Im Herbst kommt die grosse Velo-Offensive

Die städtische Verkehrsdirektorin plant Grosses. Gar vom «Kulturwandel» in der Verkehrspolitik ist die Rede. Der Konflikt mit ÖV und Autos ist programmiert.

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Marcello Odermatt@cellmob

Mit dem Velo von Ostermundigen auf ­einer eignen, grosszügigen Velobahn ohne Konfliktpotential mit Autos oder Bussen über das Berner Stadtzentrum nach Köniz radeln; das Ganze ohne nervige Zwischenstopps vor Ampeln oder anderen Verkehrshindernissen; statt ­Autoschlangen, Trams und Bussen ­prägen unzählige Velofahrerinnen und Velofahrer das Stadtbild, weil diese seit der Umkrempelung der Verkehrswege in der Bundesstadt das Sagen haben. Die Verwaltungs- und Politikstadt Bern ist das Velozentrum der Schweiz geworden.

So wird es in Bern wohl kaum je sein. Zumindest noch eine Zeit lang nicht. Geht es aber nach den Plänen von ­Gemeinderätin Ursula Wyss, soll sich Bern zumindest in diese Richtung entwickeln. Die Verkehrsdirektorin feilt derzeit an einer Velo-Offensive, die in der Stadt zu einem eigentlichen «Kulturwandel» in der Verkehrspolitik beitragen soll. Es soll wohl gar ein Prestigeprojekt der SP-Politikerin werden, die in den ­ersten zwei Jahren ihrer ersten Legislatur bisher noch keine grossen Stricke zerrissen hat. Angedeutet hat sie diese Pläne zu Beginn ihrer Amtstätigkeit im Interview mit dem «Bund» bereits: «Wenn wir sehen, dass der Veloverkehr elf Prozent des Gesamtverkehrs ausmacht, ist das bloss noch okay. Das Ziel wäre, diesen Anteil zu verdoppeln, so sieht es der Richtplan vor. Um das zu schaffen, braucht es weitere Investitionen. Wenn man schaut, warum die Leute das Velo stehen lassen, sind Topografie und Sicherheit die Hauptkriterien.»

Fast ganze Verwaltung involviert

Wie Simon Küffer, stellvertretender ­Generalsekretär von Wyss‘ Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün, auf Anfrage bestätigt, sind zahlreiche Ämter, wie die Verkehrsplanung, die Sicherheits- und Umweltdirektion, das Sport­amt und weitere Stellen in das Projekt involviert. Noch vor den Sommerferien hätte der Gemeinderat erstmals darüber beraten sollen, doch verzögert sich Wyss‘ Offensive noch. Im Herbst soll der konkrete Fahrplan vorliegen. Inputs ­haben sich Wyss und ihre Veloplaner ­offenbar in München geholt, das velomässig auf etwa dem gleichen Niveau wie Bern stand und in wenigen Jahren stark zugelegt hat. Das Hauptziel dabei ist klar: Der Anteil Veloverkehr soll in Bern massiv ausgebaut werden. Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass das Potenzial dafür sehr gross ist. Nebst zusätzlichen Veloabstellplätzen stehen durch­gehende Velobahnen, sowie die Verstärkung der Anreize, um überhaupt auf das Velo umzusteigen, zur Diskussion.

Frage nach der Priorität des Velos

David Stampfli, SP-Stadtrat und Präsident von Pro Velo Bern, nimmt die neuste Entwicklung erfreut zur Kenntnis. «Es ist sehr gut, wenn von einem Kulturwandel die Rede ist», sagt er. Bisher geniesse das Velo in der Stadtberner Verwaltung einen geringen Stellenwert. Berücksichtige die Verwaltung bei ihren Verkehrsplanungen das Velo mehr, sei dies ein grosser Schritt. Für Stampfli ist aber auch klar, dass die Verkehrsdirektorin schon einen grossen Wurf vorlegen müsse, damit es sich um eine Velo-­Offensive handle: «Für mich heisst das, dass künftig das Velo bei der Verkehrs­planung Priorität haben muss, auch vor dem öffentlichen Verkehr.»

Gerade mit dem öffentlichen Verkehr, mit den Trams und Bussen, zeichnen sich laut Stampfli immer mehr Konflikte ab. Oft bedeuteten etwa Tramschienenführungen oder auch die Tramhaltestellen von Bernmobil für Velofahrende grosse Probleme oder Hindernisse. Auch beim derzeit aktuellen ÖV-Projekt, dem Tram ­Region Bern, war denn auch Pro Velo Bern keineswegs voll des Lobes, weil die Veloorganisation im Tram-Projekt zahlreiche Massnahmen erkannte, die schlecht für die Velofahrenden sind. Pro Velo beschloss denn auch Stimmfreigabe für die Abstimmung im nächsten September. «Wyss muss sich entscheiden, ob sie in gewissen Fällen das Velo gegenüber dem öffentlichen Verkehr priorisieren will», sagt Stampfli.

Wie immer die Pläne von Wyss aus­sehen werden, die Konflikte sind also vorprogrammiert. Nicht nur mit den Lobbyisten der Trams und Busse oder denjenigen der Velos, sondern vielmehr noch mit denjenigen des motorisierten Individualverkehrs, also mit den Autofahrern. Denn wenn das Velo in der Stadt mehr Platz bekommen soll, müssen wohl Parkplätze oder Autospuren verschwinden. Letztere verfügen bei der rot-grünen Stadtregierung ja ohnehin nicht über viel Goodwill.

TCS ist bereits gewarnt

«Aufgrund der Erfahrungen der letzten Jahre müssen wir damit rechnen, dass bei einer Velo-Offensive die Autofahrer auf der Strecke bleiben», sagt Jean-Marc Fries, Geschäftsführer des TCS Sektion Bern. Gegen die Förderung des Veloverkehrs habe der TCS ja nichts, so Fries. Wenn dies aber auf Kosten des städtischen Basisnetzes gehe, also auf Kosten der flüssigen Verbindungen zwischen den Quartieren, werde sich der Verband mit Sicherheit dagegen wehren. Denn die bisherige Strategie der Stadt, die ­Autos auf die Autobahn zu drängen, ­gerate langsam aber sicher an die Grenzen. Damit nehme der Druck zu, dass der Verkehr wieder in die Quartiere führe.

Der Bund

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