Seine Kunst passt auf eine Briefmarke

Ein Film dokumentiert das 50-jährige Schaffen des Muriger Künstlers Oskar Weiss. Sein vielfältiges Werk ist fast immer von einer heiteren Note durchdrungen.

Ein halbes Jahrhundert Künstler: Oskar Weiss in seinem Atelier in Muri.

Ein halbes Jahrhundert Künstler: Oskar Weiss in seinem Atelier in Muri.

(Bild: Adrian Moser)

Markus Dütschler

Starkoch Oskar Marti («Chrüter-Oski») ist hier, der Musiker Peter Reber, der Kulturförderer Hugo Ramseyer und der Materialchef der Muriger Feuerwehr. Was haben die drei miteinander zu tun? Sie und etliche andere kommen in einem Film vor, der das Leben des 75-jährigen Künstlers Oskar Weiss dokumentiert (kleiner Text). Das Premierenpublikum im voll besetzten Lichtspiel staunt über das vielfältige Werk, das Weiss in einem halben Jahrhundert geschaffen hat.

Wer Weiss in seinem Muriger Atelier besucht, ist von dessen Arbeiten rundum umgeben: Gerahmte Bilder lehnen an der Wand, Plakate kleben an der Türe (etwa jenes zur Berner Fastnacht), Bücher füllen die Regale. Und oft, wenn die Rede auf ein bestimmtes Thema kommt, holt Weiss etwas vom Dachgeschoss oder vom Nebenraum.

Wie bei mancher Künstlerkarriere fing alles bescheiden an. Weiss absolvierte in Zürich an der Kunstgewerbeschule eine Grafikerausbildung. Dort sei ihm ein solides Handwerk beigebracht worden – und der Sinn, Aufträge zeitgerecht auszuführen. Ein Besucher der Aufführung im Lichtspiel meinte, Weiss sei der «Spitzweg des 21. Jahrhunderts», der Maler, dessen berühmtes Bild einen armen Künstler in einer undichten Mansarde zeigt. Weiss hauste 1969 nicht so, sondern aus Budgetgründen vorerst bei den Eltern und bemühte sich um Aufträge. «Ich hatte weder Gönner noch ein Netzwerk – nichts.» Das änderte sich allmählich. Die Migros-Tochter Ex Libris war von einem Titelblattentwurf für ihr Kundenmagazin angetan, die Satirezeitschrift «Nebelspalter» druckte seine eingesandten Zeichnungen ab, ein Werbebüro gab ihm Grafikeraufträge.

Schalk durchdringt Werke

Ein frühes grösseres Werk, das wenige kennen, waren 1980 die Wandbilder in der Cafeteria des Verteidigungsministeriums. Dieses hiess EMD und nahm sich todernst. Zumindest in der Kaffeepause hatten die gestrengen Militärs ein Grinsen auf den Lippen: Altmodisch uniformierte Soldaten werfen zum Beispiel von einem Doppeldecker stachelige Kakteen als Bomben hinunter. Der «Bildererfinder» hat sich auch der Maltechnik des Aquarells gewidmet. Oder dem alten Genre des Stilllebens.

«So ganz still ist das Stillleben bei mir nicht.»

«So ganz still ist es bei mir nicht», sagt Weiss schmunzelnd. In der Tat: Wer den Teller mit den gesunden und dem einen faulen Apfel betrachtet, merkt, wie sich die gesunden Früchte indigniert an den Tellerrand drängen. Früchte, Essen, Wein: Das alles liebt Weiss, dessen Sache das asketische, selbstverzehrende Leiden an der Welt nie war. Als «Chrüter-Oski» Kinder zum Selberkochen motivieren wollte, erfand der andere Oski die Katze Cocolino, die es sogar auf eine Schweizer Briefmarke schaffte. Als Peter Rebers Kinderlied-Hit vom «Hippigschpängschtli» als Kinderbuch erscheinen sollte, war klar, wer sich des Wesens mit liebevoller Fantasie annahm.

Rettungsinsel Schweiz

Einem Genre hat Weiss zu neuer Blüte verholfen: dem Herbarium. In früheren Zeiten studierten Apotheker kolorierte Zeichnungen von Heilkräutern mit Texten über deren Wirkung. Weiss, dessen Gattin bis vor einigen Jahren eine Apotheke führte, hat eigene Pflanzen mit sehr speziellen Eigenschaften erfunden, die er im altertümlichen Wissenschaftsjargon umschrieb, die «Kriminelke» etwa. Auch in der Önologie hat Weiss Spuren hinterlassen. Im Buch «Weinfestival» zu Oskars fidelen Streifzügen durch Äthanolien lernt man Trauben der Sorte «Wolliser» kennen, deren Früchte verdächtig Wollknäueln ähneln – ein doppelter Gag.

Wenn Weiss auf 50 Künstlerjahre zurückblickt, wird ihm bewusst, «dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass ich hier sitze und erzähle». Seine Eltern flohen nach der Reichspogromnacht in die Schweiz, doch war es eine prekäre Existenz. Es bedurfte mancher Kämpfe mit Bürokraten, bevor die Familie 1954 in Bern wieder zusammenfand. Zur Schoah hat Weiss für den Jüdischen Friedhof eine Gedächtnisstätte entworfen: ein Davidsstern, wie vom Blitz gespalten, in einem an die Klagemauer erinnernden Halbrund. Dort sollten Rosen wachsen, doch es ist zu schattig, weshalb sich Efeu breitmacht. «Ein Kunstwerk verändert sich, oft anders, als es der Künstler plante.»

Begegnungen mit Menschen wiedermontag.derbund.ch

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...