macht aus.
Ich persönlich kann das nicht bestätigen, weil ich mich zu wenig in den Strukturen der Ikur – der Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule – und an der Vollversammlung bewege. Aber auch mir sind solche Aussagen bekannt.

Worin sehen Sie die Motivation für den Einbruch in die Grosse Halle?
Ich sehe in der Aktion keinen Sinn und keine Botschaft.

Die Grosse Halle ist von der Ikur unabhängig und hat einen eigenen Leistungsvertrag mit der Stadt. Die Strukturen sind konventioneller, ohne Basisdemokratie zum Beispiel – muss man nicht davon ausgehen, dass der Einbruch damit zu tun hat?
Das ist möglich.

Das Verhältnis zwischen der Ikur und der Grossen Halle gilt als nicht sehr gut – teilen Sie diese Ansicht?
Nein. Ich sehe die Grosse Halle als Bestandteil des Ganzen, aber mit speziellem Auftrag und Programm. Wir sprechen ein leicht anderes Publikum an als andere Betriebe der Reitschule. Aber ich habe den Eindruck, wir haben ein gutes Einvernehmen mit der Ikur.

Nun wendet sich die Grosse Halle mit einem offenen Brief an die Öffentlichkeit – weshalb?
Wir wollen das Schweigen durchbrechen. Wir wollen sagen, dass wir diese Art des Umgangs nicht weiter tolerieren. Es braucht einen offenen Diskurs über die Gewalt in der Reitschule. Aber auch die Öffentlichkeit soll wissen, dass es in der Reitschule Leute gibt, die das, was andere machen, sabotieren wollen.

Im Brief gibt es nur eine einzige Forderung: jene nach einer «offenen und respektvollen Auseinandersetzung» mit der Grossen Halle und der Arbeit ihrer Betreiber. An wen richtet sie sich primär?
An die anonymen Täter, die in die Grosse Halle eingebrochen sind. Sie sollen sich zeigen und mit uns in einen Dialog treten. Dann können sie uns gerne sagen, dass wir hier das Falsche tun und dass wir stattdessen dieses oder jenes machen sollen. Wir sprechen aber auch die Öffentlichkeit an und den Gemeinderat.

Was soll der Gemeinderat tun?
Wir erwarten, dass er unsere Situation ernst nimmt und hilft, nach Lösungen zu suchen. Damit wir unseren Leistungsvertrag erfüllen können, brauchen wir Sicherheit.

Sicherheitsdirektor Reto Nause hat am Freitag erneut an die «konstruktiven Kräfte» in der Reitschule appelliert. Können die es richten?
Diese konstruktiven Kräfte gibt es. Aber sie sind noch in einem Stadium, in dem sie die Probleme intern lösen wollen.

Sie wünschen sich, dass die Betreiber des Dachstocks, des Theaters, des Kinos oder anderer Betriebe der Reitschule ebenfalls aufstehen und sagen: So geht es nicht mehr.
Genau. Erst dann liesse sich die dringend notwendige Debatte über die Gewalt einzelner Gruppierungen führen.

DerBund.ch/Newsnet

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