So funktionierte das Berner Kies-Kartell

Kiesbatzen und Koordinationsverbände: Die Weko erklärt, wie aus einst legalen Absprachen ein illegales Kartell wurde.

Bis in die 90er-Jahre gab es in der Schweiz eine «Kartelltradition» – auch in der Kiesbranche.

Bis in die 90er-Jahre gab es in der Schweiz eine «Kartelltradition» – auch in der Kiesbranche.

(Bild: Manu Friederich)

Calum MacKenzie@CalumMacKenzie0

In ihrer Mitteilung legt die Wettbewerbskommission dar, wie das mutmassliche Berner Kies-Kartell agiert haben soll. Die Anfänge der illegalen Vorgehensweisen sieht die Kommission bereits vor mehreren Jahrzehnten.

1974 gründeten die Kästli- und Alluvia-Gruppen den Kies- und Transportverband Bern und Umgebung (KTB-Verband). Dass dieser als Koordinationsorgan für ein gemeinsames Kartell fungierte, streitet der Präsident der Kästli-Gruppe auch heute nicht ab. Früher habe es in sämtlichen Branchen legale Kartelle gegeben, so Daniel Kästli.

Auch Frank Stüssi von der Weko anerkennt die Legalität des Kartellverbands. «Bis in die Neunzigerjahre galt die Schweiz als eines der kartellistischeren Länder, es gab eine Art Kartelltradition.» Gewisse Praktiken seien als normal angesehen worden, die aus späterer Sicht klar unzulässig seien.

So auch aus Perspektive des Kartellgesetzes, das 1996 in moderner Form eingeführt wurde. Danach wurde der Verband aufgelöst, in der Folge wurde eine KTB AG von den beiden Firmen auf die Beine gestellt. Laut Kästli sei diese eine legale gemeinsame Inkassostelle gewesen, doch gemäss Weko diente sie zudem als Angelpunkt einer neuen Form des Kartells. «Im Rahmen der AG hatte man die Gelegenheit, sich gemeinsam zu koordinieren», so Stüssi.

An den sporadischen Sitzungen der KTB AG seien beispielsweise enge Bandbreiten für Preissenkungen oder -erhöhungen vereinbart worden. Damit hätten die Firmen den Preiswettbewerb für Kies- und Betonprodukte sowie für den Transport eingeschränkt.

Gemeinsame Dominanz

Verschiedene Abmachungen sollen dazu gedient haben, den Berner Markt gemeinsam zu dominieren. In ihren jeweiligen Liefergebieten hätten sich die Unternehmen geeinigt, einander nicht zu konkurrieren; ausserdem sollten Verkäufe durch andere Anbieter möglichst verhindert werden.

So haben die beiden Unternehmen laut Weko für Kunden Anreize geschaffen, Kies oder Beton ausschliesslich bei ihnen zu beziehen. Dazu habe ein gemeinsamer Mengenrabatt gehört. Da der Rabatt von der gesamten von Alluvia oder Kästli bezogenen Menge abhing, habe dies Kunden dazu bewegt, die beiden Firmen zu bevorzugen.

Dies sei auch der Hintergedanke des sogenannten Kies- und Betonbatzen gewesen. Wenn Mitglieder des Baumeisterverbands Region Bern bei Alluvia oder Kästli Material bezogen, zahlten die Firmen dem Verband 30 Rappen pro bezogenem Kubikmeter Kies und 50 Rappen pro Kubikmeter Beton. Das Geld ging an die Lehrlingsausbildung durch den Verband. Der Batzen wurde jedoch gestrichen, wenn ein Verbandsmitglied von einem anderen Anbieter Material bezog.

Diese Tätigkeit wurde nicht verdeckt. «Der Batzen war dem Baumeisterverband und den Kunden bekannt», sagt Stüssi. «So eine Art von Treuebonus muss nicht unzulässig sein, es kommt auf die Umstände an.» Zu diesen verdächtigen Umständen zählt die Weko die unterschiedlichen festgestellten Praktiken, die nicht als isoliert zu betrachten seien. Vielmehr seien sie Ausdruck eines Konsenses gewesen, den Wettbewerb im Kanton Bern einzuschränken.

Die Busse von 22 Millionen Franken habe Alluvia zu rund zwei Dritteln und Kästli zu einem Drittel zu tragen, so die Weko. Die unzulässigen Praktiken hätten nicht bis zum heutigen Tag gedauert: Der Kies- und Betonbatzen wurde 2011 eingestellt; die weitere Kartellkoordination habe mit der Aufhebung der Inkassostelle 2013 ein Ende genommen.

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